Das Bett kann eine Falle sein Studien: Fast keine Krankheit wird durchs Liegen tatsächlich besser

Von Dr. Jörg Zittlau

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Weitverbreiterter Irrglauben: Bettruhe ist bei vielen Krankheiten nicht die beste Medizin. Foto: dpaWeitverbreiterter Irrglauben: Bettruhe ist bei vielen Krankheiten nicht die beste Medizin. Foto: dpa

Osnabrück. „Legen Sie sich für ein paar Tage ins Bett.“ Dieser Ratschlag gehört nach wie vor zu den gängigen Empfehlungen, die man in Arztpraxen hört. Doch die wissenschaftliche Datenlage zeigt: Es gibt kaum eine Krankheit, die im Bett wirklich besser wird. Im Gegenteil.

„Wir müssen davon ausgehen, dass immer noch viele Ärzte zur Bettruhe raten“, berichtet Annette Becker von in der Philipps-Universität in Marburg. Manchmal, so die Leiterin der Allgemeinmedizinischen Abteilung weiter, geschehe dies nur im Nebensatz. Nicht selten werde dabei jedoch auch eine konkrete therapeutische Absicht verfolgt. Und die werde von der Vorstellung getragen: „Da ist etwas kaputt, also muss ich den Patienten schonen.“ Wenn man den Körper tage- oder sogar wochenlang inaktiviere, habe das weitreichende Konsequenzen für ihn, so Becker.

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So schwächt die dauerhafte Immobilisation den Blutdruck und die Durchblutung der Organe. Dies merkt der Patient beispielsweise daran, dass ihm – etwa bei einem Toilettengang – schwindelig wird, was dann zum Anlass genommen wird, sich gleich wieder hinzulegen, sodass der Kreislauf weiter an Schwung verliert.

Zudem erhöht ein schwacher Blutfluss das Risiko für die berüchtigten Gerinnsel einer Thrombose, und das flache Atmen während der Bettruhe verschlechtert den Sauerstoffgehalt des Blutes und die Durchlüftung der Lunge, die dadurch anfälliger für Infekte und Entzündungen wird.

Von zentraler Bedeutung ist zudem der Muskelverlust, er beträgt schon zu Beginn der Bettruhe rund 15 Prozent pro Woche. Was den Patienten nicht nur weiter schwächt, sondern auch seine Bewegungen unsicherer macht, wenn er sich mal aus dem Bett erhebt. Das erhöht gerade bei älteren Patienten die Sturzgefahr – und sie werden mit höherer Wahrscheinlichkeit zum Pflegefall.

Pflegebedürftigkeit

In einer Studie der Yale University im US-amerikanischen New Haven zeigte sich: Das Risiko stationärer Patienten auf eine Pflegebedürftigkeit steigt um das Sechzigfache, wenn man sie vier Wochen lang mehr oder weniger im Bett hält. Es beträgt jedoch gerade mal das Fünffache, wenn man sie aus ihrem Krankenzimmer herausholt, um sich zu bewegen.

Im Falle akuter Rückenschmerzen wie dem Hexenschuss verstärkt Bettruhe oft genau das, was die Beschwerden auslöst. Denn wenn sich der Patient ins Bett legt, werden die Schmerzen zwar erst einmal nachlassen, doch sofern er sich erhebt, werden sie wieder da sein und ihn in eine Schonhaltung zwingen, die über ihren Einfluss auf die Muskulatur die Schmerzen weiter verschlimmert. „Diese Zunahme an Schmerzen verstärkt wiederum das Bedürfnis nach mehr Schonung“, erläutert Becker. „Die Schonung wird damit zum Grund des Krankseins und das Kranksein zum Grund des Schonens.“ Am Ende steckt der Patient in einem Teufelskreis, in dem der Schmerz geradezu zwangsläufig chronisch wird.

