Reisen ohne Smartphone, Internet, Apps Wie wirksam ist der Digital-Detox-Urlaub?

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Osnabrück. Neuerdings gibt es Urlaubsformate, deren Fokus auf digitaler Abstinenz liegt. Der Gedanke hinter „Digital Detox“: Selbst im Urlaub fällt es vielen schwer, auf Computer und Handy zu verzichten, es braucht jemanden, der einem das Smartphone wegnimmt. Experten raten dagegen zu Smartphone-Pausen im Alltag.

War früher allein der handliche Reiseführer der unerlässliche Begleiter eines jeden Voyageurs, sind es heute Smartphone und Tablet. Digitale Technologien bestimmen zunehmend die Reisebranche und ihre größte Messe ITB in Berlin, wo Apps für die Urlaubsplanung vorgestellt werden, Hotels, die Smartphones zum Einchecken nutzen oder wo man mittels Virtual Reality eine Urlaubsvorschau bekommt. Gleichzeitig geht der Trend aber auch zum Rückzug vom digitalgeprägten, stressigen Alltag.

Laut der Umfrage eines großen Reiseportals stehen Detox (17 Prozent), Yoga (16 Prozent) und Achtsamkeit (15 Prozent) auf der Wunschliste der Urlauber. Wellnessreisen gelten bei Branchenkennern als Wachstumsmarkt.

„Entgiftung“ und digitale Abstinenz

Mit dem Begriff Detox, Englisch für Entgiftung, wird schon seit Längerem in der Tourismusbranche geworben. Es gibt Yoga-Camps, Wellness-Retreats und Fasten-Reisen. Neuerdings wird das Thema Entgiftung auch mit Technologie und digitalen Medien verknüpft. Im Oxford Dictionary gibt es bereits einen Eintrag zu „Digital Detox“, frei aus dem Englischen übersetzt heißt es da: „Ein Zeitraum, in dem eine Person keine elektronischen Geräte benutzt wie Smartphones oder Computer, um Stress zu reduzieren und sich auf sozialen Austausch in der physischen Welt zu konzentrieren.“

Immer mehr Freizeitangebote und Urlaubsformate kommen seit ein paar Jahren auf den Markt, deren Fokus auf digitaler Abstinenz liegt. Der Gedanke dahinter: Selbst im Urlaub fällt es vielen schwer, auf Computer und Handy zu verzichten, es braucht also jemanden, der einem das Smartphone gezielt wegnimmt. Neben Coaching liegen Handy-Fasten und sogenannter Detox-Urlaub vor allem bei denen im Trend, die ständig mit den digitalen Medien arbeiten: junge Gründer aus der Internetbranche beispielsweise, Journalisten, Werber, Investmentbanker.

Networking verboten

Die Urlaubsdestinationen sind dann oft auch solche, die aufgrund ihrer Abgeschiedenheit und des fehlenden Funknetzes schon prädestiniert sind für Smartphone-freie Zeit. „Thailändische Inseln und Schottland funktionieren prima, weil man da sehr schlechten bis gar keinen Empfang hat“, sagt die selbst ernannte Digital-Therapeutin und Autorin Anitra Eggler, die in ihren 30ern ein Start-up gründete und Erfahrung mit Offline-Urlaub hat. „Die Urlauber müssen ohne Hilfe des Internets zurechtkommen: ein Lagerfeuer anzünden, sich Rezepte ausdenken, an fremden Orten ohne Routenplaner zurechtkommen.“ Der Urlaub helfe dabei, ein neues Gleichgewicht zu entwickeln. „Man erlebt die Dinge viel intensiver, wenn nicht alles abfotografiert und auf Instagram gepostet wird“, sagt Eggler.

(Interview mit Anitra Eggler: „Wir achten das Handy mehr als unsere liebsten Menschen“)

Der Karibikstaat St. Vincent und die Grenadinen vermarkten sich auf dem britischen Markt als Ort zum Abschalten und Regenerieren vom digitalen Stress. Im deutschsprachigen Raum inszenieren sich vor allem Bergregionen als Digital-Detox-Destinationen. Allein in der Steiermark bieten 14 Hotelbetriebe Offline-Urlaub an; eine Unterkunft heißt passenderweise „Waldesruh“. In einem Hotel in den Allgäuer Alpen gibt es ein „Funkstille“-Angebot. Der Gast kann beim Reiseantritt sein Handy freiwillig am Empfang abgeben und bekommt zum Austausch Bergkäse dafür, wie es auf der Website heißt. Auch wenn vermutlich in 1044 Meter Höhe der Handyempfang sowieso nur mäßig ist. Auch Postkarten-Schreiben gehört als Offline-Übung dazu. In Südtirol erreicht der Gast ein Hotel nur per Seilbahn. Die fernsehfreien Zimmer werden nachts vom W-Lan abgekoppelt.

Ursprünge der Digital-Detox-Bewegung

Bezeichnenderweise ist das Silicon Valley in Kalifornien nicht nur Herkunft bedeutender Innovationen aus der IT-Industrie und Standort von Unternehmen wie Google, Apple und Facebook, sondern auch Ursprung der „Digital Detox“-Bewegung. Eines der ersten Camps war das Camp Grounded, das seit Juni 2013 regelmäßig pro Sommer über mehrere Tage im kalifornischen Wald etwa 200 Kilometer nordöstlich von San Francisco stattfindet. Bei dem als Sommercamp für Erwachsene beworbenen Event werden elektronische Geräte wie Smartphones oder Tablets außerhalb des Geländes weggesperrt.

