Lektinen neue Gefahrenquelle? Amerikanischer Kardiologe rät: Lieber Weißbrot als Tomaten

Von Dr. Jörg Zittlau

Doch nicht so gesund wie immer angenommen? In einigen Gemüsesorten wie Tomaten oder Gurken gibt es Lektine, die einem amerikanischen Mediziner zufolge schädlich für die Gesundheit sein sollen. Foto: dpaDoch nicht so gesund wie immer angenommen? In einigen Gemüsesorten wie Tomaten oder Gurken gibt es Lektine, die einem amerikanischen Mediziner zufolge schädlich für die Gesundheit sein sollen. Foto: dpa

Osnabrück. Kaum ein anderes Lebensmittel hat ein so positives Image wie Obst, Vollkorn und Gemüse. Doch jetzt wird die heile Welt von einem streitbaren Mediziner aus den USA erschüttert. Seine These: Vorsicht vor Obst und Gemüse. Denn sonst riskieren wir Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes und Arthritis.

Jahrelang hatte Steven Gundry die Finger vom Fast Food gelassen und stattdessen Vollkorn-Müsli mit Obst sowie große Salat- und Gemüseportionen auf seinem Speiseplan. Außerdem joggte er fast 50 Kilometer pro Woche. „Gesünder als ich konnte man kaum noch leben“, so der Kardiologe, der als Absolvent der Elite-Universitäten Yale und Michigan großen Wert darauf legt, dass Medizin wissenschaftlich begründet ist.

Doch all seine Bemühungen um eine gesunde Lebensführung brachten: nichts. Er bekam Arthritis und Bluthochdruck, seine Zucker- und Cholesterinwerte stiegen, und seine Körpermaße, so Gundry, „gingen regelrecht aus dem Leim“.

„Die größte Gefahrenquelle“

Was war schiefgegangen? Gundry recherchierte in den wissenschaftlichen Datenbanken, stellte eigene Untersuchungen an, und kam am Ende zu dem Fazit: „Ich hatte mich offensichtlich falsch ernährt.“ Das viele Vollkorn, und all das Obst und Gemüse – es hatte seinen Körper geradezu vergiftet. Nämlich mit Lektinen, „der größten Gefahrenquelle der westlichen Ernährung“.

Der US-Mediziner verbannte Auberginen, Bohnen, Erbsen, Gurke, Paprika, Zucchini, Soja und Tomaten von seinem Speiseplan, und setzte stattdessen auf Salat und die bunte Welt des Kohls, von Brokkoli bis Wirsing, sowie auf Karotten, Knoblauch, Meerrettich, Pilze und Sellerie, von denen er erfahren hatte, dass sie praktisch lektinfrei sind. Ebenfalls gestrichen wurden Erdnuss, Mais, Goji-Beere, Melone und Süßwaren sowie Vollkorn- und Kartoffelprodukte. Fleisch und Fisch wurden nur zugelassen, sofern sie nicht aus Massentierhaltung stammten, in der bekanntermaßen oft mit Getreide sowie genverändertem Mais und Soja gearbeitet wird. Es dauerte etwa ein Jahr, und Gundry hatte 35 Kilogramm abgespeckt. Seine Erkrankungen und Wehwehchen verschwanden ebenfalls.

Neues Ernährungskonzept

Er beschloss, seine individuellen Erfahrungen zu einem Ernährungskonzept auszuarbeiten und an seinen Patienten auszutesten. „Mit zigtausendfachem Erfolg“, wie er betont. Nicht nur alltägliche Beschwerden wie Kopfweh, Verdauungsstörungen und chronische Müdigkeit reagierten auf die Lektin-Befreiung positiv, sondern auch schwerwiegende Erkrankungen wie Asthma, Arthritis, Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes und andere Stoffwechselstörungen.

