Didacta 2018 Zukunftsforscher Al-Ani: Bildungssystem für digitalen Wandel umgestalten

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Osnabrück. Der Zukunftsforscher Ayad Al-Ani ist davon überzeugt, dass das gegenwärtige Bildungssystem die Aufgaben des digitalen Wandels nicht bewältigen kann. Er fordert deshalb seine Umgestaltung.

Der digitale Wandel erfasst alle Bereiche und verändert auch den Qualifizierungsbedarf. Wird unser Bildungssystem diesem Wandel gerecht?

Das gegenwärtige Bildungssystem kann diese Aufgabe in der jetzigen Struktur nicht bewältigen. Insbesondere das Hochschulsystem war ja vorrangig einer gewissen Elite und später auch der Mittelschicht vorbehalten. Wir stehen aber heute vor der Herausforderung, in einem recht kurzen Zeitraum möglichst breite Bevölkerungsschichten – etwa auch die Arbeitstätigen – mit neuen Fähigkeiten auszustatten und ganz neue Berufsbilder zu unterstützen. Gleichzeitig verändert sich auch die Art und Weise, wie Zusammenarbeit und Wissensvermittlung stattfinden. Von einer Situation, in der dem Individuum ein standardisiertes Curriculum angeboten oder aufgezwungen wird, hin zu einer, in der man das lernt, was einen interessiert und gerade gebraucht wird.

Unser Bildungssystem müsste also dringend umgestaltet werden? Ja, allerdings sind historisch das Bildungssystem und insbesondere die Hochschulen auf Kontinuität ausgerichtet. Die gegenwärtigen Strukturen werden zudem mit Steuergeldern finanziert, sind extrem reglementiert und damit konservativer. Ein Professor, Hochschullehrer oder Lehrer wird ja heute nicht dafür bezahlt, dass er oder sie maßgeblich mithilft, die digitale Transformation der Gesellschaft zu gestalten. Und eigentlich geht es ja um noch mehr: Die Menschen müssten ja nicht nur befähigt werden, mit der Digitalisierung klarzukommen, sondern diese auch aktiv zu gestalten.

Worum geht es da konkret? Wie die digitale Gesellschaft aussieht, wie sie etwa Technologien einsetzt und mit Ungleichheit umgeht, ist ja noch offen, und Schulen und Hochschulen müssten hier die noch ausstehende Diskussion vorantreiben und vielleicht sogar ein Stück weit den gegenwärtigen konservativen Konsens verlassen. und Themen, die am Horizont oder knapp dahinter liegen, verarbeiten. Ich gehe zunächst davon aus, dass die notwendige Transformation in der Erwachsenenbildung beginnt. Dort ist man flexibler und wird die Konkurrenz von neuen Mitbewerbern wie zum Beispiel Amazon, Tesla oder Google früher spüren und reagieren müssen. Die Veränderungen könnten dann auch auf das klassische Curriculum abstrahlen.

Welche Fähigkeiten werden denn immer wichtiger?

Der Fabrikarbeiter, der heute an einem Förderband arbeitet, wird in Zukunft im Netz nach interessantem Input fahnden, etwa nach Ideen, Skizzen, Designs, die man an einem 3-D-Drucker, an speziell konfigurierten Produktionsstraßen oder Roboterfabriken ausdrucken kann. Er oder sie ist dann Architekt eines Produktionsprozesses, der Menschen und Maschinen vernetzt. Die Organisation von Arbeit mittels Menschen und Algorithmen jenseits der Hierarchie erfordert Fähigkeiten, die sowohl im Sozialen wie auch im Technischen liegen werden. Mann muss nicht alles im Detail wissen, aber orchestrieren und nutzen können.

Das hört sich nach lebenslangem Lernen an…

Lebenslanges Lernen ist aber in unserem Bildungssystem bislang nicht vorgesehen – auch wenn das manchmal behauptet wird. Das oberste Ziel war es immer, die Leute möglichst früh für einen existierenden Job fit zu machen. Allerdings konnte ja auch bis vor einigen Jahren niemand vorhersehen, dass sich Arbeitnehmer mit 40 oder 45 Jahren noch mal ganz neu erfinden müssen.

Das heißt, dass es vor allem an dem Einzelnen hängen bleibt, diese Aufgabe zu bewältigen?

