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Trend zur Selbstoptimierung Medizinethiker Giovanni Maio: Körper wird wie eine Aktie behandelt

Von Elke Schröder

Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio als Gast in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ im März 2017. Foto: imago/Future ImageDer Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio als Gast in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ im März 2017. Foto: imago/Future Image

Osnabrück. Der fitte Körper wird heute zu Markte getragen, und die moderne Medizin macht sich den Trend zunutze, um Geschäfte zu machen, meint der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio im Interview mit unserer Redaktion. Er wendet sich gegen einen überzogenen Gesundheitsbegriff und „Fast-Food“-Medizin.

Anfang der 80er-Jahre stieg wieder das Bewusstsein für die Bedeutung eines gesunden Körpers, befeuert von Aerobic und der folgenden modernen Fitnesswelle. Heute gibt es den Trend zur Selbstoptimierung. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Wir leben in einer ökonomistischen Zeit, in der sich der moderne Mensch als Unternehmer seiner selbst begreift: Er ist verantwortlich dafür, dass er nicht nur seine Aktien gut anlegt, sondern seinen Körper wie eine Aktie behandelt, dergestalt, dass er das Maximum aus seinem Körper herausholt und optimal in ihn investiert. Deswegen spielt das äußere Erscheinungsbild heute eine viel größere Rolle als noch in den 70er-Jahren. Der Körper wird zu Markte getragen, deswegen wird er gestylt, modelliert und perfektioniert.

Und mit Fitnessarmband überwacht…

Ja. Wir haben die Selbstvermesserszene, die von früh bis spät ihre Herzfrequenz überwacht, um herauszufinden, wie man noch mehr aus dem Körper herausholen kann. Das ist eine sehr objektivistische Wahrnehmung des Körpers. Er wird als ein Auftrag gesehen, den ich optimal durch Fitness, aber auch ästhetische Chirurgie verwerten und gestalten muss, aber nicht etwas, das ich als Teil meiner Identität annehmen muss. Im Grunde leben wir in einer Zeit des Körperkultes als Ausdruck einer Verwertbarkeit des Körpers und dadurch einer Entfremdung. Das führt zudem dazu, dass der kranke Körper entwertet wird. In unserer Zeit gilt der als dysfunktional und wertlos. Das ist die Schattenseite.

Gesundbleiben war aber allein aus Existenzgründen schon immer wichtig. Was hat sich geändert?

Die Gesundheit ist immer ein hohes Gut gewesen, aber wir haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gesundheit gehabt. Heute sieht man Gesundheit als eine Möglichkeit, seine Ziele zu verwirklichen. Wir haben auf der einen Seite eine Öffentlichkeit, die Gesundheit oft auch in die Nähe des Wohlbefindens rückt, und auf der anderen Seite eine Medizin, die Gesundheit eher mechanistisch sieht, in dem Sinne, dass man gesund ist, wenn alles funktioniert. Heute glaubt man in der Medizin, dass nur derjenige gesund ist, der keine Krankheit hat. Wir dürfen nicht einem so überzogenen Begriff von Gesundheit folgen. Das ist grundlegend falsch.

Was wäre die Alternative?

Wir müssen wegkommen von dem defizitorientierten Verständnis von Gesundheit, vom rein naturwissenschaftlichen Messen. Wir müssen stattdessen die Potenziale des einzelnen Menschen sehen, die er trotz bestehender Funktionseinschränkungen mobilisieren kann, um sich gesünder zu fühlen. Ein Arzt muss ganzheitlich denken.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die moderne Medizin dessen bewusst wird?

Die Medizin reflektiert nicht wirklich, was sie dort tut. Sie stellt quasi alles zur Verfügung, was nachgefragt wird. Sie macht sich Trends eher zunutze, um daraus ein Geschäft zu machen. Das ist ein ganz großes Problem. Sie macht sogar Reklame für ästhetische Chirurgie. Die moderne Medizin macht sich zum Komplizen dieser Grundeinstellung, statt alternative Lebensmodelle und Denkformen zumindest anzudenken und vorzustellen.

Was treibt diese Nachfrage an, auch nach Hilfsmitteln, die die Leistungsfähigkeit erhöhen?

Es ist nicht Perfektionswut, sondern die Angst, herauskatapultiert zu werden aus dem Kreis derer, die für wichtig und bedeutsam gehalten werden: Der moderne Mensch hat Angst, Verlierer zu sein in einer Gesellschaft, die nur Gewinner sehen will. Die Verlierer gelten heute als diejenigen, die auch selbst schuld daran sind, weil sie nicht genügend oder falsch in ihren Körper investiert haben.

