Häufig in Verbindung mit Essstörung Trainieren bis über die Schmerzgrenze: Wenn Sport süchtig macht

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Trainieren bis zur Erschöpfung – und darüber hinaus: Wer sportsüchtig ist, ignoriert die Warnsignale seines Körpers und trainiert auch unter Schmerzen noch weiter. Foto: ColourboxTrainieren bis zur Erschöpfung – und darüber hinaus: Wer sportsüchtig ist, ignoriert die Warnsignale seines Körpers und trainiert auch unter Schmerzen noch weiter. Foto: Colourbox

Osnabrück. Vor dem Frühstück eine Runde joggen, in der Mittagspause ein paar Bahnen schwimmen und nach Feierabend noch schnell aufs Fahrrad: Sie denken, sie tun ihrem Körper etwas Gutes, dabei kann Sportsucht schwere gesundheitliche Folgen haben. Ein Problem: Sport ist Lifestyle, viel Bewegung Trend – und wer einen durchtrainierten Körper hat, erntet viel Anerkennung.

Erst kommt der Sport, dann alles andere – mit diesen Worten beschrieb sich ein Leistungssportler, der auf Initiative seiner Freundin vor einigen Jahren in die Praxis des psychologischen Psychotherapeuten Antonius Lipka kam. Emotionale Belastungen kompensiere er mit Sport, bei schlechten Trainingsleistungen bestrafe er sich mit noch mehr Training, sagte der bis vor einiger Zeit in Osnabrück wohnende Mann. Manchmal sei er auch heimlich zum Sport gegangen und habe seine Freundin im Anschluss belogen, heißt es in Lipkas Therapiebericht. Kurzum: Der Mann war sportsüchtig.

„Bei Sportsüchtigen steht der Sport an erster Stelle. Alles andere wird vernachlässigt“, sagt der Allgemein- und Sportmediziner Michael Karsch. So war es auch bei dem Klienten von Antonius Lipka, wie der Therapiebericht verrät. Der Mann verzichtete demnach auf „persönliche Vergnügungen, Liebesbeziehungen und Sexualität“. Nicht selten gehen bei Betroffenen Beziehungen in die Brüche, leidet die Familie unter der Sucht oder wird der Beruf vernachlässigt.

Studie zum Thema

„Den Betroffenen ist alles egal“, sagt auch Heiko Ziemainz, Akademischer Oberrat am Institut für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen-Nürnberg, der zu dem Thema eine Studie veröffentlichte, für die er 1000 Ausdauersportler befragte. „4,5 Prozent von ihnen zeigten eine Gefährdung zur Sportsucht“, erklärt Ziemainz. „Etwa zehn Prozent davon erkranken auch daran.“ Wie die Studie zeigt, sind gerade jüngere Athleten stärker gefährdet als ältere. Außerdem scheint die Sportart Triathlon ein höheres Gefährdungspotenzial als Laufen und Radfahren aufzuweisen. Schätzungen zufolge seien etwa ein Prozent der Sportler sportsüchtig. Den Anteil Betroffener in der Gesamtbevölkerung schätzt Ziemainz noch geringer ein, da auch nur ein kleiner Teil regelmäßig Sport treibt. Genaue Zahlen gebe es nicht.

Sportsucht häufig in Zusammenhang mit Essstörung

Laut Ziemainz muss man zwischen der primären und sekundären Sportsucht unterscheiden. Während bei ersterer die Sportsucht die eigentliche Grunderkrankung ist, liegt bei letzterer eine andere Erkrankung zugrunde, häufig eine Essstörung. Der Zusammenhang liegt nahe: „Sport ist ein gutes Mittel, um Kalorien loszuwerden“, sagt Ziemainz. Allerdings ist Sportsucht bislang noch nicht offiziell als psychische Krankheit anerkannt und so auch nicht in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten zu finden. Erst kürzlich anerkannt worden ist mit Spielsucht hingegen eine andere stoffungebundene Sucht. Der Unterschied: „Bei Sportsucht hängen nicht wie bei Spielsucht ganze Existenzen dran“, sagt Mediziner Karsch, der eine Zeit lang am Olympia-Stützpunkt in Dortmund gearbeitet hat und mittlerweile eine Praxis in Osnabrück betreibt.

