Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Eltern, die sich für Kinder prügeln – sinnvoll?

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Schläge vom Kind: Verträgt sich das noch mit dem Ideal der gewaltfreien Erziehung? Illustration: Lilith BenedictSchläge vom Kind: Verträgt sich das noch mit dem Ideal der gewaltfreien Erziehung? Illustration: Lilith Benedict

Berlin. In Aachen haben Eltern sich in der Turnhalle ihrer Kinder eine Massenschlägerei geliefert. Was spricht für, was spricht gegen die Gewalt zum Wohle des sportlichen Erfolgs von Grundschülern?

In der vergangenen Woche hat Corinna Berghahn die Liste der Krankheitserreger in ihrer Kita geleakt – und ihren Kollegen gefragt: „In Aachen haben sich 20 Eltern geprügelt, weil zwei Kinder sich während eines Sportwettkampfs gestritten hatten. Hättest Du auch zugeschlagen, um Deinen Kindern den Sieg zu sichern?“ Das ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

in einer Aachener Sporthalle haben Eltern sich in den Ringkampf von Grundschülern eingemischt und eine Massenschlägerei angezettelt – und du fragst, ob mir das auch passieren könnte? Ich und Gewalt? Damit mein Kind im sportlichen Wettstreit obsiegt? Bist du irre? Ich bin mit knapper Not 1,70 Meter groß. Um keinen Preis der Welt würde ich Zehnjährige auf dem Gipfel ihrer Leistungsfähigkeit provozieren.

Ich finde schon verbale Auseinandersetzungen mit Kindern schwierig. Die Kommunikation unter Erwachsenen ist ja stark durch gemeinsame Grundannahmen gesteuert. Wie stark, merkt man erst, wenn man sein Kind gegen Spielplatz-Despoten verteidigt. Als mir zum ersten Mal ein Drittklässler erklärt hat, dass er zuerst da war und der Bestimmer ist, war ich rhetorisch völlig ausgeknockt. Inzwischen habe ich eine Standardantwort: „So läuft das hier nicht, Freundchen, sonst heulen gleich alle.“ Das appelliert an die Einsicht, klingt aber immer noch genug nach einer Drohung, um auch zu wirken.

Grundsätzlich ist es allerdings gefährlich, Konflikte überhaupt auf der Ebene der Kinder zu schlichten. In Aachen soll eine Mutter das fremde Kind sogar geschubst haben. Bis dahin dürften die meisten der späteren Schläger gelangweilt aufs Handy geguckt haben. Danach aber war der Krieg unvermeidlich. Nichts peitscht die Empörung mehr auf, als Fremde, die am eigenen Kind rumerziehen. Ich habe selbst mal erlebt, wie eine Freundin diesen Fehler begangen hat. Zum ersten Mal saß ich in einem Sandkasten, in dem die Mütter lauter waren als die Kinder. Peinlich.

Kontrollverlust aus verletztem Rechtsempfinden: Leider erlebe ich das selbst manchmal, wenn auch nie in meiner Eigenschaft als Vater. Im Gegenteil! Neulich hatte ich auf dem Rad einen Autofahrer hinter mir, der hupend und mit aufheulendem Motor vorbeidrängeln wollte. An der ersten Kreuzung halten wir und schnauzen uns natürlich an wie zwei achtjährige Wrestler. Was dann passiert, kann ich mir selbst nicht erklären. Wahrscheinlich verändert der Alltag mit Geschwisterkindern das Stammhirn – sodass Geschrei bei mir inzwischen selbst dann Abwehrreflexe auslöst, wenn es von mir kommt. Jedenfalls höre ich mich in all meinem Gebell von Nötigung und Polizei auf einmal die folgenden Worte brüllen: „Und jetzt ist Schluss mit dem Lärm hier, wir vertragen uns!“ Es hat funktioniert. Auf Knopfdruck hat mein Feind mich angestrahlt. Noch bis zur nächsten Ampelhaben wir einander glücklich zugewinkt.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Apropos Krieg: Haltet Ihr Euch an das Waffenverbot an Niedersachsens Grundschulen?

Das Buch zur Kolumne gibt es jetzt auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.


Vater, Mutter, Kind: über die Elternkolumne

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kenne das: Corinna Berghahn, zweifache Mutter, hat ihrer einen Tochter schon den Adventskalender geplündert und die andere ohne schlechtes Gewissen nach drei Monaten abgestillt. Daniel Benedict intrigiert bei den Großeltern, damit seine fast zwei und vier Jahre alten Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

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