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Und führe uns nicht in Versuchung Schokolade, Rotwein oder Plastik: So haben vier Autoren gefastet

Von Thorsten Bachert, Lea Böggemann, Lorena Dreusicke und Lisa Kleinpeter

Möhren statt Schokoriegel: Hartes Brot für Lisa Kleinpeter: Foto: Alexander HamacherMöhren statt Schokoriegel: Hartes Brot für Lisa Kleinpeter: Foto: Alexander Hamacher

Osnabrück. Schokolade, Kaffee, Rotwein, Facebook oder Plastik – unsere Autoren haben gefastet. Hier berichten sie von Tapas mit Apfelsaft, Käse am Stück und schwachen Momenten.

Redakteurin Lisa Kleinpeter verzichtet auf Zucker – es ist die Hölle

Fast wäre es passiert: Ich stehe in der Küche und bereite Quarkkeulchen vor. Noch 125 Gramm Zucker dazu und dann alles vermengen. Fertig. Hmm. Lecker, denke ich. Mit dem kleinen Finger fahre ich durch den Teig, der sich am Rand gesammelt hat. Und dann, gerade noch rechtzeitig fällt es mir ein: Halt! Es ist Fastenzeit... Das bedeutet für mich: Sechs Wochen Verzicht auf Schoko-Bons, Knoppers, Katjes Glücksgefühle und auch auf Quarkkäulchen-Teig. Kurzum: Der Verzicht auf Zucker. Mein Lebenselixier. 

Sechs Wochen! Das sind dieses Jahr drei Familienfeiern, ein Urlaub und vier Geburtstage von Kollegen. Sechs Wochen Meersalz-Reiswaffeln und Möhrchen statt Schokoriegel in der Schreibtischschublade. Sechs Wochen Inhaltsangaben studieren (Wie, in dieser Packung Bio-Chips ist Zucker enthalten?!) Sechs Wochen: „Komm, nur ein Stückchen. Weiß doch niemand.“ Und sechs Wochen die Frage: „Stört dich das überhaupt noch?“

Ganz klar: Ja! Auch nach fünf Wochen, drei Tagen, zehn Stunden und 17 Minuten stehe ich mit einer Banane in der Hand beim Supermarkt in der Quengelzone und überlege, ob ich jetzt eher mit einem ein Duplo, einem Snickers oder einem Mars meine Prinzipien über Board schmeißen und das Fasten brechen sollte. Oder mit allem drei? – Weiß doch niemand. Eine Stimme reißt mich aus meinen puderzuckersüßen Tagträumen „Der Nächste bitte.“ Ich bleibe tapfer, betone bei meiner nächsten Cappuccino-Bestellung: „Bitte ohne Kakao-Pulver (böser Zucker) – und ohne Keks.“

Warum ich das mache? Nicht aus religiösen Gründen. Viel mehr will ich einmal im Jahr meinen Zuckerkonsum auf Normalmaß bringen und mir beweisen, dass es auch ohne geht. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, nicht mehr als 25 Gramm freien Zucker pro Tag zu sich zu nehmen. Also Zucker, der nicht natürlicherweise im Essen enthalten ist. Traubenzucker im Obst ist damit okay.

25 Gramm... Ich muss lachen. Und dann weinen. Ein Snickers-Riegel enthält 49 Gramm Zucker. Etwa ein Achtel der empfohlenen Dosis streuen wir selbst in unseren Kaffee oder Kuchen. Doch meistens können wir den Süßmacher gar nicht sehen. Salatdressing, Chips, Saft, gesalzene Nüsse, Pizza, selbst Frischkäse kommt oft nicht ohne Zucker aus. So verbringe ich Stunden im Supermarkt mit dem Studieren von Inhaltsangaben. Ein Fruchtjoghurt enthält sieben Stück Würfelzucker, Milchschnitte drei Würfelzucker, selbst 100 Gramm Krautsalat beinhaltet vier Würfelzucker.

Aber zum Glück ist es bald geschafft. Ostersonntag steht vor der Tür und dann gibt es endlich wieder Katjes Glücksgefühle. Doch in diesem Jahr habe ich den Vorsatz gefasst, nur noch am Wochenende zu naschen. Aber mal sehen. Weiß doch niemand. Und was ich zuerst essen werde? Quarkkäulchen. Die Zutaten stehen bereit.