Laut einer Umfrage des Max-Planck-Instituts gibt eine breite Öffentlichkeit dem Einzelnen die Schuld an seinem Übergewicht und meint, demnach sollten Betroffene entsprechende medizinische Behandlungskosten selbst tragen.

Übergewicht hat viele Gründe. Menschen werden nicht übergewichtig, weil sie einen schwachen Willen haben, sondern weil sie in Milieus aufgewachsen sind, wo sie bestimmte Lebensweisen verinnerlicht haben. Aus diesen Denk- und Verhaltensmustern herauszukommen, schaffen sie nicht allein. Übergewichtigkeit ist deshalb ein Auftrag, in die Unterstützung zu investieren in einem pädagogischen, langfristigen Sinn. Wenn man nur sagt: Du bist schuld und wirst bestraft, weil du übergewichtig bist, führt das nicht zur Förderung von Motivation, sondern es treibt die ohnehin Benachteiligten in die Depression. Es ist eben genauso unmenschlich wie unvernünftig, die soziale Verantwortung durch die Eigenverantwortung zu ersetzen.

Wie viel Einfluss haben Diskussionen um Effizienz und Kosten im Gesundheitssystem auf eine solche öffentliche Wahrnehmung?

Der Boden für den Abschied eines solidarischen Denkens ist bereitet. Das ist die Tragik, dass wir uns als Gesellschaft verabschieden von einer gesellschaftlichen Notwendigkeit, sich mit den Schwachen solidarisch zu erklären. Heute werden sozialprekäre Verhältnisse individualisiert. Das heißt, die Menschen, die aus der Leistungsgesellschaft herausfallen, werden wahrgenommen als diejenigen, die etwas falsch gemacht haben, aber nicht als diejenigen, die Opfer eines selektierenden Systems sind. In dieser Welt leben wir, dass unsere Gesellschaft ganz konsequent die Menschen aussortiert, die nicht produktiv sind – und so tut, als hätte es jeder in seiner Hand.

Was ist mit dem Sozialstaatsprinzip?

Dass der Staat für soziale Verhältnisse sorgen muss, die eine Gleichheit der Chancen gewährleisten, ist immer weiter in den Hintergrund gerückt. Stattdessen fordert man Eigenverantwortung, was automatisch verbunden ist mit der Schuldzuweisung unter Ausblendung der Verantwortung der Gesellschaft für die Rahmenbedingungen, in denen jeder Einzelne lebt. In diesem Gesundheitssystem sind die Starken die Gewinner des Systems, weil sie Vorsorge leisten können und dafür auch noch belohnt werden.

Sie plädieren seit einigen Jahren für eine „Ethik der Besonnenheit“: ein Gesundheitssystem, in dem mehr Zeit in das ärztliche Beratungsgespräch investiert wird, was dann entsprechend honoriert werden muss. Sehen Sie da schon ein Umdenken in Fachkreisen?

Die moderne Medizin unterliegt falschen Anreizen: Je weniger Kontakt man im ambulanten Bereich mit seinen Patienten hat, desto mehr Geld verdient man. Das ist widersinnig, von der Sache her nicht richtig und hilft keinem. Man muss Ärzte auch durch die Bezahlung darin bestärken, eher in eine Beziehungsmedizin zu investieren. Es muss sich für die Ärzte lohnen, weil man nur durch die Beziehungsmedizin dem Patienten einen guten Rat geben kann – den Rat, lieber nicht zu operieren, konservativ vorzugehen oder auch gar nichts zu machen.

Was versprechen Sie sich diesbezüglich von der Gesundheitspolitik?

Die Politik, die wir jetzt haben, ist da grundsätzlich auf dem Holzweg, weil sie nicht begriffen hat, dass eine durchökonomisierte Medizin, wie wir sie erleben, nur Aktionismus befördert und keine Besonnenheit. Sie ermöglicht keine zwischenmenschliche Medizin, sondern im Grunde eine formalistisch korrekte, aber unpersönlich bleibende Durchschleusungsmedizin. Wir haben eine Fast-Food-Medizin, die keiner haben will, die aber politisch verordnet worden ist, ohne dass die Politiker bereit sind, die Verantwortung dafür zu tragen.


Giovanni Maio ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Professor Maio war vor dem Medizin- und Philosophiestudium als Internist tätig. Er ist Mitglied verschiedener überregionaler Ethikkommissionen und Ethikbeiräte, Mitglied des Ethik-Beirates der Malteser Deutschland, Mitglied des Ausschusses für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer. 2010 wurde er zum ständigen Berater der Deutschen Bischofskonferenz berufen. Er ist u.a. Autor des Buchs „Medizin ohne Maß“ (Trias Verlag, 2014).