Vom Kind zum Kämpfer Nachwuchs der 68er kritisiert proletarische Erziehung

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Osnabrück. Die nächste Generation anders aufwachsen zu lassen als man selbst, war das Ziel der pädagogischen Initiativen der 68er. Vieles davon ist heute Standard. Für ihr Konzept der proletarischen Erziehung beziehen die 68er-Eltern aber bis heute Prügel. Auch von ihren Kindern.

Beschmierte Wände, Chaos und Disziplinlosigkeit: Als Ende der 60er-Jahre im Fernsehen die ersten Berichte über die antiautoritären Kinderläden der 68er-Bewegung gezeigt wurden, sahen viele Zuschauer rot. Anarchistisch sei das, ekelerregend und pornografisch, empörten sie sich. Anfang des neuen Jahrtausends rechnete dann auch der Nachwuchs mit seinen 68er-Eltern ab. Ihre Kindheit schilderten einige von ihnen in den düstersten Farben.

Dabei hatten sich ihre Eltern doch die freie Entfaltung der Persönlichkeit ihrer Kinder auf die Fahnen geschrieben. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus sollten die Kinder so erzogen werden, dass sie zum Widerstand fähig wären. Kritikfähigkeit statt Kadavergehorsam, Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung und die Enttabuisierung der kindlichen Sexualität waren die wichtigsten Ziele. Auch die Reinlichkeits- und Ordnungserziehung, die in den staatlichen und kirchlichen Kindergärten jener Zeit noch ganz großgeschrieben wurde, galt als gänzlich überholt.

Nachttöpfe auf den Köpfen

In der Presseberichterstattung las sich die Umsetzung dieses neuen Erziehungskonzepts dann oft so oder ähnlich: „Während der Erzieher seelenruhig Zeitung las, stülpten sich die Kinder gegenseitig ihre Nachttöpfe wie Helme auf den Kopf. [...] Ein Mädchen schmierte ihrer Freundin Bananenbrei in die Haare, während die andere mit Essensresten um sich warf. Zwei Jungs lagen auf dem Boden und schlugen gegenseitig aufeinander ein. Einer der beiden schrie immer wieder: Du Scheißbulle!“

Tatsächlich trieb die sogenannte antiautoritäre Erziehung vor allem in den politisch motivierten Wohngemeinschaften und Kinderläden auch höchst seltsame Blüten. Katharina Wulff-Bräutigam, Tochter einer Münchner Kommunardin und eines 68er-Rebellen, lässt an ihrer Kindheit in einer solchen Kommune jedenfalls kein gutes Haar. „Es war so, dass wir unseren Eltern bei der Verwirklichung ihrer Ego-Trips im Wege standen“, schreibt sie in ihrem 2005 erschienenen autobiografischen Buch „Bhagwan, Che und Ich“. Das Prinzip „Kinder regulieren sich selbst“ sei für die Eltern nur ein Vorwand gewesen, ungestört ihre eigenen Weg zu gehen. Statt selbstbestimmter Persönlichkeiten seien die Kinder zu unsicheren, haltlosen jungen Menschen herangewachsen. Katharinas Mutter suchte ihr Glück auch im Schoß der Bhagwan-Sekte im indischen Poona. Die Tochter legte derweil im zarten Alter von sechs Jahren im heimischen Garten Stein auf Stein, um endlich ein Nest zu haben. In ihrem kleinen Haus spielte die Kleine dann stundenlang ihr Lieblingsspiel „Vater-Mutter-Kind“.

Autoritäres Element

Bereits ein Jahr vor Wulff- Bräutigam hatte die 1971 in Gießen geborenen Autorin Sophie Dannenberg mit ihrem Roman „Das bleiche Herz der Revolution“ heftige Diskussionen über die 68er-Bewegung ausgelöst. Die Auswirkungen von sexueller Befreiung und antiautoritärer Erziehung stellt sie am Beispiel von Kitty Caspari dar. Die fühlt sich von den Erwachsenen vor allem vorgeführt, bloßgestellt und gedemütigt. Die 68er hätten die deutsche Universität auf dem Gewissen, die Familie, das Leistungsprinzip, Etikette und Anstand, Verlässlichkeit und Geborgenheit, schimpfte Dannenberg 2004 in einem Interview mit „Spiegel Online“.

Im Gespräch mit unserer Redaktion zeigt sie aber auch Verständnis. Ihre Mutter sei als Kind noch mit dem Stock verprügelt worden, den sie vorher selbst im Garten habe suchen müssen, erzählt Dannenberg. „Dass sie ihre eigenen Kinder anders erziehen wollte, fand ich lobenswert.“ Grundsätzlich sei eine gewaltfreie, körperfreundliche, am Wohl des Kindes orientierte Erziehung ja auch etwas Gutes. Auch sie könne sich durchaus an Gefühle von Freiheit und schöner Wildheit in ihrem Kinderladen erinnern, meint die Schriftstellerin.