Kiba statt Pils für Redakteurin Lorena Dreusicke 

Was habe ich nur getan?, denke ich und stiere auf die Tischmitte, wo meine Freunde ihre Bierhumpen zusammenschlagen. In meinem Glas zieht Kirschnektar rote Schlieren durch den Bananensaft. Kiba, welch hübsches Kindergetränk. Dazu war ich nun 40 Tage verdammt, denn ich habe Alkohol gefastet. Freiwillig. Denn ich dachte, auf ein Genussmittel kann ich testweise leicht verzichten. Also lebte ich mehrere Wochen abstinent. Im Restaurant trank ich Saft und Limo statt Bier und Wein.„Schade“, dachte ich, wenn es eine Gelegenheit gab, Alkohol zu trinken. Ich bin kein Feinschmecker, aber eine Apfelschorle zu spanischen Tapas ruiniert das Geschmackserlebnis. Wein dagegen adelt gutes Essen und in lauen Sommernächten geht nichts über ein eiskaltes Bier – so verklärt würde ich meine Beziehung zu Alkohol beschreiben. Ich trinke nicht regelmäßig, aber durchaus gerne. Natürlich sind mir die Gefahren des Konsums bewusst, die Annehmlichkeiten aber auch. So werden zum Beispiel oft die Gespräche mit Freunden lebhafter und tiefsinniger, je mehr Alkohol fließt. Jedenfalls kommt es einem dann so vor. Mit klarem Kopf merkt man, wie irrwitzig manche der bierseligen Konversationen sind. Weil ich nicht mittrinken konnte, fühlte ich mich in so einer Runde irgendwann schlecht aufgehoben. Da, die lieben Menschen, die aufgeregt erzählen, mit roten Wangen und dem vierten Bier in der Hand, hier die Fastende mit ihrer heißen Zitrone, die aus manchem Gekicher nicht schlau wird. Ich merkte, indem ich nüchtern blieb, machte ich mich selbst zu meiner Spaßbremse.


Alkoholfasten? Blöde Idee, meint Lorena Dreusicke. Foto: Michael Gründel


Dennoch habe ich es durchgehalten. Alkohol habe ich während der Fastenzeit keinmal getrunken. Wenn auch einmal gelöffelt. Aus Versehen hatte ich mir in einem Restaurant Rote Grütze bestellt. Mit Schuss, wie sich herausstellte. Auf ihn hätte ich gut verzichten können. In Desserts finde ich Alkohol unnötig. Und auch Cocktails schmecken in der alkoholfreien Variante wunderbar. Die zuckrig-fruchtigen Gemische sind auch ohne berauschende Wirkung herrlich erfrischend. Ebenso das alkoholfreie Bier. Allerdings musste ich feststellen, dass man nach einer mit Fruchtsaft durchzechten Nacht zwar keinen Kater hat, doch trotzdem groggy ist. Danke für nichts, Alkoholfasten!

Ärgerlich war auch, dass ich auf den üblichen Schuss Wein beim Kochen verzichten musste. Ja, man kann argumentieren, beim Erhitzen verfliegt der Alkohol. Die angebrochene Flasche Rotwein im Kühlschrank allerdings nicht. Einfach zu verlockend. Denn schon meinen gekühlten Dessertschnaps vermisste ich sehnlichst. Jedes Mal wenn ich die Tür des Kühlschranks öffnete und nach der Milch oder dem Frühstücksaft griff, sah ich das Fläschchen Haselnuss-Eierlikör, wie es langsam eintrocknete. Da frage ich mich doch, wem der Verzicht eigentlich nützt. Klar schadet Alkohol dem Körper. Aber problematisch ist ja in der Regel nicht ein Schluck cremiger Eierlikör oder das erste Glas Wein, sondern die weiteren. Daher lautet mein persönliches Fazit nach 40 nüchternen Tagen: Alkoholfasten ist gut, wenn man sein Konsumverhalten bewusster wahrnehmen will. Ich kann mir auch gut vorstellen, weiterhin alkoholfreies Bier zu trinken, um die Rübe zu schonen. Aber nichts ersetzt mir meinen Wein. Was ihn angeht, verzichte ich auf einen Verzicht. Zum Wohl.

