Alte Hundeliebe rostet nicht Viele Senioren möchten mit Haustier leben – ein Problem?

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Versmold/Blomesche Wildnis/Osnabrück/Dortmund. Viele Senioren wünschen sich einen Hund. Für die Generation 70+ ist es aber nicht einfach, einen Vierbeiner zu bekommen. Viele Tierschutzvereine vermitteln keine Hunde an Senioren. Können alte Leute einem Hund überhaupt noch gerecht werden? Um den Wunsch nach einem Haustier zu realisieren, gibt es verschiedene Konzepte

„Oma, Opa, wollt ihr euch nicht wieder einen Hund anschaffen?“, drängelten Enkelkinder Lea-Christina und Rafael. Jahrelang hatten die Hubrigs aus Versmold Schäferhunde. Seit ein paar Jahren waren sie hundelos. „So ganz ohne Vierbeiner, das ist nichts!“, sind sich Gisela (74) und Manfred Hubrig (80) einig. Und so entschlossen sie sich vor zweieinhalb Jahren, sehr zur Freude der Enkel, wieder einen Hund aufzunehmen. Ein kleiner Hund sollte es sein, vielleicht ein Malteser, kein Welpe, ruhig schon etwas älter.

Vieles kommt anders als man denkt: Heute sitzt Podenco-Mix Bonny auf dem Wohnzimmerteppich, fast so groß wie ein Schäferhund, erst drei Jahre alt, und lässt sich von Gisela Hubrig hinter den Ohren kraulen. „Wir wussten nicht, dass sie mal so stattlich werden würde“, meint das Ehepaar und schmunzelt. Bonny war nicht ausgewachsen, als sie mit einem halben Jahr aus Portugal, vermittelt von der Tierschutzorganisation Esperanca e.V., nach Deutschland kam. Sie ging durch mehrere Pflegestellen, bis die Hubrigs über Nachbarn von der Hündin erfuhren.

Bonny ist kein einfacher Hund. Ihre Vorgeschichte bleibt ein Geheimnis, aber sie muss mit negativen Erfahrungen gespickt sein, denn die Hündin ist ängstlich. Sie erschreckt bei lauten Geräuschen, bei großen schwarzen Hunden und Radfahrern. Trotzdem muss sie natürlich, wie jeder andere Hund auch, ausreichend Bewegung und Beschäftigung haben. Hohe Anforderungen die da an die Hubrigs gestellt werden. Sind sie in ihrem Alter noch rüstig genug um diesem Hund gerecht werden? – Die Hubrigs sind wohl eher die Ausnahme unter den Ü-70jährigen. Manfred Hubrig, früher Langstreckenläufer, ist auch mit seinen 80 Jahren noch gut zu Fuß obwohl er zugibt, im Winter bei Glätte schonmal Probleme mit dem starken Hund am anderen Ende der Leine zu haben. Die Bedingungen rund herum sind bestens: Ein großes Haus mit weitläufigem Garten, in dem Bonny toben kann, zudem die wertvolle Sicherheit durch Hundetrainerin Silvia Stasch, Geschäftsführerin des Versmolder Hundehotels Bello Marsch. „Wann immer die Hubrigs mal nicht fit sind, ein Arzt- oder Krankenhausbesuch ansteht, betreue ich Bonny gerne“, sagt sie.

Alte Tiere für alte Menschen

Solch‘ gute Voraussetzungen haben viele ältere Menschen nicht. Dennoch wünschen sie sich einen Hund, oft auch, weil ein Vierbeiner stets zu ihrem Leben gehörte. Doch einen Hund zu bekommen, ist im Alter nicht einfach. Viele Tierschutzvereine vermitteln Hunde grundsätzlich nicht an die Generation 70+, weil der Hund den Menschen überleben könnte und weil die Sorge da ist, dass Senioren den Ansprüchen eines Hundes nicht mehr gerecht werden können.