Keine Rücksichtnahme auf den Körper

Doch auch bei der Sportsucht schaden sich Betroffene selbst. Denn wer mehrere Trainingseinheiten am Tag absolviert, vielleicht sogar noch nachts aufsteht, um eine Runde Sport zu machen, der strapaziert seinen Körper. „Oft sind die Achillessehne, der Mittelfuß oder die Kniegelenke überlastet“, zählt Karsch besonders häufig auftretende Verletzungen auf. Auch Ermüdungsfrakturen, chronische Sehnenüberlastungen oder Knochenhautreizungen seien darunter. Kraftsportler hätten häufig Probleme im Schulterbereich. Wer sportsüchtig ist, achte nicht auf Warnsignale – oder nehme sogar Tabletten gegen auftretende Schmerzen, um weitertrainieren zu können. „Betroffene nehmen keine Rücksicht auf ihren Körper“, sagt Ziemainz.

Schlafstörungen und Unruhe bei Zwangspause

Mit einer Zwangspause kommt dann laut Karsch zusätzlich zu den Schmerzen weiteres Leid für die Betroffenen hinzu. Körperliche Entzugserscheinungen wie bei einem Alkoholiker oder Nikotinabhängigen gebe es zwar nicht. „Bei Sportsüchtigen ist es eher eine mentale Beeinträchtigung. Das ganze Gedankengut kreist darum, dass man Sport machen möchte. Betroffene wissen nicht, was sie sonst mit sich anfangen sollen.“ Müssen Betroffene verletzungsbedingt pausieren, reagierten sie häufig schnell gereizt. Sie könnten in depressive Stimmung verfallen, unruhig werden oder Schlafstörungen bekommen. Ansonsten falle Sportsucht selten auf. Meist würden Betroffene vom Umfeld als Menschen wahrgenommen, die viel und gerne Sport treiben. „Der Übergang zwischen Sportbegeisterung oder dem intensiven Sporttreiben und Sportsucht ist fließend“, sagt Karsch.

Kontrolle über den Sport bekommen

Wer glaubt, dass jemand aus seinem Umfeld betroffen ist, sollte denjenigen darauf ansprechen. Hilfe finden Sportsüchtige bei einem Therapeuten. „In der Verhaltenstherapie ist nicht wie beim Alkohol die Abstinenz das Ziel, sondern es geht darum, die Kontrolle über den Sport zu bekommen“, erklärt Andreas Lipka. Der Psychotherapeut, Sportpsychologe und Sportpsychotherapeut hat eine Praxis in Osnabrück. Nur die Sporteinheiten zu reduzieren reiche jedoch nicht aus. Es gehe darum, herauszufinden, welche Gefühle der Betroffene mit der Sucht vermeiden will. Manche wollen durch die sportliche Beschäftigung Stress vergessen, andere laufen vor Sorgen davon oder wollen anderen aus dem Weg gehen. In der Therapie gehe es darum, einen anderen Weg zu finden, mit Gefühlen umzugehen und zu lernen, dass man diese besser aushalten könne.

Spielt möglicherweise auch die schon seit einiger Zeit andauernde Fitnesswelle eine Rolle, wenn es um das Thema Sportsucht geht? Sport ist angesagt, Fitnessuhren zählen Schritte und verbrauchte Kalorien, wer einen durchtrainierten Körper hat, erntet Anerkennung. Zumindest bei der Krankheitseinsicht spielt der Fitnesstrend eine Rolle, wie Lipka sagt: „Sport ist Trend und Lifestyle. Die Krankheitseinsicht ist da eher gering.“

Ursachen für Sportsucht?

Sportmediziner Michael Karsch begutachtet in seiner Praxis ein Röntgenbild. Foto: David Ebener

Noch ist nicht klar, warum jemand sportsüchtig wird. Während die einen den Grund in der durch Sport erhöhten Endorphin-Ausschüttung sehen, glauben andere, dass die Ausschüttung körpereigener Opiate bei einer bestimmten Belastung etwas damit zu tun haben könnten. Ziemainz könnte sich eher mit der Hypofrontalitätstheorie anfreunden. Diese besagt, dass bei sportlicher Betätigung bestimmte Gehirnregionen angesprochen werden, die Wohlgefühl auslösen. Aber: „Die genauen Ursachen sind noch nicht erforscht.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN