Lebensrettung mit Tücken? Datenschützer: eCall-System Türoffner für Datensammler

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Osnabrück. Eigentlich ist es eine gute Sache: Seit dem 1. April müssen alle neuen Pkw-Modelle und leichten Nutzfahrzeuge in der EU mit einem eCall-Notrufsystem ausgestattet sein. Volker Lüdemann vom Niedersächsischen Datenschutzzentrum aber warnt, die Technik könnte zum Dreh- und Angelpunkt für automobile Datensammler werden.

„Unter dem Deckmantel der Lebensrettung droht der eCall zum Türöffner für weitreichende Datennutzungen zu werden“, sagt der Wirtschaftsrechtler an der Hochschule Osnabrück im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Hersteller könnten nicht nur über die Unfalldaten aus dem Notruf-System, sondern auch unkontrolliert über die Daten aus den etwa 80 Sensorsystemen für die Bordelektronik vom Gurtstraffer bis zur Heizung verfügen. „Und die sind richtig Geld wert“, so der Experte.

Eine Möglichkeit von vielen für die Erschließung zusätzlicher Geldquellen könnte zum Beispiel das sogenannte Routen sein: Das Auto rufe dann im Notfall nicht direkt den Rettungswagen, sondern die Pannenhilfe des Herstellers. In der Folge würden auch alle weiteren Dienste von der herstellereigenen Leitstelle gesteuert. Für den Kunden bedeute dies, dass er zum Beispiel nicht mehr die freie Wahl der Werkstatt habe. „Wenn der Wettbewerb so aber ausgeschaltet wird, kann das teuer werden“, warnt der Experte.

Auf eigenen Servern

Nach Angaben des ADAC soll zum Beispiel Mercedes-Benz schon seit 2012 eigene Notrufzentralen haben. Wie der „Versicherungsbote“ berichtet, planen die Autohersteller, die sensiblen eCall-Daten auf eigenen Servern zu speichern. Dann soll der Inhalt dieser Daten auf einem anderen Server gedoppelt werden, damit auch andere Anbieter auf die Informationen zugreifen können. Lüdemann weist darauf hin, dass in vielen Luxuslimousinen, in denen eCall bereits Standard sei, die vollständige Aktivierung des normalen herstellereigenen Bordsystems, ohne dass der Fahrer es merke, die Deaktivierung des staatlich geprüften eCalls zur Folge habe.

ADAC kritisch

Auch der ADAC sieht die Kommunikationsdienste, die Fahrzeughersteller in eigener Verantwortung anbieten, kritisch. Einige Hersteller schlössen mit ihren Kunden Verträge mit weit umfangreicheren Datenpaketen als eCall, moniert der Autoclub. Bisweilen gebe es Klauseln, dass das Herstellersystem bei einem Unfall Vorrang vor dem eCall bekomme.

Eine Sprecherin der EU-Kommission sieht dagegen keine Schwächung des Datenschutzes: „Es gibt keine Verbindung zwischen dem eCall-System und dem On-Board-Diagnosesystem des Fahrzeugs“, betont sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Das eCall-System stehe voll im Einklang mit den strengen EU-Datenschutzvorschriften. Mit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung am 25. Mai werden diese sogar noch weiter gestärkt. „Praktisch bedeutet dies, dass alle Daten, die für einen bestimmten Zweck – hier ein Unfall – erhoben werden, nur für diesen einen Zweck verwendet werden können.“ Auch deren Löschung sei klar geregelt. Um diese Daten für einen anderen Zweck nutzen zu können, sei eine aktive Einwilligung des Nutzers erforderlich.“

Industrieförderung

Lüdemann überzeugt das nicht. Er betont, dass die von der EU vorgesehenen Datenschutzbestimmungen nur für das gesetzliche System gelten. Bald werde es hinter dem Lenkrad wohl genauso ablaufen wie heute schon beim Smartphone, befürchtet der Experte: endlos lange und klein gedruckte Hinweise auf AGBs, die sich ständig ändern und die man irgendwann einfach genervt und routiniert nur noch mit „Okay“ bestätigt.

Der EU-Kommission wirft Lüdemann vor, bei der Verordnung für den eCall Notfallrettung mit Industrieförderung verbunden zu haben. Sie habe dort ausdrücklich festgeschrieben, „dass die Einführung des eCalls die europäische Informationstechnologie auf den Weltmärkten stärken soll“. Mit der erforderlichen Technik werde künftig jedes europäische Neufahrzeug internet- und telematikfähig. Damit sei die Grundlage für innovative Mehrwertdienste rund um das Auto geschaffen.

Interesse an den Daten haben viele: darunter auch Pannendienste, Automobilclubs und Versicherungen. Letztere könnten zum Beispiel mit ihnen Risikoprofile erstellen und die Betroffenen mit spezifischen Tarifen belegen.


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