Das Omihunde-Netzwerk bietet eine Lösung: Alte Hunde für alte Menschen. Im November 2010 gründete Heike Thiel aus der Gemeinde Blomesche Wildnis in Schleswig-Holstein den Verein, der alte, in Not geratene Hunde aufnimmt, um sie an Senioren zu vermitteln. „Mir war aufgefallen, dass in die Jahre gekommene Tiere einen schweren Stand haben, dass sie bei Vermittlungsversuchen immer übrig bleiben“, berichtet die Vereinsvorsitzende, die schon lange vor ihrer Idee  “Omihunde“ im Tierschutz engagiert war.

Viele Senioren möchten einen kleinen Hund, aber Heike Thiel und ihr Team vermitteln auch große. „Wir betreiben Tierschutz, keinen Omi-Schutz“, betonen sie. Hund und Halter müssten einfach zusammen passen und die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Es spräche nichts dagegen, einen alten, ruhigen Labrador an einen noch fitten Senior zu vermitteln, der noch täglich mit ihm Gassi gehen kann, ebenerdig wohnt, sodass der Hund keine Treppen steigen muss und einen Garten für Auslauf hat.

Wer Interesse an einem Gefährten vom Omihunde-Netzwerk hat, muss Voraussetzungen erfüllen: „Geistig noch auf der Höhe sein, körperlich so weit fit, dass tägliches rausgehen möglich ist und einen stabilen Plan B haben, für kurzfristige Notfälle wie einen Krankenhausaufenthalt“, sagt Heike Thiel. Der Verein überprüft dies, durch Telefonate und einen Besuch, bevor der Hund einzieht. Dabei ist das Netzwerk ausschließlich in Norddeutschland aktiv. Im Süden fehlen ausreichend Kontaktleute, als Ansprechpartner für die „neuen alten Hundebesitzer“.

Hilfe durch Nachbarn und Freunde

Bei den Gesprächen im Vorfeld versucht der Verein Freunde und Verwandte der Senioren mit einzubeziehen und so gemeinsam Möglichkeiten der Hilfe für die älteren Halter zu schaffen. Schließlich sollen diese möglichst lange, glücklich und für den Hund artgerecht, mit ihrem Gefährten leben können. Damit im Ernstfall der Hund nicht wieder vom Sofa in den Tierheimzwinger geschubst wird, überlegen alle Beteiligten zusammen wie man für den Fall der Fälle vorsorgen kann. „Sollte der Halter versterben und seine Familie nicht weiter für den Hund sorgen können, wird das Tier über unseren Verein wieder aufgefangen“, erklärte Heike Thiel.

Omihunde-Netzwerk e.V. vermittelt keine Hunde in Pflegeheime. Damit würden sie den Hunden nichts Gutes tun, denn Menschen die selbst betreut werden müssen, seien nicht ausreichend in der Lage einen Hund rund um die Uhr zu betreuen. „Und die Pflegekräfte haben genug zu tun. Es ist nicht ihre Aufgabe, sich auch noch um Hunde zu kümmern“, betont die Vorsitzende, die aus Erfahrung weiß, dass die Hunde, die aus Pflegeheimen in ihre Vermittlung kommen, oftmals die traurigsten und traumatisiertesten sind.

Für Senioren in Wohn- oder Pflegeheimen gibt es deutschlandweit verschiedene Konzepte um ihnen den Herzenswunsch nach Hundekontakt zu erfüllen. In einigen Institutionen, vorrangig beim betreuten Wohnen, dort wo Senioren noch relativ selbstständig sind, dürfen Tiere dauerhaft gehalten werden. In anderen Senioren-Einrichtungen, wie zum Beispiel dem Heywinkel Haus am Westerberg in Osnabrück, werden Tier-Besuchsdienste eingerichtet. Dort kommen Hundehalter vom Polizeihundsportverein Osnabrück regelmäßig, um den Hundefreunden unter den Bewohnern eine Freude zu machen. Im Vorfeld des Besuchs befragen Mitarbeiter des Heywinkel Hauses die Senioren und studieren ihre aufgenommenen Biografien, denn nicht jeder mag Hunde. „Von 128 Bewohnern hielten gut 30 früher selbst Haustiere oder lebten auf Bauernhöfen in engem Kontakt zu Tieren“, berichtet Marita Johanna Gosebrink, Leiterin Begleitender Dienst. Gerade diesen Personen gebe der Kontakt zu den Vierbeinern sehr viel und könne positive Auswirkung auf Gesundheit und Psyche haben.

