Neue medizinische Leitlinie Fahrerlaubnis: Mehr Rechtssicherheit für Diabetiker

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Wer an Diabetes erkrankt, der hat oft auch Sorge, Probleme mit dem Führerschein zu bekommen. Foto: imago/Westend61Wer an Diabetes erkrankt, der hat oft auch Sorge, Probleme mit dem Führerschein zu bekommen. Foto: imago/Westend61

Osnabrück. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat eine neue medizinische Leitlinie für Diabetiker im Straßenverkehr vorgestellt. Die Handlungsempfehlung soll zu mehr Rechtssicherheit bei der Beurteilung der Fahreignung führen.

Diabetiker hinterm Steuer? Das sei bis auf wenige Ausnahmen für fast alle, die diese Stoffwechselkrankheit haben, möglich. Zu diesem Schluss kommt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) mit Bezug auf die neue Handlungsempfehlung für Patienten, Ärzte, Gutachter, Diabetesberater und Behörden, die die Fachgesellschaft am Donnerstag vorgestellt hat. Sie widerspricht damit auch einem gängigen Vorurteil, dass Diabetiker infolge einer möglichen Unterzuckerung, einer sogenannten Hypoglykämie, mehr Unfälle verursachten als gesunde Menschen.

„Mit der neuen S2e-Leitlinie liefern wir jetzt den wissenschaftlichen Nachweis, dass Diabetiker am Steuer tatsächlich kein nennenswert erhöhtes Risiko für den Straßenverkehr darstellen“, so Reinhard Holl, Epidemiologe der Universität Ulm und Mitautor der auf Initiative der DDG erstellten Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“. Denn: „Nach allen verfügbaren Untersuchungen ist die Unfallhäufigkeit bei Menschen mit Diabetes nur unwesentlich erhöht.“ Holl betonte: „Jeder Insulinpatient sollte vor Fahrtantritt den Blutzucker messen und schnell wirkende Kohlenhydrate etwa in Form von Traubenzucker im Auto griffbereit haben.“

Fast sechs Millionen Diabetiker haben eine Fahrerlaubnis

Laut DDG besitzen fast sechs Millionen Diabetiker in Deutschland einen Führerschein. Die Angabe der Stoffwechselkrankheit bei der Beantragung der Fahrerlaubnis ist freiwillig. Die Beurteilung darüber, wer fahrtauglich ist, erfolgt laut Fahrerlaubnisverordnung (FeV) auf Grundlage der „Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung“ der Bundesanstalt für Straßenwesen. Letztere „gehen schon länger davon aus, dass Menschen mit Diabetes in der Regel alle Fahrzeugklassen führen können“, sagte Oliver Ebert, Mitautor der Leitlinie und Vorsitzender des Ausschusses Soziales der DDG, im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Dennoch kam es immer wieder vor, dass Betroffene – aus Unwissenheit oder übertriebener Vorsicht – aufgrund des Diabetes als nicht fahrgeeignet angesehen wurden“, sagte der Stuttgarter Rechtsanwalt Ebert und fügte hinzu: „Nicht wenige Patienten haben so den Führerschein verloren, obwohl es keinen fachlichen Grund dafür gab.“

Häufig sei die Meinung vertreten worden, berichtet die DDG, dass insulinpflichtige Patienten nicht mehr als Bus- oder Lastwagenfahrer arbeiten könnten. Oder der Führerschein sei aufgrund eines hohen Langzeitblutzuckerwerts verweigert worden. Für die Betroffenen, die beruflich auf ein Auto angewiesen sind, eine Entscheidung oft mit existenziellen Folgen. Fahruntauglichkeit könne, so die DDG-Experten, vor allem bei wiederholten schweren Unterzuckerungen oder unbehandelter Schlaf-Apnoe gegeben sein.

Sorge vor Führerschein-Verlust

Jetzt sollen Unklarheiten bei allen Beteiligten beseitigt werden: „Mit der S2e-Leitlinie liegt nun ein objektiver, umfassender und verbindlicher Maßstab für die Bewertung der Fahrtauglichkeit vor“, erklärte Oliver Ebert und: „Damit kann man ein negatives ärztliches Gutachten – auch juristisch – überprüfen, ob es im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Leitlinie steht.“

Der Rechtsanwalt ist sich daher sicher: „Kaum ein Diabetiker muss mehr Angst haben, dauerhaft seinen Führerschein zu verlieren, denn in der Regel lässt sich eine mangelnde Fahreignung durch geeignete Maßnahmen wiederherstellen“, sagte Ebert. Die Gefahr von Unterzuckerungen könne, laut DDG, beispielsweise verringert werden durch eine Medikamenten-Umstellung, Wahrnehmungsschulungen oder eine kontinuierliche Glukosemessung mit akustischer Warnfunktion. Die Leitlinie liefere auch dazu Tipps auf dem aktuellen medizinischen Wissenstand. Die Leitlinie kann hier abgerufen werden.


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