Den Toten auf den Zahn gefühlt Zähne helfen Biologin Christine Lehn bei der Identifikation von Toten

Von Kathrin Pohlmann


Osnabrück/ München. Gut geputzt oder schlecht gepflegt? Zähne verraten mehr als das. Vor allem Wissenschaftler können anhand von Zähnen Informationen aus der Kindheit eines Menschen herausfinden. Eine neue Methode hilft in der Rechtsmedizin bei der Identifikation von unbekannten Toten.

Dr. Christine Lehn ist forensische Biologin an der Universität München. Sie wird gerufen, wenn die Polizei nicht mehr weiter weiß. „Es geht um die Identität. Es ist ja so, dass Menschen, gerade wenn sie aus dem Ausland sind, hier gefunden werden und nicht zugeordnet werden können. Es gibt auch einige Fälle aus dem Prostituiertenmilieu, wo man immer wieder die Frauen nicht identifizieren kann.“

Ernährung spielt wichtige Rolle

Mit der sogenannten Stabilisotopen-Methode kann die Biologin die geografische Herkunft und die Aufenthaltsorte von unbekannten Menschen feststellen. Ernährung ist dabei ein wichtiges Stichwort. „Alles, was wir essen und trinken, findet sich auch in unseren Körpergeweben wider. Abhängig von der geografischen Herkunft haben die Lebensmittel verschiedene Isotopen-Verhältniswerte“, sagt Lehn. Zähne sind deshalb für die Wissenschaftlerin so wertvoll, weil sie in der Kindheit angelegt und gebildet werden. Danach werden sie nicht mehr vom Körper umgebaut, wie etwa Knochen. Die Informationen aus den jungen Jahren eines Menschen bleiben daher in den Zähnen erhalten.

Zähne verraten Herkunft

Lehn kann durch ihre Analyse feststellen, ob die Nahrung einer Person einen hohen Anteil an beispielsweise Mais enthalten hat. Der sei typisch für Südamerika und Nordamerika oder auch Afrika. Sie kann auch herausfinden, ob das Trinkwasser, das jemand zu sich genommen hat, aus warmen oder kühlen Regionen stammt oder ob jemand als Kind schon sehr viel Meeresprodukte gegessen hat. „Über die Analysendaten kann ich dann eine geografische Zuordnung machen“, sagt die Expertin. Durch die zunehmende Globalisierung haben sich allerdings Ernährungsgewohnheiten verändert. „Die mediterrane Ernährung ist jetzt nicht mehr nur auf den Mittelmeerraum beschränkt. Das muss man bedenken“, so Lehn.

Unterschiede zwischen Ost und West

Damit kann sie das fehlende Puzzleteil dem Gesamtbild eines Falls hinzufügen und die Leiche kann möglicherweise identifiziert werden. Was die Wissenschaftlerin noch an den Zähnen feststellen kann: „Zähne sind häufig mit Amalgam gefüllt, und an der Zusammensetzung des Amalgams kann man Zahnarbeiten aus Ost- und Westeuropa unterscheiden. Zumindest in der Vergangenheit war die Qualität des Amalgams unterschiedlich.“

Mumien, Altfälle und Mittelalter

Bei der Polizei werden immer mal wieder Altfälle aufgearbeitet. Es könne durchaus sein, dass sie Fälle aus den 1980er-Jahren bekomme.

„Da hatte ich letztens einen Kieferfund aus Regensburg, wo auch die Zähne noch eine wichtige Information über die Person beinhalteten, obwohl die schon in den 60er-Jahren gestorben sein muss“, berichtet Lehn. Sogar Mumien untersucht sie oder Personen aus dem Mittelalter. „Die Personen aus dem frühen Mittelalter waren die vermeintlichen Gründer vom Kloster Tegernsee und da war die Frage, wo kommen die her. Es fanden sich in den Zähnen prägnante Isotopen-Werte, die zeigten, dass die wirklich nur aus geologisch ganz besonderen Regionen kommen konnten, die es nicht so häufig gibt.“ Aber in der Regel arbeitet sie an aktuellen Fällen aus Deutschland.

Anfragen aus dem Ausland

Nicht selten wird Lehn auch im Ausland um Rat gefragt. An Fällen aus Österreich, der Schweiz und Frankreich hat sie schon mitgewirkt. Denn die Isotopen-Analyse ist laut Lehn nicht sehr verbreitet. „An der Uni Amsterdam gibt es noch Kollegen, die sich damit beschäftigen. In Deutschland gibt es die Isotopen-Analyse am Menschen nur hier in München.“ Das Verfahren gab es bereits in den 1950er-Jahren. Erst seit rund 18 Jahren wird es in der Rechtsmedizin angewendet.

Handwerker haben Zähne gezogen

Auch wenn der Besuch beim Zahnarzt den meisten Menschen kein Vergnügen bereitet, so kann man sich über die Errungenschaften der modernen Zahnheilkunde freuen. Statt Implantat oder Prothese wurde der Zahn damals in der Regel von Handwerkern gezogen – ohne Betäubung. Früher seien ziemlich viele Menschen an vereiterten Zähnen gestorben, sagt Lehn. Die Entzündung hat häufig eine Blutvergiftung ausgelöst.


Durch die Ernährung und die Luft, die Menschen einatmen, gelangen Isotopen-Gemische in den Körper. Sie werden in das Körpergewebe eingebaut. So kann man aus dem Isotopenverhältnis Rückschlüsse auf die Herkunft eines Menschen ziehen. Die Isotopenverhältnisse von Wasserstoff und Sauerstoff geben beispielsweise Auskunft über die Herkunft des Wassers in der Nahrung und in den Getränken oder ob jemand nahe am Meer oder im Gebirge gelebt hat. An den Kohlenstoffisotopen lässt sich zum Beispiel ablesen, wie jemand sich ernährte – ob er beispielsweise viel Weizen, Roggen, Reis oder Kartoffeln gegessen oder Maisprodukte bevorzugt hat. Nicht nur von Kohlenstoff gibt es solche Stabilisotopen, sondern auch von Stickstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Schwefel. Das sind die Hauptelemente, aus denen unser Körper aufgebaut ist.