Unterstützung in der Erinnerungsarbeit

Der tierische Besuch bereite nicht nur Freude, sondern sei zudem eine Unterstützung in der Erinnerungsarbeit. Gerade das Langzeitgedächtnis sei bei demenziell Erkrankten noch stark. Durch das Sehen, Fühlen und Riechen des Tieres kämen bei den Senioren Erinnerungen aus der Kindheit auf. So entstünden Anknüpfungspunkte für Gespräche, verdeutlicht Marita Johanna Gosebrink. Zusammen mit Bettina Pope vom Polizeihundsportverein, klopft sie an die Zimmertür von Seniorin Johanna Siefert. Popes Boxer Eddy spaziert ruhig an der Leine in den Raum. „Wie heißt er denn?“, möchte die alte Dame sofort wissen. Von Berührungsängsten keine Spur. Eddy wird gekrault und legt sich dann vor ihre Füße. Johanna Siefert kommt ins Erzählen, ihre Kindheit habe sie auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Uckermark verbracht. Dort gab es einen Schäfer- und einen Jagdhund. Nach rund 15 Minuten muss Eddy weiterziehen, nicht ohne das Versprechen seiner Halterin, demnächst wieder zu kommen.

Nicht unbedingt zum Therapiehund ausgebildet, aber ausgeglichen im Wesen, sollten Hunde sein, die im Seniorenheim „arbeiten“. Denn je nach Charakter des Vierbeiners bedeute so ein Besuch entweder Spaß und Auslastung, oder aber Stress. Regine Engel-Beermann, Leiterin des Sozialdiensts im Seniorenwohnheim Weisse Taube in Dortmund ist passionierte Hundehalterin und überzeugt von der positiven Wirkung von Tier auf Mensch. Schon viele große, ältere Hunde adoptierte sie vom Tierschutz Stade und integrierte sie in ihren Berufsalltag. Jeden Tag wird sie von Bernersennen-Schäferhündin Fräulein Summer (13) zur Arbeit begleitet. „Wichtig ist, dass die Hunde hier im Wohnheim Gehstock-fest, Rollator-fest, Geräusche-fest und Katzen-fest sind. Denn hier lebt auch noch Kater Sabo“, berichtet Regine Engel-Beermann. Das Wohnheim Weisse Taube liegt am Waldrand, sodass sie in ihren Pausen Spaziergänge mit ihrer Hündin genießt. Braucht Fräulein Summer mal Abstand von den vielen Streicheleinheiten der Senioren, oder hat ein „dringendes Bedürfnis“ wandert sie selbstständig durch die Türschleuse mit Sensor, hinaus auf die Wiese vor dem Wohnheim. „Der Hund läuft weg“, rufen die Bewohner dann und freuen sich jedes mal wieder, wenn Fräulein Summer nach wenigen Minuten zur Tür herein getrottet kommt.


Tierisches Pflegeheim

Am Möhnesee im Sauerland liegt Deutschlands wohl einziges Seniorenheim, in dem mehr Tiere als Menschen leben. Rund 150 Tiere – darunter Hunde, Katzen, Kaninchen, Papageien, ja sogar Affen und Nasenbären – leben mit auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs. Sie werden in der Tiergestützten Therapie eingesetzt und können von den Bewohnern betreut und versorgt werden. Kontakt: Senioren- und Pflegeheim Haus Müller, Telefon: 02924/810-0, Internet: http://pflegeheim-mueller.de

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN