Redewendung Darum wird aus dem Nähkästchen geplaudert

Von Elke Schröder

Ein Nähkästchen ist nicht nur Aufbewahrungsort für Nadel, Faden und Schere, sondern auch ein Versteck für sehr persönliche Dinge. Foto: imago/imagebroker/theissenEin Nähkästchen ist nicht nur Aufbewahrungsort für Nadel, Faden und Schere, sondern auch ein Versteck für sehr persönliche Dinge. Foto: imago/imagebroker/theissen

Osnabrück. Ein Nähkästchen ist nicht nur Aufbewahrungsort für Nadel, Faden und Schere. Das legt eine Redewendung nahe.

Im Radio sitzen winzige Frauen und Männer, die bereits am frühen Morgen fröhlich reden und Musik machen: Die kindliche Fantasie kann sich so einiges ausdenken, wie die Welt funktioniert. Bei einer Redewendung wie „aus dem Nähkästchen plaudern“ kann sie jedoch an Grenzen des Vorstellbaren stoßen. Ein sprechendes Nähkästchen? Noch nie gehört!

Eltern können da auf der Suche nach einer logischen Erklärung schwer ins Grübeln kommen: Schließlich ist ein Körbchen, das einfach nur dasteht und gut sortiert Nadel, Faden, Knöpfe und Schere präsentiert, eher Stillleben als Plaudertasche. Klar, könnten sie sich locker rausreden, indem sie auf die Bedeutung verweisen: Es geht schließlich um das Bewahren eines Geheimnisses.

Geschichten aus der Nachbarschaft

Wem das jedoch nicht reicht, hier Informationen zur Herkunft der Redewendung: Im 19. Jahrhundert war für feine Damen ihr Nähkästchen in der Regel ein besserer Safe, weil ihre Ehemänner mit Häkeln, Nähen und Sticken nichts zu tun hatten. So war das Holzkästchen mit seinen verschiedenen Schubladen ein sicherer Ort, um persönliche Geheimnisse, beispielsweise Briefe, darin zu verstecken. Zum unauffälligen Kommunikationsmittel wurde es, weil sich die Frauen zum gemeinsamen Handarbeiten trafen – und dabei die neusten Geschichten aus der Nachbarschaft austauschten, die sie buchstäblich Zettel für Zettel aus dem Nähkästchen zogen.

Literarisch verewigt

Jedoch: Dieser Safe konnte auch geknackt werden. Das war mitunter sehr unangenehm. In der Literatur endete es gar tragisch. Denn warum man besser nicht aus dem Nähkästchen plaudern sollte, verewigte auf dramatische Weise Theodor Fontane in seinem Roman „Effi Briest“ (1895). Dieser thematisiert den damaligen fragwürdigen großbürgerlichen Ehrenkodex. Darin geht der Ehemann der Titelheldin an ihr geheimes Nähkästchen-Versteck – und findet Liebesbriefe, die Effis Affäre mit einem Offizier beweisen. Es folgt ein Duell, das tödlich für den Geliebten endet, sowie die Scheidung, die zur gesellschaftlichen Ächtung von Effi führt.


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