Die häufigsten Zivilisationsleiden Woran die Bevölkerung krankt

Von Nina Brinkmann und Christian Lang


Osnabrück. Volkskrankheiten sind Erkrankungen, von denen sehr viele Menschen in einem Land betroffen sind. Welche Leiden auftreten, ist von vielen Faktoren abhängig. Der Klimawandel führt beispielsweise dazu, dass auch hierzulande Krankheiten auftreten können, die bislang eher nur in anderen Regionen der Welt beheimatet waren.

Ein Überblick über Volkskrankheiten und neue Erkrankungen.

Depressionen: Kaum eine Krankheit hat in den vergangenen Jahren einen derart starken Anstieg genommen wie die Depression. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2015 sind mehr als 300 Millionen Menschen weltweit von dieser psychischen Störung betroffen – zehn Jahre zuvor waren es noch 18 Prozent weniger. In Deutschland sind schätzungsweise knapp vier Millionen Menschen an einer behandlungswürdigen Depression erkrankt. Laut WHO ist der Anstieg in den vergangenen Jahren vor allem auf das generelle Bevölkerungswachstum und die längere Lebenserwartung zurückzuführen. Obwohl viele ältere Menschen an der Krankheit leiden, können Depressionen jeden treffen. Trotz dieser durchaus hohen Zahlen sind Depressionen in der Gesellschaft aber noch weitgehend tabuisiert. Deshalb spricht die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ davon, dass die Störung zu den am meist unterschätzten Krankheiten auf der Welt zählt. Im Gegensatz zu vielen anderen Erkrankungen lässt sich die Depression in der Regel nicht auf eine bestimmte Ursache zurückführen. Meist führt ein Wechselspiel verschiedener Faktoren zu einem Ausbruch.

Atemwegserkrankungen: Erkrankungen der Atemwege gehören in Deutschland und weltweit zu den häufigsten Leiden. Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) geht in der Bundesrepublik mehr als jeder zehnte Todesfall auf eine respiratorische Krankheit zurück. Zu den besonders weit verbreiteten Atemwegserkrankungen gehört Asthma. Laut WHO leiden weltweit schätzungsweise 235 Millionen Menschen an der chronischen, entzündlichen Erkrankung der Atemwege, die zu Anfällen und Atemnot führen kann. Pro Jahr sterben rund 400.000 Menschen an Asthma. Weitaus tödlicher ist dagegen eine andere Atemwegserkrankung: die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Obwohl Asthma häufiger in der Bevölkerung vorkommt als COPD, sterben achtmal mehr Menschen an der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung, deren Symptome Husten, Auswurf, Atemnot und Gewichtsverlust sind. Laut WHO ist COPD weltweit die vierthäufigste Todesursache. Die meisten Erkrankten sind aktuelle oder ehemalige Raucher. Wie weit verbreitet Atemwegserkrankungen in Deutschland sind, zeigen unter anderem auch Zahlen, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung 2016 veröffentlicht hat. Demnach hätten in Deutschland im Jahr zuvor 35 Millionen Patienten eine Arztpraxis wegen einer Atemwegserkrankung aufgesucht. Häufiger seien nur Muskel-Skelett- sowie Bindegwebserkrankungen gewesen.

Rückenschmerzen: Rückenschmerzen sind lästig. Man weiß nicht, wie man sich drehen und wenden soll, da Bewegungen einen stechenden Schmerz mit sich bringen.

„Bis zu 85 Prozent der Deutschen haben Studien zufolge mindestens einmal in ihrem Leben Kreuzschmerzen gehabt“, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft, Thomas Isenberg. Bei wachsendem Alter nehme die Häufigkeit zu. Außerdem auffällig: In allen Altersgruppen seien Personen mit niedrigem Sozialstatus häufiger von Kreuzschmerzen betroffen, als diejenigen mit mittleren und hohen Sozialstatus. Mit Rückenschmerzen ist es jedoch meist nicht getan. Häufig gibt es Begleiterkrankungen, wie Nackenschmerzen, Migräne oder Schlafstörungen. Deswegen ist besonders ist die Patientenaufklärung wichtig, damit diese wissen, wie sie sich am besten verhalten, um dem Schmerz entgegenzuwirken. „Es kann helfen, sich bei gewissen Belastungen ein wenig zurückzunehmen, gegebenenfalls unterstützt mit kurzfristigen Schmerzmitteln oder muskelentspannenden Medikamenten“, sagte Isenberg. Komplette Ruhe sei meist falsch. „Wichtig ist mäßige Aktivität.“

Fettstoffwechselstörungen: Mit etwa 26 Prozent stehen Fettstoffwechselstörungen laut der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen (Lipid-Liga) an zweiter Stelle, wenn es um Behandlungen in Hausarztpraxen geht. Rund 65 Prozent der Männer und 66 Prozent der Frauen sind in Deutschland davon Betroffen. Der Fettstoffwechsel betrifft viele Vorgänge im Körper, beispielsweise die Aufnahme von Fetten aus der Nahrung in die Dünndarmwand, den Transport der Fette im Blut oder den Abbau und die Ausscheidung durch die Leber. Störungen im Fettstoffwechsel führen unter anderem zu Schädigungen an Blutgefäßen und Organen. Dadurch leiten sich schwerwiegende Folgeerkrankungen ab, wie Herzinfarkte, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder Schlaganfälle. Um Fettstoffwechselstörungen vorzubeugen rät die Lipid-Liga unter anderem eine Umstellung auf ballaststoffreiche und fettmodifizierte Ernährung sowie regelmäßige Bewegung.

