Schnuppern, pflücken, schnippeln Altenheime setzen auf Heimgärten: Gartentherapie für Senioren

Von Joachim Göres

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Hat eine positive Wirkung: Arbeiten im Heimgarten. Foto: Susanne BüssenschüttHat eine positive Wirkung: Arbeiten im Heimgarten. Foto: Susanne Büssenschütt

Hamburg/Hannover. Beete und Blumen animieren alte Menschen zu mehr Bewegung und erhöhen ihre Zufriedenheit. Altenheime setzen dafür zunehmend Gartentherapeuten ein.

Imke Struck geht mit Bewohnern des Hamburger Matthias-Claudius-Heimes in den Garten der diakonischen Senioreneinrichtung. Einige Frauen steuern die Tomatenpflanzen im Gewächshaus an und pflücken rote Tomaten. Andere werden von den bunten Farben der Blumen angelockt und schnuppern an ihnen.

An einem Tisch sitzen Senioren und schnippeln Grünzeug aus dem Garten klein, für Tee und Kräuterbutter – danach wird gekostet. „Unser Garten hat als oberstes Ziel die Mobilität. Die Bewohner bewegen sich nach draußen, genießen die schöne Umgebung und freuen sich, mithelfen zu können. Viele Fähigkeiten können reaktiviert werden“, sagt die Gartentherapeutin Struck.

Heimgarten in Hamburg

Der mehr als 1000 Quadratmeter große Heimgarten mit vielen Blumen- und Gemüsebeeten sowie einer Anlage zum Gleichgewichtstraining ist auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zugeschnitten. Dazu gehören Tastkästen, Naschbeete, ein Kneippbereich für Füße und Arme sowie ein Hochbeet, an dem die Bewohner unter Anleitung selber säen, pflanzen und ernten. Bis 2013 war hier nur eine große Grünfläche mit wenigen Pflanzen und Wegen zum Spazierengehen. „Nach der Umgestaltung wird der Garten viel mehr genutzt. Das trägt zum Wohlbefinden bei, was sich im größeren Appetit und Durst der Bewohner äußert“, sagt Heimleiterin Veronika Lattrich und fügt hinzu: „Auch das Gespräch wird angeregt. Dabei gibt es schon mal unterschiedliche Meinungen z.B. über Unkraut. Solche Diskussionen sind gut.“

Gartentherapie

Ute Budliger hat für ihre Zertifikatsarbeit an einer Zürcher Hochschule wissenschaftliche Studien zum Thema Gartentherapie ausgewertet und mit Verantwortlichen von sieben Heimen zwischen Basel und Zürich gesprochen. Die Studien bestätigten den Nutzen eines Heimgartens – er kann unter anderem zu weniger Stress, Aggressionen und Schmerzen führen sowie Mobilität und Aufmerksamkeit erhöhen. „Dennoch fehlt in der Praxis oft das Bewusstsein für die Möglichkeiten und das Wissen über die sinnvolle Anlage eines Heimgartens“, lautet eine Erkenntnis der Gärtnerin und Gartenbauingenieurin.

Die Krankenschwester Susanne Büssenschütt hat lange im Pflegemanagement der Caritas in Bremen gearbeitet. Inzwischen entwickelt sie wie Budliger Konzepte für die Gestaltung von Heimgärten und bietet gartentherapeutische Fortbildungen an. Einer ihrer Grundsätze lautet: „Alles, was bekannt ist, ist positiv.“ Dazu gehören zum Beispiel Kartoffelpflanzen im Eimer. „So können Erinnerungen an den einstigen Schrebergarten geweckt werden.“

Mobilisierung der Senioren

Ein weiterer Aspekt ist die Mobilisierung. Äpfel und Birnen in Reichweite animieren zum Pflücken und mobilisieren die Schulter. Beim Abzupfen von Rosmarin wird ein bestimmter Griff trainiert, der auch für das Zuknöpfen von Hemden wichtig ist.

Von Weitem sichtbare große Sonnenblumen am Ende eines Weges sind ein starker Anreiz, diesen Weg tatsächlich zu gehen. Auch Vogelnährgehölze können in den Garten locken – um sich am Gezwitscher der Vögel zu erfreuen oder bunte Schmetterlinge zu beobachten. Wichtig ist laut Büssenschütt eine ansprechende Gartengestaltung im Winter: „Gerade in dieser Zeit sollten die Bewohner rausgehen.“

Überraschungseffekt

Bei denjenigen, die nicht mehr mobil sind, zählt sie auf den Überraschungseffekt – ein bunt bepflanzter Rollator, mit dem man Bewohner im Zimmer besucht, könne ein Lächeln in die Gesichter zaubern.Im städtischen Heinemannhof in Hannover leben 105 Menschen mit Erkrankungen wie Demenz mit gerichtlicher Zustimmung in einem geschlossenen Bereich – sie dürfen nicht alleine das Haus verlassen. „Viele haben einen hohen Bedarf an Bewegung, deswegen haben wir in unserem rund 4000 Quadratmeter großen Garten neue Sinnesanreize geschaffen“, sagt der Leiter Holger Geis. Dazu gehören duftende Pflanzen, eine Obstbaumallee, Kräuterbeete, eine Voliere sowie ein Auto, das gerne von männlichen Bewohnern poliert wird. Bei Blumen setzt er auf Stauden. „Rosen halten sich hier nicht lange, denn sie sind bei Bewohnern als Geschenk beliebt“, erklärt Geis lachend. Den zusätzlichen Personalaufwand für den Garten hält er für gerechtfertigt: „Die Bewohner sind durch den Garten einfach zufriedener.“


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