Sehhilfe der nachhaltigen Art Trendige Brillengestelle: Haben Sie da Holz im Gesicht?

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Osnabrück. Weil der Mensch sein Blick verstärkt auf Nachhaltiges und Natürliches richtet, ist Holz deswegen zu einem wichtigen Grundstoff für Accessoires wie Armbanduhren, Gürtelschnallen geworden. Und für Brillengestelle. Die Hersteller rühmen ihre Produkte als qualitativ hochwertige Handwerkserzeugnisse für bewusste Konsumenten. Kritiker sagen: Statt um Nachhaltigkeit gehe es vor allem darum, eine Geschichte erzählen zu können.

Es ist fraglos ein edles Produkt, das Bernhard Wolf da in seiner Hand hält. Eine Brille, deren Gestell vollständig aus Holz besteht. Sie besteht aus mehreren Schichten gepressten Furniers, ist oberflächenversiegelt, Ergebnis von rund 80 Arbeitsschritten und streng genommen ein Unikat. Die Bügelgelenke sind mit höchster Präzision gefräst, frei beweglich und äußerst belastbar, Pflegeaufwand beschert die Brille praktisch keinen. „Wir prüfen jede Produktlinie unter verschiedensten Bedingungen in unserem Labor“, sagt Wolf, das Spektrum reiche von klimatischen Extrembedingungen bis hin zur Belastbarkeit der Gelenke.

Wolf ist einer der vier Mitgründer von „Rolf Spectacles“, einem österreichischen Familienbetrieb, der vor einigen Jahren begann, Brillengestelle aus Holz zu produzieren. Die Unternehmensgeschichte startete als Blindflug: Einschlägige Erfahrungen als Optiker brachte lediglich einer der Gründer ein. Der Zugang zum Markt war und ist schwierig – das Gros der Brillengestelle kommt aus chinesischer Massenproduktion, die großen Anbieter liefern sich harte Preiskämpfe. „Wir haben von Anfang an in unsere Kreativität vertraut und darin, dass sich Qualität durchsetzen wird“, sagt Wolf heute aus einer Position heraus, die ihm recht gibt. (Weiterlesen: So werden Wildvögel richtig gefüttert)

Die Banken gaben der Brille keine Chance

2009 brachte das Unternehmen den ersten Prototypen einer Holzbrille auf den Markt. Die Resonanz damals war positiv, das Produkt aber noch nicht ausgereift. Die Banken gaben der Brille kaum Chancen und dem Unternehmen keine Gelder. Letztlich hielt die finanzielle Unterstützung aus der Familie das Projekt am Laufen, das sich seitdem zur Erfolgsgeschichte gewandelt hat. Im Jahr 2017 beschäftigt Rolf Spectacles um die 120 Mitarbeiter, hat in mittlerweile 51 Ländern jeweils tausende Brillen verkauft und über 40 teils hochrangige Awards und Auszeichnungen für Design und Gestaltung gewonnen.

Wer Wolf vom Erfinder- und Pioniergeist seines Unternehmens schwärmen hört - für die Entwicklung einiger Maschinen bildeten etwa Melkautomaten und Motorradmotoren die Blaupause, Forschung und Weiterentwicklung gehören zur Firmenphilosophie – der versteht, warum etwa der Designwissenschaftler Paolo Tumminelli von einer guten Geschichte spricht, die mit Holzbrillen an den Mann gebracht werde. Tatsächlich sind die Rolf-Brillen eingebettet in ein umfassendes Narrativ: In den Prospekten dominieren erdige Töne. Die Unternehmensgründer zeigen sich auf ungebleichtem Papier vor Gebirgskulissen in einem Aufzug, der den Hipster mit dem Traditionalisten vereint.

„Eigentlich ein künstliches Produkt“

Tumminelli erkennt seit einigen Jahren eine starke Hinwendung zum Holz als Grundstoff für hochwertige Accessoires. „Damit wird ganz klar eine Zielgruppe angesprochen, der Nachhaltigkeit, Individualität und Ursprünglichkeit wichtig ist“, sagt der Wissenschaftler. Dabei seien die Holzprodukte ohne moderne Technologie undenkbar: „Erst durch Möglichkeiten, wie sie ein CNC-Fräser bietet, ist eine Massenproduktion etwa einer Holzbrille erst möglich“, erzählt Tumminelli. Von der Ursprünglichkeit des Werkstoffes Holz bleibe durch die Bearbeitung nicht allzu viel übrig: „Das Produkt ist hochdiffizil designt, verarbeitet und veredelt. Die Grundlage ist zwar Holz, aber was am Ende herauskommt, ist eigentlich ein künstliches Produkt.“

Dass das hölzerne Brillengestell viel Potenzial zum Verkaufsschlager mit sich bringt, sei seiner prominenten Platzierung geschuldet. „Die Brille ist ein zentrales Produkt für ihren Nutzer und eine Art Visitenkarte. Auf eine besondere Brille wird man angesprochen und kann damit eine Geschichte erzählen. So beginnt dann die Faszination des Konsums.“ Nachhaltig sei das nur bedingt: „Letztlich ist die Produktion teils derart aufwendig, dass ein einfaches Plastik- oder Metallgestell unterm Strich eine bessere Öko-Bilanz aufweist.“

Regionale Produktion

Rolf Spectacles und Mitbewerber wie etwa das Freisinger Unternehmen „Freisicht Eyewear“, das Holzbrillen aus Massivholz fertigt, betonen indes ihre ressourcenschonende, regionale Orientierung. Beide Unternehmen arbeiten nur mit einheimischen Hölzern, die Produktion findet ausschließlich im jeweiligen Heimatland statt. „Für uns hat es schon Priorität, am Ende eine Brille vorlegen zu können, die das Ergebnis von Handarbeit und letztlich eben doch ein Naturprodukt ist“, macht Freisicht-Mitgründer Sebastian Wittmann klar. Die Nachfrage für individuelle Produkte sei schließlich da und die Bereitschaft, entsprechende Preise zu zahlen, also lasse sich der Nachhaltigkeitsanspruch durchaus im Produkt abbilden. „Wir sind da in der glücklichen Situation, fair produzieren zu können, weil wir Abnehmer finden, denen es nicht nur um den Preis geht“, sagt Wittmann.


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