Bluthochdruck: Neben den Erbanlagen sind es vor allem die vier Faktoren Übergewicht, zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung und Stress, die zu Bluthochdruck beitragen. Zahlen des Robert-Koch-Institutes zeigen, dass rund 30 Prozent der Deutschen einen zu hohen Blutdruck haben. Es ist eine Erkrankung des Gefäßsystems, bei der die Blutdruckwerde dauerhaft zu hoch sind. Normal ist ein Blutdruck von 120 zu 80 mmHg. Ab einem Wert von 140 zu 90 mmHG spricht ein Arzt laut der Deutschen Hochdruckliga von Bluthochdruck, der sogenannten Hypertonie. Bluthochdruck kann sehr gefährlich sein. Er schädigt Organe wie das Herz, die Herzkranzgefäße, das Gehirn, die Nieren sowie die Blutgefäße. Die Folgen können lebensbedrohliche Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Sobald bei einem Menschen schwere Hypertonie diagnostiziert wird, sollte er sofort Medikamente zur Blutdrucksenkung einnehmen. Diese verbessern zwar die Werte, heilen können sie den Bluthochdruck allerdings nicht. Die wichtigsten Empfehlungen der Hochdruckliga, um der Hypertonie entgegenzuwirken sind unter anderem Normalgewicht anstreben, Verzicht auf Nikotin und wenig Kochsalz zu sich nehmen.

Neben diesen Volkskrankheiten gibt es einige Erkrankungen und Erreger, deren Verbreitung durch den Klimawandel begünstigt wird.

Zecken: Mit Zeckenbissen ist nicht zu spaßen. Die Parasiten ernähren sich vom Blut zahlreicher Wirbeltiere. Dabei besteht die Gefahr, dass sie Krankheiten auf den Wirt übertragen. Die hierzulande am häufigsten durch Zecken übertragene Krankheit ist die Lyme-Borreliose. Schätzungen gehen von mehreren Zehntausend Neuerkrankungen in Deutschland pro Jahr aus. Weitaus weniger häufig in der Bundesrepublik ist dagegen eine Infektion mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Das Robert-Koch-Institut meldet pro Jahr rund 300 Erkrankte dieser Entzündung des Gehirns. Der Klimawandel erhöht jedoch die Gefahr, durch einen Zeckenbiss mit einer Borreliose oder einer Hirnhautentzündung angesteckt zu werden. Denn: Die Parasiten lieben Feuchte und Wärme. Bei kalten Temperaturen ziehen sich Zecken unter eine feuchte Laubdecke zurück und halten Winterruhe. Meist dauert diese von November bis Februar/März. Durch erhöhte Temperaturen kann sich aber die Aktivitätsphase der Blutsauger erhöhen. Vergleichsweise warme Winter sorgen dafür, dass sich die Wirtssuche der Zecken sogar auf das ganze Jahr erstrecken kann. Das ist aber nicht die einzige Folge durch den Klimawandel. Zugleich nehmen auch die Risikogebiete zu. Zeckenarten, die früher nur in südlichen Gefilden beheimatet werden, breiten sich verstärkt auch gen Norden aus.

Tropenkrankheiten: Malaria, Denguefieber, Ruhr: Diese Krankheiten werden normalerweise nicht mit unseren Breitengraden in Verbindung gebracht. Erkranken Menschen in Europa an diesen Krankheiten, haben sie sich meist zuvor bei ihren Urlaubsreisen angesteckt. Wissenschaftler warnen mittlerweile aber davor, dass sich Tropenkrankheiten in Mitteleuropa ausbreiten können – wegen des Klimawandels. Auftretende Fälle von Malaria in Griechenland und dem Denguefieber in Portugal haben demnach diese Tendenz bereits aufgezeigt. Britische und belgische Forscher gehen davon aus, dass Asiatische Tigermücken in wenigen Jahrzehnten in weiten Teilen Europas überleben können. Diese besonders stechfreudigen Mücken, die sich schon jetzt in Südeuropa ausgebreitet haben, können unter anderem das Zika-, das Dengue- und das ebenfalls sehr gefährliche Chikungunya-Virus übertragen. Forscher aus Liverpool kommen zu dem Ergebnis, dass sich zahlreiche Infektionskrankheiten in der Zukunft infolge des Klimawandels weiter ausbreiten werden – auch in Europa. Jüngst haben zudem Wissenschaftler der Uni Bayreuth zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Tropenkrankheiten geforscht. Sie haben dabei herausgefunden, dass sich der Chikungunya-Virus in deutlich mehr Weltregionen ausbreiten könnte, sollte die Erderwärmung ungebremst voranschreiten.

Leishmaniose: Durch blutsaugende Schmetterlingsmücken werden Infektionen übertragen, die Leishmaniosen genannt werden. Neben Tieren, insbesondere Nagern und Hunden, zählt auch der Mensch zu den Wirten. Weltweit sind 14 Millionen Menschen mit Leishmaniosen infiziert. Beim Menschen unterscheidet man zwischen viszeraler, kutaner und mukotaner Leishmaniose. Viszerale Leishmaniose kann unbehandelt zum Tod führen. Kutane hingegen sind oft selbstheilend, hinterlassen aber stark verunstaltende Narben. Das meistbetroffene Land von der viszeralen Leishmaniose ist Indien. In Deutschland gibt es keine verlässlichen Zahlen. „Die Krankheit ist hier nicht meldepflichtig. Man geht von ungefähr 20 diagnostizierten Erkrankungen pro Jahr aus“, sagt Anton Aebischer vom RKI. In den vergangenen Jahren gibt es bedingt durch den Klimawandel auch in Deutschland immer mehr Schmetterlingsmücken. Deswegen geht man davon aus, dass die Zahl der diagnostizierten, aber nicht registrierten Fälle beträchtlich ist.