Lea Böggemann versuchte ohne Plastikmüll auszukommen

Die Bio-Gurken, warum ausgerechnet die Bio-Gurken? Sie waren es, die mich zum Plastikfasten brachten. Jeder Deutsche verbraucht rund 37 Kilogramm Plastikmüll allein aus Verpackungen, so eine Studie des Institutes der deutschen Wirtschaft. Und ausgerechnet die Bio-Gurken sind in Kunststoff eingeschweißt, während das konventionelle Gemüse unverpackt daliegt. Um das Bio-Gemüse von dem anderen Gemüse unterscheidbar zu machen, so lernte ich. Es ist mittlerweile sehr einfach geworden, sich bio zu ernähren. Jeder Supermarkt hat die Produkte im Sortiment. Aber einzukaufen, ohne unnötigen Plastikmüll zu verursachen – in Zeiten, in denen vieles fertig portioniert angeboten wird, ein schwieriges Unterfangen. Trotzdem habe ich den Versuch gewagt und die gesamte Fastenzeit – so gut es eben geht – auf Plastik verzichtet. Obst und Gemüse ohne Kunststoffüberzug zu finden, war da noch das kleinste Problem. Stichwort Lebensmittel: Käse oder Salami gibt es an der entsprechenden Supermarktheke auf Nachfrage auch unverpackt, allerdings nur am Stück. Das ist nicht weiter schlimm, kaufe ich halt auf Vorrat. Schwieriger wird es bei einem Stück Fleisch zum Braten. Die mitgebrachte Brotdose darf aus Hygienegründen nicht über die Ladentheke wandern. Das Fleisch nur in Papier einzupacken, kommt für die Verkäuferinnen nicht infrage. Bei der Bäckereiverkäuferin ist das wiederum kein Thema. Sie händigt mir das Brot auch bereitwillig in der Papiertüte aus.


Der gelbe Sack bleibt bei Lea Böggemann leer. Foto: David Hausfeld


Wie unüberlegt und überflüssig wir tagtäglich Verpackungsmüll produzieren, wurde mir bei einem Gang auf den Markt klar. So gerade konnte ich die eifrige Verkäuferin davon abhalten, das frisch ausgesuchte Käserad in eine Plastiktüte zu stecken. Als sie fragte, ob sie denn zumindest etwas Papier drum herumschlagen solle, lehnte ich auch das dankend ab. Der Käse ist mit seiner Rinde ja quasi von Haus aus schon ausreichend sicher verpackt, entgegnete ich. „Joah, da habense recht“, antwortete die Verkäuferin daraufhin und blickte mich etwas verunsichert an.

Viele Lebensmittel lassen sich wiederum ganz einfach im Glas kaufen, etwa Milch oder Joghurt. Bei Waren wie Reis, Nudeln oder Haferflocken geriet ich jedoch auch im Supermarkt an meine Grenzen. Das machte mich zur Stammkundin in einem „Unverpackt“-Laden. Hier poltere ich regelmäßig mit einem Korb voller Glasgefäße von zu Hause rein und fülle die Ware ganz einfach selber ab. Das Wichtigste: Auch eine große Auswahl Schokolade gibt es hier ganz ohne Verpackung. Einen großen Nachteil hat Glas aber gegenüber Plastik: Es ist deutlich schwerer. Dafür kaufe ich bewusster und – weil größere Mengen – auch seltener ein.

Nahrungsmittel einkaufen ist das eine. Essengehen das andere. Zwar fabriziere ich im besten Fall nicht direkt Plastikmüll im Restaurant oder mit der Pizza vom Lieferdienst, wirklich plastikfrei esse ich aber mit Sicherheit nicht.Eine weitere Herausforderung: das Bad. Wo mir vor meinem Fastenexperiment viele Pflege- und Waschprodukte unerlässlich erschienen, komme ich mittlerweile mit Mikrofasertüchern, diversen Seifenstücken und Kokosöl im Glas sehr gut aus. Ich nutze Stofftaschentücher wie Oma, Deo aus dem Glas und Q-Tips aus Papier. Aber Klopapier ohne Plastikverpackung? Das habe ich bisher noch nicht gefunden. Auch die Zahnpasta-Tabletten aus dem „Unverpackt“-Laden haben – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Faden Beigeschmack hinterlassen. Ganz ohne geht es dann manchmal doch nicht.