„Böses Gemüse“

Jetzt erscheint in Deutschland ein Buch zur Gundry’schen Methode. Mit dem vielsagenden Titel: „Böses Gemüse: Wie gesunde Nahrungsmittel uns krank machen.“ Die Rankings im Buchhandel weisen darauf hin, dass es wohl – genauso wie sein Vorgänger in den USA – zum Bestseller wird. Doch hat die Gundry-Diät auch eine echte Perspektive? Ihr Konzept jedenfalls ist klar: Es geht um das Vermeiden von Lektinen. Das hervorstechende Merkmal dieser zu den Eiweißen zählenden Stoffe besteht in ihrer starken Bindungsfreudigkeit. Sie verkleben sich gerne mit Körperzellen, und einige davon haben dabei vor allem die Darmwände im Visier.

Die Folge ist, dass einerseits essenzielle Nährstoffe vom Körper schlechter aufgenommen werden, andererseits aber auch ein „leaky gut“, ein löchriger Darm entsteht, der Schadstoffe passieren lässt. Und zu denen gehören auch die Lektine selbst. Sie gelangen ins Blut und damit in die Tiefen des Körpers, wo sie schließlich allerlei Unheil anrichten können. Wie etwa Blutverklumpungen, an deren Ende Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen können. Oder Störungen im Hormonhaushalt, so dass wir keine Sättigung mehr spüren und mehr essen, als uns gut tut. Oder auch Irritationen der Immunabwehr, die dadurch, dass sich die bindungsfreudigen Lektine beispielsweise auf Zellen von Bauchspeicheldrüse und Gelenken andocken, körpereigenes Gewebe als Fremdkörper einordnen und entsprechend attackieren – und am Ende dieses Prozesses können bekanntermaßen Autoimmunerkrankungen entstehen, wie etwa Arthritis oder Diabetes vom Typ I.

Lektinreduzierte Diät

Die lektinreduzierte Diät habe deshalb, so Gundry weiter, ein weitaus breiteres Einsatzgebiet und auch größere therapeutische Chancen als andere Diät-Hypes wie etwa die Paläo- oder die Low-Carb-Diät. Außerdem würde sie, so sein Argument, mehr Freiraum lassen. Denn sie würde ja nicht alle pflanzlichen Nahrungsmittel auf den Index setzen, und viele Lektine lassen sich beim Zubereiten – etwa durch das Schälen der Tomaten, das Entkernen von Paprika oder das Kochen der Bohnen – zudem noch eliminieren. „Die lektinarme Diät eignet sich auch für Veganer und Vegetarier“, betont Gundry.

Die meisten Ökotrophologen und Ernährungsmediziner halten das jedoch zumindest für entbehrlich. „Es gibt eigentlich nur eine Diät, deren positive Wirkung auf die Gesundheit halbwegs wissenschaftlich abgesichert ist“, betont Gastroenterologe Jon Rhodes von der University of Liverpool, „nämlich die Mittelmeer-Diät – und die ist mit ihrem Schwerpunkt auf vegetarischem Gemüse, Vollkorn und Hülsenfrüchten genau das Gegenteil von einer lektinfreien Kost.“

Ernährungswissenschaftler Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut in Karlsruhe betont, dass man bisher selbst bei extrem hohen Lektindosierungen keine schädlichen Effekte auf den Menschen beobachtet habe. Was vermutlich nicht nur an der Stabilität der Schutzschicht im Darm liege, sondern auch „an der großen Darmfläche, die den Lektinen aus der Nahrung gegenübersteht“. Außerdem würden mittlerweile sogar einige von ihnen als vorbeugende Substanzen gegen Darmkrebs diskutiert.

Nichtsdestoweniger sieht Rhodes die Lektine als etwas, „das man künftig mehr erforschen sollte“. Denn in den Pflanzen dienten sie dazu, den Fraßfeinden zwecks Abschreckung zu schaden. Von solchen Stoffen dürfe man nicht unbedingt erwarten, dass sie dem Menschen nutzen.