Besser: Ein Mittel gegen Rückenschmerzen

Besser: Der Rückenpatient nimmt ein Schmerzmittel ein und begibt sich vorübergehend in eine Rückenlage mit angewinkelten, hochgelagerten Beinen, die ihm spontan Erleichterung verschafft. „Doch aus dieser Position sollte er sich schon bald wieder erheben“, betont Becker. Und dann sollte er sich – mit dem erleichternden Rückenwind des Schmerzmittels – soweit bewegen, wie es ihm möglich ist. Das allein wird schon durch die verbesserte Durchblutung und sinkende Muskelspannung den Schmerz abschwächen, und wenn dies der Patient merkt, wird ihm das Gefühl, seinem Leiden nicht hilflos ausgeliefert zu sein, einen weiteren Heilungsschub geben.

Bei Atemwegsinfekten wie etwa einer Grippe sollte man sich zwar körperlich schonen, doch das muss auch nicht im Bett geschehen. Wobei Becker schon betont: „Wer sich matt und erschlagen fühlt und möglicherweise Gliederschmerzen hat, kann sich natürlich hinlegen – und das wird ihm vermutlich auch guttun.“ Doch man sollte sich keine Schonzeiten auferlegen wie: Jetzt kuriere ich mich mindestens vier Tage im Bett richtig aus.

Die Werbung für Erkältungsmittel suggeriert zwar, dass Schlafen die Heilung begünstigt. Doch das ist keineswegs belegt. Was hingegen erwiesen ist: Wer lange inaktiv im Bett liegt, kühlt schneller aus. Außerdem kann man in horizontaler Position schlechter abhusten, was ja gerade bei Atemwegsinfekten als Erleichterung empfunden wird. Besser: In den heimischen vier Wänden immer mal wieder unanstrengenden Alltagsgeschäften nachgehen, beispielsweise sich einen Tee kochen und Zähne putzen, duschen gehen und sich frische Kleidung anziehen.

Wann Bettruhe hilfreich ist

Insgesamt gibt es nur noch sehr wenige Krankheiten, bei denen man die Bettruhe gemäß wissenschaftlicher Datenlage als hilfreich einstufen kann. Dazu zählt neben instabilen Knochenbrüchen der akute Herzinfarkt, bei dem aber auch in der Regel zwölf bis 24 Stunden Immobilisation ausreichen. Selbst nach Operationen sollte der Patienten möglichst schnell wieder in Bewegung kommen, wobei dies naturgemäß umso leichter klappt, je besser vorher seine körperliche Fitness gewesen ist. „Es ist sinnvoller, man trainiert vor dem Eingriff, um sich körperlich in Form zu bringen, als danach auf die angeblichen Segnungen der Bettruhe zu vertrauen“, mahnt Becker.

Viele Ärzte sehen noch in Problemschwangerschaften mit drohender Frühgeburt eine klassische Indikation für strenge Bettruhe. Doch selbst das ist mittlerweile überholt. Denn Judith Maloni von der Case Western Reserve University kommt nach Analyse der vorliegenden Studien zu dem Schluss: „Bettruhe bringt für Mutter und Kind eher Nach- als Vorteile.“ So macht es etwa der damit einhergehende Muskelschwund der Frau viel schwerer, das Baby bei der Niederkunft herauszupressen.


Anhänger der Bettruhe

Einer der energischsten Verfechter der strengen Bettruhe war der US-amerikanische Neurologe Silas Weir Mitchell. Er steckte seine Patienten für sechs bis acht Wochen ins Bett: „Und manchmal habe ich ihnen nicht erlaubt, sich dort ohne Hilfe zu drehen.“ Trotzdem zählte Mitchells „Rest cure“ seinerzeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, zu den angesagten Therapien. Auch die depressive und magersüchtige Schriftstellerin Virginia Woolf legte sich wochenlang ins Bett. Doch ihre Beschwerden verschlimmerten sich, einige Jahre später ertränkte sie sich in einem Fluss. Und Depressionen und Magersucht sind nicht die einzigen Krankheiten, bei denen sich Bettruhe mittlerweile als kontraproduktiv herausgestellt hat. (zitt)

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