Buchtipp: „Gefährlich schön“ Tapeten im 19. Jahrhundert: Giftgrün – im wahrsten Sinne

Von Elke Schröder

Giftgrün: Mit arsenhaltiger Farbe bedruckte Tapeten aus dem 19. Jahrhundert. Abbildung aus Lucinda Hawksleys Buch „Gefährlich schön“. Foto: Gerstenberg VerlagGiftgrün: Mit arsenhaltiger Farbe bedruckte Tapeten aus dem 19. Jahrhundert. Abbildung aus Lucinda Hawksleys Buch „Gefährlich schön“. Foto: Gerstenberg Verlag

Osnabrück. Wer beim Anblick einer Tapete entsetzt zurückweicht und sie dabei als Giftgrün bezeichnet, gibt damit heutzutage unmissverständlich ein vernichtendes Geschmacksurteil ab. Im 19. Jahrhundert hätte man dies als natürliche Abwehrreaktion vor einer unsichtbaren Gefahr bewerten können.

Bereits im 16. Jahrhundert existierte das Adjektiv grün, wie die Brüder Grimm später in ihrem Wörterbuch notierten – allerdings nur in Bezug auf eine ungesunde Gesichtsfarbe. Doch wie kam das Gift in die Tapete und damit der intensive Farbton einst zu seinem toxischen Ruf?

Es begann 1775 mit einer Erfindung des deutsch-schwedischen Apothekers Carl Wilhelm Scheele und der nach ihm benannten Farbe. „Scheeles Grün“ enthielt das Gift Arsen. Es war ein intensiver Farbton, der industriell unter dem Namen Schweinfurter Grün Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt wurde, nachdem er von Wilhelm Sattler 1814 weiterentwickelt worden war. Mit dem kupferarsenithaltigen Farbstoff wurden damals Tapeten bedruckt.

Leuchtende Farben im Wohnraum

Lange war das mit Vorliebe im viktorianischen Großbritannien der Fall: Arsenik sei zu jener Zeit nicht „zwangsläufig als gesundheitsgefährdend“ von vielen Farbenherstellern, aber auch nicht von Kunden eingestuft worden, schreibt Lucinda Hawksley in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Band „Gefährlich schön“. Für die einen sei Arsen ein billiger Rohstoff gewesen, der die „Brillanz und Haltbarkeit“ der Farbpigmente erhöhte. Die anderen schätzten „die neuen leuchtenden Farben“, die Mitte des 19. Jahrhunderts gerade in Mode gekommen waren.

Das weiße Pulver, das damals auch als Rattengift verkauft wurde, sei auch ein beliebtes Mordinstrument gewesen, „denn es war leicht erhältlich, geschmacklos, schon in kleinen Dosen tödlich und schwer nachweisbar“, schreibt die Kunsthistorikerin, die eine Nachfahrin des viktorianischen Schriftstellers Charles Dickens ist.

Farbton mit gefährlichen Nebeneffekten

„Noch bevor Scheeles Grün in Großbritannien populär wurde“, habe man sich hierzulande bereits um „die Nebeneffekte des Arsens in Anstrich und Tapeten“ gesorgt, so Hawksley. So war in Preußen der Einsatz des Farbstoffs bereits 1848 verboten worden, und in Frankreich sei es nicht erlaubt gewesen, „Arsentapeten“ zu verkaufen. Die Autorin berichtet, dass selbst, als Ärzte vor dem Gift in den Tapeten warnten, ausgerechnet beispielsweise der britische Künstler, Designer und als Sozialreformer bekannte Unternehmer William Morris (1834 bis 1896) dies noch 1885 als töricht abtat. Dabei war er damals Miteigentümer einer Mine, in der die Arbeiter beim Abbau arsenhaltigem Staub ausgesetzt waren. Hätte er es nicht besser wissen müssen?

Ein Irrglaube sei es aber lange gewesen, dass nur das intensive Grün gifthaltig sei, denn auch andere Farbtöne waren betroffen. Selbst im Buckingham-Palast habe ein Gast von Königin Victoria über schwere Beschwerden geklagt nach einer Nacht in einem mit giftgrüner Tapete gestalteten Zimmer, die dann umgehend entfernt worden sei. Die gefährlichen Arsengase konnten in die Raumluft gelangen, sobald Feuchtigkeit und Schimmelbefall einen Zersetzungsprozess der Tapete auslösten.

Berichte über Arsenvergiftungen im 19. Jahrhundert

Die ersten Berichte über Arsenvergiftungen in Familien, chronische Erkrankungen und Todesfälle durch Tapeten Ende der 1850er-Jahre in überregionalen englischen Zeitungen lösten eine öffentliche Debatte aus, die mit dazu führte, dass 1851 der Verkauf von Arsenik in Großbritannien per Gesetz eingeschränkt wurde. Ein Verbot folgte aber nicht. Der Markt sollte es zur Jahrhundertwende regeln: Die nachlassende Nachfrage seitens der zunehmend sensibilisierten Kunden ließ das Angebot an arsenfreien Tapeten steigen. Darüber hinaus, so Hawskley, bliebt vielen britischen Tapetenherstellern gar nichts anderes übrig, da sie ihre Pigmente aus europäischen Ländern bezogen hätten, in denen arsenhaltige Produkte bereits verboten waren.

Hawksleys opulent gestalteten Band zur Geschichte des Arsens, nicht nur im Hinblick auf Tapeten, sondern auch als Mordinstrument, Haushaltsgift und Heilmittel, dokumentiert zudem eindrucksvoll das Ergebnis einer spannenden musealen Detektivarbeit: mit 275 farbigen Abbildungen oft floraler, reich gemusterter Tapeten aus dem 19. Jahrhundert, die in den Laboren des britischen Nationalarchivs positiv auf Arsen getestet wurden.


Buchtipp: Lucinda Hawksley „Gefährlich schön. Giftige Tapeten im 19. Jahrhundert“. Mit über 450 Illustrationen. 256 S., Gerstenberg Verlag, 45 Euro.