So, wie es aussieht, werden wir uns wohl alle unsere eigenen Lernpfade bauen müssen. Dabei spielen dann mehrere Elemente eine Rolle: Einerseits die klassische Schul-/Hochschulbildung. Hinzu kommen Lernkomponenten, die ich mir digital herunterladen kann. Wichtig sind aber auch Aktivitäten gemeinsam mit anderen Nutzern. Das kann in sogenannten Fablabs sein, also in offenen Werkstätten, die auf computergesteuerte Fertigung ausgerichtet sind und wo jeder seine Ideen in die Tat umsetzen kann. Oder auf Crowd-Working-Plattformen, wo ich mich zusätzlich zu meinem regulären Job an Projekten beteilige. Da geht es dann nicht so sehr darum Geld zu verdienen, sondern darum, neue Techniken kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln.

Und welche Rolle spielen Communities?

Auch diese sind im Lernpfad integriert: In Communities schließen sich Leute zusammen, die ähnliche Leidenschaften und Interessen teilen. Sie helfen sich gegenseitig weiter, wenn es darum geht, Probleme zu lösen oder Herausforderungen zu meistern. Für unsere Kinder sind zum Beispiel Whatsapp-Gruppen mit 30 und mehr Kontakten längst Alltag. Wir werden also unser ganzes Leben lang eine eigene Community mittels sozialer Medien aufbauen und kuratieren, deren Zusammensetzung sich entlang unserer Biografie immer wieder ändert und die uns hilft, stets wechselnde Herausforderungen in den Griff zu bekommen, und uns Sicherheit und Selbstvertrauen gibt.

Das alles spielt sich dann aber außerhalb des klassischen Bildungssystems ab… Derzeit haben wir es oft mit einer Parallelität der Lernsysteme zu tun. Die heutigen Studenten oder Schüler haben das klassische Curriculum und bilden sich gleichzeitig schon in einer Parallelwelt auf digitalem Wege weiter. Dabei trägt der Einzelne immer mehr Verantwortung für sein Lernen. Im Managementdeutsch wird das als „Learnership“ bezeichnet: Das heißt, dass ich selbst die Verantwortung übernehmen muss, weil es sonst ja keiner tut.

Zumindest die Strategien und Lernpfade für ein solches Lernen könnte doch auch Schulen und Hochschulen vermitteln …

Schulen und Hochschulen könnten sich etwa darauf konzentrieren, den Lernenden beim Design ihres Lernpfades zu helfen. Ausgehend von einem Lernziel, welches man sich setzt. Einige Elemente des Lernpfades steuern die Institutionen selbst bei, andere werden vielleicht nur vermittelt. Bildungsinstitutionen würden dann auch danach beurteilt werden, wie sie dem Individuum helfen, seine Lernziele zu erreichen und nicht nur, ob eine bestimmte Lehrveranstaltung gut oder schlecht war.

Ist der Transformationsprozess woanders schon weiter fortgeschritten als bei uns?

Wie gesagt, scheint es schwer zu sein, die traditionelle Bildungsinstitution zu reformieren. Eine Strategie ist dann, neue digitale Institutionen neben die alten zu setzen, wobei die beiden Einheiten miteinander verbunden sind und sich vielleicht auch früher oder später konkurrenzieren.

Gibt es dafür schon Vorbilder?

Ein gutes Beispiel dafür ist die virtuelle Lernplattform edX, die unter anderem von den Universitäten Harvard, Stanford und dem Massuchusetts Institute of Technology gegründet wurde. Dort werden weltweit virtuelle Lerninhalte, sogenannte Massive Open Online Courses (Moocs), aus verschiedenen Themenbereichen angeboten. Die Inhalte und Vortragenden kommen aber noch aus dem traditionellen Lehrbetrieb. Studenten, die es sich leisten können, werden nach wie vor diese elitären Institutionen besuchen, aber Millionen Menschen werden dies nur virtuell tun und diese Kurse zum Bestandteil ihres Lernpfades machen. Die Lerninhalte sind so demokratisierter zugänglich. Solche Lernplattformen sind auch ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.

In dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD ist von dem Aufbau einer nationalen Bildungsplattform die Rede. Das dürfte ja in Ihrem Sinne sein…

Unbedingt. Das Koalitionspapier nennt derartige Plattformen, wenn auch nur vage. Diese Plattformen würden sehr viel Sinn ergeben. Einmal im Zusammenhang mit Schulen. Hier könnten sich Lehrer über verwendete Lehrmaterialien und -inhalte austauschen. Aber auch die Schüler könnten sich entlang von Themen oder Fächer organisieren, bzw. die heute schon in jeder Klasse existierenden virtuellen Lerngruppen könnten hier andocken, sich austauschen und so viel effizienter werden. Der Plattformbetreiber hätte zudem einen einzigartigen Überblick darüber, welche Themen relevant sind und wo Handlungsbedarf besteht.

