Wie sieht es in Nachbarländern aus? Bei Diagnose Trisomie 21: Im Zweifelsfall wird oft abgetrieben

Von dpa

Das Foto zeigt einen sieben Wochen alten Fötus in einer Fruchtblase. Foto: Peter Endig/dpaDas Foto zeigt einen sieben Wochen alten Fötus in einer Fruchtblase. Foto: Peter Endig/dpa

Berlin. In Deutschland kommen kaum noch Babys mit Trisomie 21, auch als Downsyndrom bekannt, zur Welt. Babys mit dieser Erbgutstörung haben zwar bessere Lebenschancen als je zuvor – doch nur noch selten werden sie ihnen gewährt.

Etwa neun von zehn Schwangeren lassen hierzulande nach Expertenschätzungen bei einer Trisomie 21 einen Abbruch machen. In den meisten Nachbarländern gibt es ähnliche Entwicklungen. (Weiterlesen: Gentests in der Schwangerschaft – Wem und wann sie nützen können)

Schweiz: In der Schweiz werden dem Bundesamt für Statistik zufolge jährlich nur noch weniger als 90 Menschen mit dem Gen-Defekt geboren. 2015 gab es etwa 10000 Abtreibungen – wie viele Frauen sich aufgrund einer Fehlbildung des Fötus dazu entschieden, sagt die Statistik allerdings nicht. „Die Schweiz ist in der Praxis noch sehr separativ unterwegs, nicht integrativ und schon gar nicht inklusiv“, sagt Barbara Habegger von der Elternvereinigung Insieme21. Die Kinder hätten Anspruch auf den Besuch einer Regelschule. Aber oft lehnten Schulen sie unter fadenscheinigen Gründen ab, etwa, weil angeblich das Klassenzimmer nicht groß genug für ein Kind und seine Heilpädagogin sei. Ihr Sohn gehe in die Regelschule, „weil wir dafür kämpfen“. Er koche und bediene gerne. „Mein Mann träumt davon, später mal mit ihm ein Restaurant aufzumachen.“ (Weiterlesen: Eltern berichten über die Geburt ihres Kindes)

Dänemark: In Dänemark bietet das öffentliche Gesundheitssystem allen Schwangeren seit 2004 einen Test – bestehend aus Ultraschall-Untersuchung und Blutprobe – an, der das Risiko für die Geburt eines Kindes mit Downsyndrom anzeigen soll. Seitdem ist die Zahl der mit Trisomie 21 geborenen Kinder laut der landesweiten Vereinigung Downsyndrom erheblich gesunken. 2015 kamen demnach in Dänemark nur noch 31 Kinder mit der Behinderung auf die Welt.

Schweden: Auch in Schweden werden immer mehr Kinder mit Downsyndrom abgetrieben, wenn die Behinderung schon in der Schwangerschaft erkannt wird. Etwa eines von 700 Kindern in dem Land wird mit dem Downsyndrom geboren. In der Zeitung „Aftonbladet“ warnte der Medizinethik-Professor Nils-Eric Sahlin im vergangenen Jahr davor, eine Richtung wie Dänemark einzuschlagen: Gebe es immer weniger Menschen, die anders seien, sinke die Akzeptanz von Vielfalt in der schwedischen Gesellschaft.

Norwegen: Neun von zehn Schwangerschaften in Norwegen, bei denen ein Risiko für Downsyndrom besteht, enden laut der Gesundheitsbehörde des Landes mit einer Abtreibung. Obwohl die Zahl der Abbrüche gestiegen ist, kommen – wie auch in Deutschland – seit Jahren ähnlich viele Kinder mit der Behinderung zur Welt. Das liegt daran, dass mehr ältere Frauen Kinder bekommen, bei denen ein höheres Downsyndrom-Risiko besteht.

Polen: Ob das Downsyndrom in Polen zu den Hauptgründen für eine Abtreibung zählt – wie die nationalkonservative Regierung behauptet –, ist Frauenrechtlern zufolge schwer zu beurteilen. Laut Regierung werden in dem katholisch geprägten Land etwa 1000 Abtreibungen pro Jahr vorgenommen. Die Dunkelziffer wird allerdings auf rund 150000 geschätzt. Die Regelungen sind extrem streng, Schwangerschaften dürfen nur abgebrochen werden, wenn das Leben der Mutter bedroht, das Kind schwer behindert oder die Frau vergewaltigt worden ist. Letztes Jahr trieb die der katholischen Kirche nahestehende Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ein Abtreibungsverbot voran, scheiterte jedoch am Protest Zehntausender Frauen.