Auch Gespräche über Jobs und Networking sind verboten. Die Zeit können sich die Teilnehmer mit Bogenschießen, Yoga, Klettern und Malen vertreiben. Als Ersatz für E-Mails gibt es Postfächer, in die Briefe eingeworfen werden können und Google ersetzt eine große Tafel im Camp, an die Fragen geklebt werden können, um sie von der Gemeinschaft beantworten zu lassen.

Das über die Crowdfunding-Plattform Start Next finanzierte Camp Breakout versucht in Deutschland etwas Ähnliches, bezeichnet sich auf seiner Internetseite als Ferienlager für Erwachsene, und die dort angebotenen Inhalte und Aktivitäten erinnern stark an das kalifornische Camp. Das österreichische Äquivalent ist die Wurzelwerkstatt bei Wien. „Bei uns treffen sich Gleichgesinnte, deren alltägliche Arbeit sehr bildschirmbezogen ist, und schalten zusammen ein paar Tage ab“, sagt die Gründerin.

Armbanduhr und Wecker

Wer sich in ein Kloster einmietet, bekommt hinter Mauern für ein paar Tage eine Auszeit von Smartphone und Zeitung, ohne dass „Digital Detox“ draufsteht. Mehrere Hundert der etwa 3000 katholischen Klöster in Deutschland öffnen ihre Pforten mittlerweile für das Programm „Kloster auf Zeit“, wo traditionellerweise komplett auf Medien verzichtet wird.

(Weiterlesen: Wie vier orthodoxe Mönche in Niedersachsen autark leben)

Die Verbraucherzentrale Niedersachsen sagt, analog zu sogenannten „Detox“-Produkten ist auch die Wirkung von „Detox“-Urlauben und Camps nicht wissenschaftlich bewiesen. Diese Urlaubsform ziele auf Entspannung und sei daher eine weitere Variante des Wellnessurlaubs – nur unter anderem Namen. Es handele sich um eine sehr kleine Nische innerhalb der Reisebranche. Das langfristige Ergebnis von Detox hänge vor allem von der eigenen Disziplin nach der Reise ab.

Experte: Smartphone-Pausen einlegen

Ob ein sogenannter „Digital Detox Urlaub“ wirklich hilft, um die Smartphone-Nutzung dauerhaft einzuschränken, müssten Studien erst noch zeigen, sagt auch Psychologe Christian Montag von der Universität Ulm. „Digital Detox kann für das Thema Smartphone und die Übernutzung sensibel machen. Um aber nachhaltig den eigenen Umgang mit dem Smartphone zu verbessern, müssen wir im Alltag einige Dinge verändern“, sagt der Professor, dem es selbst schwerfällt, auf mobile Endgeräte zu verzichten.

Montag rät dazu, jeden Tag kleine Smartphone-Pausen einzulegen. „Statt immer auf alles sofort digital zu reagieren, sollten wir uns besser feste Zeiten nehmen, an denen wir E-Mails beantworten oder die Messenger auf dem Smartphone überprüfen“, sagt er. Auch rät der Suchtforscher zu klassischen Zeitgebern wie Armbanduhr oder Wecker im Schlafzimmer, um das Smartphone aus bestimmten Bereichen des Lebens herauszuhalten.

(Weiterlesen: Psychologe warnt Eltern vor zu starker Smartphone-Nutzung)


Laut dem D21-Digital-Index sind 14- bis 19-Jährige durchschnittlich beinahe sechs Stunden und 20- bis 39-Jährige zwischen 3,5 und 4,5 Stunden am Tag online. Psychologen sprechen schon von suchtähnlichen Zuständen, die zu Stress, Empathielosigkeit und Unproduktivität führen können. Wie bei anderen Süchten beobachten sie folgende Symptome bei „Smartphone-Süchtigen“: die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Gerät, Entzugserscheinungen, wenn das Smartphone außer Reichweite ist, Kontrollverlust und berufliche oder private Beeinträchtigung durch exzessiven Konsum. Selbst im Urlaub wollen die meisten Menschen nicht aufs Internet verzichten. Für drei Viertel aller Bürger (73 Prozent) ist es bei der Auswahl ihres Urlaubsziels wichtig, dass die Unterkunft W-Lan hat, wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergab. Viele Urlauber wollen sich im Internet über Freizeitangebote, Restaurants oder Fahrtrouten informieren. Auch zum Versenden oder Posten von Urlaubsbildern sei das Internet wichtig. Bei den 16- bis 29-Jährigen wollen laut Umfrage knapp 90 Prozent im Urlaub nicht mehr ohne Internet auskommen. Auch in der Generation der über 65-Jährigen ist das Internet in der Unterkunft knapp jedem Zweiten wichtig. Dank der Abschaffung der sogenannten Störerhaftung im vergangenen Jahr haben Vermieter von Ferienunterkünften wie auch alle anderen Betreiber öffentlicher WLAN-Netze hierzulande inzwischen Rechtssicherheit, wie der Bitkom betonte. Sie müssten nun nicht mehr befürchten, für Rechtsverletzungen der Nutzer in Haftung genommen zu werden. cls/AFP

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