Und wie sehe eine solche Plattform im Hochschulbereich aus?

Ähnlich: Man könnte sich hier ein Plattform vorstellen, in der die bestehenden Bildungseinrichtungen relevante Inhalte hochladen, damit diese landesweit und international verfügbar sind. Die Akkreditierung erfolgt dann nicht über eine Agentur, sondern über die Nutzer, die diese Inhalte bewerten, aber auch verbessern. Je mehr Nutzer, desto besser werden die Inhalte.

Welche Voraussetzungen müsste eine solche Plattform erfüllen?

Sie müsste ihre Inhalte ohne Kosten und Voraussetzungen anbieten und groß genug sein, damit Lehrende und Lernenden motiviert sind, ihre Inhalte zur Verfügung zu stellen bzw. zu nutzen und zu ergänzen. Man kann sich vorstellen, welch wirkungsvolles Instrument eine solche Plattform wäre: Communities von Interessierten könnten sich hier bilden, Arbeitsämter könnten die Inhalte für Bildungsmaßnahmen im Kontext offener Jobs verknüpfen, nationale, regionale oder unternehmenspezifische Bildungsinitiativen könnten quasi auf Knopfdruck umgesetzt werden. Selbst bei Berücksichtigung strengster Datenschutzregeln, würden wertvolle Informationen erkennbar: welches Wissen ist relevant, welches fehlt, welche Didaktik funktioniert, welche nicht. Nicht zuletzt sollte man wohl auch eine internationale Vernetzung und Strategie im Kopf haben. Plattformen brauchen Größe und, global betrachtet, ist der deutsche Bildungsmarkt nicht sehr groß.

Wo liegen die speziellen Herausforderungen für Unternehmen?

Unternehmen sind immer weniger in der Lage, fixe Ausbildungsstrecken für ihre Mitarbeiter vorzugeben, weil im Hyperwettbewerb die eigene Marktpositionierung und damit Anforderungen an die Mitarbeiterrollen und verknüpften Lernprofile stetigen Veränderungen ausgesetzt sind. Das bedeutet, dass Unternehmen verstärkt darauf angewiesen sind, flexibel Lerninhalte digitaler Art für ihre Mitarbeiter zu nutzen und mehr noch, diese anzuhalten und zu unterstützen sich selbst um ihre Ausbildung zu kümmern. Große Unternehmen werden wohl eng mit Lernplattformen zusammenarbeiten, damit sie deren Inhalt beeinflussen können, sie werden vielleicht auch selber Anbieter von Inhalten oder Zertifikaten. Dies deshalb, weil sie auch immer mehr Kunden zu Co-Produzenten machen werden, die Produkte mitentwickeln, bewerten oder vertreiben werden und diesen Anleitungen und Hilfestellungen geben müssen.

Und was können kleinere Unternehmen tun?

Kleinere Unternehmen werden sich auf das Coaching von Lernstrecken fokussieren und vielleicht nur einen kleinen, aber für das Unternehmen wichtigen Teil, selbst erstellen. Auch mit diesen Inhalten kann man den Bildungsmarkt betreten und Zulieferer einer Bildungsplattform werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen, Mitarbeiter zu finden und die Inhalte mit Hilfe anderer Lernender zu verbessern.


Vita

Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani hat 20 Jahre Erfahrung bei internationalen Beratungsunternehmen. Der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler lehrte an der Hertie School of Governance in Berlin, er war Partner bei Accenture, Geschäftsführer Accenture Österreich und Rektor an der ESCP Europe Wirtschaftshochschule Berlin. Heute beschäftigt er sich vor allem als Zukunftsforscher mit dem digitalen Wandel und hat mit Tebble ein Beratungsunternehmen gegründet, das Unternehmen dabei hilft, die Chancen des digitalen Wandels für sich zu nutzen. Al-Ani forscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) auf dem Gebiet der internetbasierten Innovationen und lehrt am Institut für Wirtschaftsinformatik und Electronic Government der Universität Potsdam. Er ist auch Professor an der School of Public Leadership der Universität Stellenbosch, Südafrika. Al-Ani lebt in Wien und Berlin.

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