Silver Surfer statt Teenager Facebook: Von hipper Plattform zum Seniorenheim

Von Waltraud Messmann und Sebastian Moll

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Wer kein Facebook nutzt, ist out – diese Regel gilt schon lange nicht mehr. Immer mehr Teenager wenden sich vom sozialen Netzwerk ab. Foto: imago/photothekWer kein Facebook nutzt, ist out – diese Regel gilt schon lange nicht mehr. Immer mehr Teenager wenden sich vom sozialen Netzwerk ab. Foto: imago/photothek

Osnabrück. Das Image des einst so hippen Technologiekonzerns Facebook leidet: In Deutschland gilt die Plattform immer mehr als Seniorenheim unter den sozialen Medien. In den USA steht das Netzwerk unterdessen mehr und mehr auch wegen seines Datenhungers in der Kritik. Vor allem aber die Instrumentalisierung der Plattform für russische Interessen während des US-Wahlkampfes 2017 haben die Amerikaner nicht vergessen.

Die Entwicklung in Deutschland macht der aktuelle Social-Media-Atlas der Hamburger Kommunikationsberatung Faktenkontor und des Marktforschers Toluna deutlich: Danach sind 76 Prozent der Internet-Nutzer ab 14 Jahren in Deutschland in dem Freunde-Netzwerk unterwegs. Ein Rekord-Zuwachs um elf Prozentpunkte innerhalb eines Jahres. Im Detail zeigt sich allerdings: Unter Teenagern verliert Facebook weiter an Boden – Zugewinne verzeichnet das Soziale Netzwerk vor allem bei Älteren.

Noch 2014 war Facebook aber nach Angaben des Faktenkontors in keiner Altersgruppe beliebter als unter Teenagern – 89 Prozent der 14- bis 19-jährigen Onliner nutzten das Netzwerk. Von dieser Begeisterung der Jüngsten sei heute nicht mehr viel übrig, meinen die Analysten. Nur noch 61 Prozent der Internet-Nutzer zwischen 14 und 19 Jahren seien auf Facebook unterwegs. Die geringste Quote in allen Altersgruppen. Weitgehend konstant blieb aber die Nutzung unter Twens. Aktuell verwendeten 89 Prozent der Onliner zwischen 20 und 29 Jahren Facebook.

Youtube an der Spitze

Kräftig zulegen konnte Facebook innerhalb eines Jahres hingegen bei den älteren Usern: In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen stieg die Nutzung um 16 Prozentpunkte, bei 40- bis 49-Jährigen um zwölf Prozentpunkte und bei den 50- bis 59-Jährigen um 20 Prozentpunkte. Am stärksten fiel der Zuwachs mit 23 Prozentpunkten bei den „Silver Surfern“ ab 60 Jahren aus: Sieben von zehn Onlinern ab 60 nutzen jetzt Marc Zuckerbergs Netzwerk. Nur unter den Ältesten ab 50 und 60 ist Facebook noch das beliebteste soziale Medium. In allen anderen Altersgruppen liegt Youtube an der Spitze. Teenager nutzen darüber hinaus auch häufiger Instagram (84 Prozent) und Snapchat (82 Prozent) als Facebook.

„Das Netzwerk Facebook wird mittelfristig wieder an Nutzern verlieren“, prognostiziert Roland Heintze, geschäftsführender Gesellschafter und Social-Media-Experte des Faktenkontors. „Denn wer heute als Teenager Facebook nicht nutzt, wird als Twen kaum damit anfangen. Und auf Dauer wird Facebook den wegbrechenden Nachwuchs nicht mehr durch zusätzliche User aus älteren Zielgruppen ausgleichen können.“

Auch ältere Amerikaner wenden sich ab

In den USA ist diese Entwicklung schon weiter fortgeschritten: Nach einer Umfrage der Marktforscher von eMarketer nutzen dort nicht einmal mehr die Hälfte der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren Facebook mindestens einmal im Monat. In diesem Jahr soll ihr Anteil noch einmal um 5,6 Prozent zurückgehen. Die Zahl der Jugendlichen unter elf Jahren und die Altersgruppe von 18 bis 24 sollen mit 9,3 Prozent beziehungsweise 5,8 Prozent noch schneller schrumpfen. In diesem Jahr dürfte Facebook damit insgesamt zwei Millionen jugendliche Nutzer verlieren, heißt es.

Auch immer mehr ältere Amerikaner wenden sich aber von Facebook ab. So kündigte der amerikanische Komiker Jim Carrey in der vergangenen Woche per Twitter die Löschung seines Facebook-Kontos mit fünf Millionen Freunden an und bat seine Anhänger, es ihm gleichzutun. Carrey artikuliert eine Stimmung, die sich zunehmend unter Nutzern von sozialen Netzwerken breitmacht.

Skepsis wächst

Spätestens seit bekannt wurde, welche Rolle Facebook bei den US-Wahlen gespielt und wie zögerlich die Firma sich dem Problem gestellt hat, wächst die Skepsis. Aber auch die skrupellose Vermarktung privater Daten gerät zunehmend in die Kritik. Ebenso das Medienökosystem, das Facebook geschaffen hat, in dem die Unterscheidung zwischen echter Information und Falschnachricht praktisch unmöglich geworden ist. Zudem wächst die Sorge gegenüber der schieren Macht von Facebook.

Facebook versucht gegenzusteuern. So hat Firmenchef Mark Zuckerberg einen Marktforscher eingestellt, dessen einzige Aufgabe es ist, die öffentliche Wahrnehmung von Zuckerberg aufzuzeichnen und zu analysieren. Wenn man das Bild Zuckerbergs steuern kann, dann kann man hoffentlich auch den beschädigten Ruf von Facebook wieder verbessern, so der Gedanke. Ob das allerdings ausreicht, darf bezweifelt werden. „Die Zeit der Unschuld ist vorbei“, schreibt die „New York Post“.


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