Rückblickend kann ich sagen, dass es viel Plastikmüll gibt, der völlig unnötig und damit leicht vermeidbar ist. Bei manchen Einkäufen braucht es wiederum etwas vorausschauende Planung und hin und wieder den Gang aus der persönlichen Komfortzone. Immerhin sind einige Produkte schon jetzt in meinen Alltag übergegangen, wie etwa Milch und Joghurt aus dem Glas. Preislich stelle ich nur minimale Unterschiede fest. Einzelne Produkte sind im Glas etwas teurer, etwa Milch.

Thorsten Bachert verzichtet gleich auf sämtliche Genussmittel

38,5 Grad Fieber, Schüttelfrost, Schlappheit. Diagnose: bakterielle Infektion. Sieben Tage Antibiotika. Das war der Moment, in dem ich dachte, nur Zucker, Fleisch oder Kaffee können jetzt noch helfen, wieder richtig fit zu werden. Ich war kurz davor, das Fasten abzubrechen. Sollte Fasten nicht etwas Gesundes sein? Und jetzt war ich zum ersten Mal seit Jahren wieder krank. Wahrscheinlich nur ein Zufall.

So richtig konsequent faste ich erst seit acht Jahren. Vorher habe ich unregelmäßig auf bestimmte Lebensmittel verzichtet, aber nicht 40 Tage am Stück und selten in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag. Dieses Jahr verzichtete ich auf Süßigkeiten, Fleisch, Alkohol, Kaffee, Facebook und Youtube. Irgendwie ist im Laufe der Jahre immer mal wieder etwas dazugekommen. So in diesem Jahr zwei Social-Media-Kanäle. Ich faste vor allem, weil ich mir durch den Verzicht einen kleinen gesundheitlichen Aspekt erhoffe und eventuell auch einen Impuls zum kompletten Verzicht beziehungsweise zum bewussteren Konsum. Bei einigen Dingen ist dieser Effekt auch tatsächlich schon vor Jahren eingetreten, das heißt, ich achte auch im Rest des Jahres auf einen bewussten Umgang mit Fleisch, Alkohol und Kaffee. Süßigkeiten sind nach wie vor meine Schwachstelle, und mir ist klar, dass ich mir langfristig keinen Gefallen mit dem Zucker tue. Aber in der Fastenzeit spüre ich wenigstens, dass ich ohne kann. Es gibt also Hoffnung.


Alkohol, Kaffee, Süßigkeiten, Fleisch und sogar auf Facebook und Youtube verzichtet Thorsten Bachert. Foto: Jörn Martens


Während ich mit dem Verzicht auf die verschiedenen Lebensmittel nur während meiner Krankheit gehadert habe, war es mit dem Social-Media-Fasten doch schwieriger, als ich dachte. Mir war gar nicht bewusst, wie häufig ich im Alltag mal schnell auf Youtube etwas schaue und wie viel Zeit ich offensichtlich mit Facebook verbringe. Seit ich faste, komme ich endlich wieder zum Bücherlesen. Nur ein einziges Mal musste ich kurz Facebook öffnen. Ich war in einer anderen Stadt unterwegs und hatte die Kontaktdaten eines Freundes ausschließlich bei Facebook gespeichert. Ohne eine kurze Nachricht auf Facebook hätte ich ihn nicht erreichen können, und mir wäre ein wunderbarer Abend entgangen. Dieses Erlebnis habe ich zum Anlass genommen, noch mal darüber nachzudenken, wo ich eigentlich die wichtigsten Daten meiner Freunde abspeichere. Ich möchte ungern von einer Plattform abhängig sein.Zu den Lebensmitteln ist noch zu sagen, dass mir der Verzicht an sich meist nicht schwer fällt. Es ist vielmehr das häufig mit dem jeweiligen Lebensmittel verbundene Erlebnis, was mir fehlt. Eine Tüte Gummibären abends zum Buch, eine Tasse Kaffee am Nachmittag mit Freunden oder in der Pause mit den Kollegen. Gerade bei den gemeinsamen „Kaffepausen“ fühle ich mich ohne Kaffee merkwürdig. Aber das ist ja auch eine Art bewussterer Umgang und insofern eine interessante Beobachtung.

Ich kann das Fasten nur jedem empfehlen, der seine Gewohnheiten und Abhängigkeiten mal unter die Lupe nehmen möchte. Und ein wenig tut man auch für seine Gesundheit.Wobei sich der eigentliche Effekt natürlich nur bei einer langfristigen Umstellung der Ernährung ergeben wird. Jetzt denke ich aber ernsthaft darüber nach, mein privates Facebook eventuell abzuschaffen.