Doch habe die 68er- Bewegung Erziehung auch dazu eingesetzt, einen neuen Menschen zu schaffen, um mit seiner Hilfe langfristig die Gesellschaft zu verändern. Über diesen Kanal sei ein manipulatives, instrumentelles, durchaus auch autoritäres Element in die Erziehung gekommen, die doch eigentlich so anders habe sein wollen. „Wir Kinder sollten frei sein, aber wir sollten gleichzeitig die politischen Produkte unserer Eltern und Erzieher werden“, fasst Dannenberg zusammen. Mit entsprechenden Bilderbüchern, Schallplatten und Kinderliedern sei der Nachwuchs darauf regelrecht trainiert worden. „Dieser ideologische Missbrauch hat vieles von dem, was schön war, vergiftet“, meint die Autorin.

Auch die Erziehungswissenschaftlerin Meike Sophia Baader kritisiert gegenüber unserer Redaktion, dass die proletarische Erziehung jener Zeit dazu gedient habe, die Kinder möglichst früh zu antikapitalistischen Kämpfern zu erziehen. „Und da gibt es mit Sicherheit auch Folgeschädigungen und Traumata.“

Irritierende Momente

„Fakt ist aber auch, dass es die Erziehung der 68er-Bewegung gar nicht gibt“, betont die Expertin, die an der Stiftung Universität Hildesheim zu Kindheit, Familien und Gender forscht. Die Bemühungen, die Erziehungsverhältnisse zu ändern, seien von ganz unterschiedlichen Vorstellungen getragen gewesen.

„Aus heutiger Sicht gibt es in der Kinderladenbewegung irritierende Momente und solche, die sich historisch durchgesetzt haben“, meint Baader. Schädlich seien sicher solche Ansätze gewesen, die die Bindungen zwischen Kindern und Eltern möglichst früh radikal durch solche zum Kinderkollektiv hätten ersetzen wollen. Andere in den Kinderläden praktizierte Ansätze wie Eltern-und Familienarbeit und einige dort entwickelte pädagogische Konzepte hätten sich dagegen heute als Standard durchgesetzt. Für manche sei der Bruch mit alten Erziehungsprinzipien sogar ein Glücksfall gewesen. So habe ihr eine heute 50-Jährige, die Linkshänderin sei, berichtet, dass sie die 68er damit verbinde, dass sie endlich mit der linken Hand habe schreiben dürfen.

Kindliche Sexualität

Auch die 1977 in Bielefeld geborene Lisa Dittrich, die zunächst einen Kinderladen und später die Bielefelder Laborschule besuchte, blickt auf ihre Kindheit mit angenehmen Gefühlen zurück. Sie sei in ihrer Selbstverwirklichung sehr stark gefördert worden, sagt sie. Gleichzeitig habe es zu Hause und im Kinderladen aber ganz klare Regeln gegeben. Auch könne von Abgeschobenwerden keine Rede sein. „Zeitlich betrachtet, geben Eltern ihre Kinder heute sehr viel länger in den Kindergarten, als das damals der Fall war“, meint die Historikerin.

Einen Kritikpunkt hat Dittrich aber doch: Als Kind fühlte sie sich von dem Beginn und der Intensität der sexuellen Aufklärung am Anfang der Sekundarstufe überfordert. Das Thema hätte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht interessiert. Für die beiden Buchautorinnen Wulff- Bräutigam und Dannenberg ist der Umgang mit der kindlichen Sexualität der wohl größte Sündenfall der 68er-Bewegung. Im Gespräch mit „Spiegel Online“ sagt Dannenberg: „Was als sexuelle Befreiung anfing, ist zum sexuellen Missbrauch von Kindern geraten, zur Pornografisierung der Kindheit und der Gesellschaft. Inzwischen verstehen wir wieder besser, dass die Einhegung der Sexualität einen zivilisatorischen Gewinn darstellt.“

Doktorspiele

Kinder wurden in vielen Kinderläden grundsätzlich als sexuelle Wesen gesehen, wie es bereits der Psychoanalytiker Sigmund Freud zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt hatte. Sie durften nackt spielen, erhielten die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, um ihre Körper zu erkunden und sich Doktorspielen hinzugeben. In manchen 68er-Kreisen galt sogar der sexuelle Kontakt mit Kindern als gesund und politisch fortschrittlich.

Das Missbehagen vieler 68er-Kinder mit diesem Aspekt ihrer Erziehung wird auch in einer Untersuchung deutlich, die Baader durchgeführt hat. Die große Bedeutung, die der Sexualerziehung beigemessen wurde, indem man sie zum wichtigsten Indikator für eine freie Persönlichkeit stilisiert habe, sei für viele heute nicht mehr nachvollziehbar, sagt die Expertin . „Und zum Teil haben sie darunter auch gelitten.“


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