Verhütung ohne Hormone Was ist ein Diaphragma – und wie funktioniert es?

Von Corinna Berghahn


Osnabrück. Pille, Kondom oder Spirale: Kennen Frau und Mann. Aber wie genau funktioniert ein Diaphragma? Und warum wird sein Einsatz bei der Verhütung immer beliebter? Wir haben einmal nachgefragt bei Pro Familia in Osnabrück – eine der wenigen Stellen, in denen das Verhütungsmittel angepasst wird.

Es sieht aus wie eine kleine Gummikappe – und ähnlich funktioniert das Diaphragma auch, erklärt Annette Tibbe von der Pro Familia Beratungsstelle in Osnabrück. Die elastische Silikonkappe wird in der Scheide vor den Muttermund geschoben, verdeckt diesen also, und hält so die Spermien ab.

Allerdings würde Tibbe nicht nur auf diese Barrieremethode vertrauen: „Besser ist, zusätzlich ein spermienhemmendes Gel auf die dem Muttermund zugewendete Seite des Diaphragmas zu schmieren. Das Gel wird durch das Diaphragma vor dem Muttermund platziert – und verhindert eine Befruchtung.“

Bestanden die eingesetzten Gels früher oftmals aus chemischen Bestandteilen, setzt man heute zumeist solche auf Milchsäurebasis ein. „Einer Säure, die dem Klima in der Scheide entspricht und diese zusätzlich vor Infektionen schützt.“ Der Pearl-Index (siehe Infobox), der die Sicherheit von Verhütungsmittel beurteilt, variiert beim Diaphragma allerdings stark zwischen eins und 20. Dies liege vor allen daran, dass es – wie beim Kondom – bei nicht richtiger Anwendung verrutschen kann und zudem nicht immer mit dem Gel benutzt werde, so Tibbe. „Bei richtiger Anwendung ist es sehr sicher“, sagt sie.

Vor dem Einsatz sollte es mit einem spermienhemmenden Gel bestrichen werden. Foto: Gert Westdörp

Noch ein Nischenprodukt

Das Diaphragma hat noch weitere Vorteile, findet Tibbe: „Ist es richtig eingesetzt, wird es beim Geschlechtsverkehr weder von der Frau noch von dem Mann wahrgenommen.“ Zudem greift es nicht in den Hormonhaushalt der Frau ein, wie beispielsweise die Pille.

„Es kann je nach Bedarf eingesetzt werden. Frauen in Fernbeziehungen, die ihren Partner nur alle zwei Wochen sehen, schätzen das. Und im Gegensatz zum Kondom unterbricht das Diaphragma nicht den sexuellen Akt, denn es kann bis zu zwei Stunden vor dem Geschlechtsverkehr eingesetzt werden.“ Anders als ein Kondom schützt das Diaphragma jedoch nicht vor Geschlechtskrankheiten – und wird daher öfters in Beziehungen angewendet, die länger bestehen, erzählt Tibbe.

Trotzdem verhütet laut Tibbe nur rund ein Prozent der Frauen in Deutschland mit dem Diaphragma. In den USA ist die Verhütungsmethode wesentlich beliebter, selbst in Filmen oder TV-Serien wie „Sex and The City“ wird der Gebrauch thematisiert.

So weit ist Deutschland noch nicht, aber „seit einiger Zeit bemerken wir bei der Pro Familia eine Trendwende“, sagt Tibbe: „Gerade jüngere Frauen wollen sich häufiger als früher informieren und sich von mir ein Diaphragma anpassen lassen.“ Selbst bei YouTube finden sich in vielen Lifestyle-Blogs Erklärvideos über die Vorteile von Diaphragmas.

Der Grund dieser Trendwende, so vermutet Tibbe, ist ein verstärkter Skeptizismus bezüglich hormoneller Verhütung. Tibbe findet das gut: „Gerade junge Frauen sind kritischer, und haben weniger Scheu, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Dazu passt, dass junge Diaphragma-Nutzerinnen oftmals schon Menstruationstassen während ihrer Periode eingesetzt haben.“

Zur Erklärung: Die Menstruationstasse ist ein kleiner Kelch aus Silikon, der wie das Diaphragma in die Vagina eingeführt wird und dort das Blut sammelt. (Weiterlesen: Was ist eine Menstruationstasse und wie funktioniert sie?)

So funktioniert die Diaphragma-Anpassung

Tibbe hat sich zur Diaphragma-Beraterin weitergebildet – und ist bisher eine der wenigen in Niedersachsen. Öfters gibt sie Schulungen in anderen Niederlassungen von Pro Familia – oder wird von Frauen besucht, die eine lange Anfahrt auf sich nehmen. „Zu mir kommen schon mal Frauen aus dem Weserbergland, die vor Ort keine Beratung erhalten.“ Die Anpassung ist nicht in wenigen Minuten geschehen, sondern kann gute 90 Minuten dauern. Dies ist wohl einer der Gründe, warum nur wenige Frauenärzte ihren Patientinnen diese Methode offensiv anbieten, vermutet Tibbe.

„Es ist ein sensibler Termin: Die Frauen ertasten ihren Muttermund und probieren dann mehrere Modelle aus, bis sie das für sie passende gefunden haben.“ Wenn die Frauen es wollen, überprüft Tibbe per Hand, ob es richtig sitzt. Zur Probe können die Frauen mehrere Größen – die zwischen 60 und 80 Millimetern variieren – mit nach Hause nehmen.“ Allerdings sind diese Modelle reine Probemodelle, die von den Herstellern mit einem Loch versehen wurden und zur Verhütung nicht taugen.

„Es gibt auch Hersteller, die One-Size-Modelle entwickelt haben, die angeblich allen Frauen passen. Ich bin davon nicht so überzeugt, denn jede Vagina und jeder Muttermund ist anders.“Passt und sitzt es, sind die Frauen laut Annette Tibbe „sehr zufrieden. Teilweise ärgern sie sich sogar, dass sie nicht schon früher statt der Pille das Diaphragma benutzt haben.“ (Weiterlesen: Sind selbst genähte Binden und Slipeinlagen gesünder?)

Soviel kosten Diaphragma und Anpassung

50 Euro kosten Beratung und Anpassung bei Pro Familia; dazu kommen noch etwa 40 Euro für ein Diaphragma und zehn Euro für das Gel. „Es ist erst einmal teurer als ein Kondom und wird nicht, wie andere Verhütungsmittel, teilweise von den Krankenkassen übernommen. Aber es lässt sich auch zwei Jahre immer wieder benutzen“, so Tibbe.

Für Schülerinnen ist die Beratung allerdings kostenlos – und darüber hinaus wird in Stadt und Landkreis Osnabrück sozial schwächer gestellten Frauen finanziell unter die Arme gegriffen: „Wer beispielsweise einen Osnabrück-Pass besitzt, bekommt von der Stadt 50 Prozent der Kosten erstattet.“




Was ist der Pearl-Index?

Der Pearl-Index wurde nach dem US-amerikanischen Wissenschaftler Raymond Pearl benannt. Er ist das Beurteilungsmaß für die Sicherheit von Verhütungsmethoden. Wenden beispielsweise 100 Frauen ein Jahr lang das gleiche Verhütungsmittel an und treten in diesem Zeitraum drei Schwangerschaften auf, so beträgt der Pearl-Index 3. Ein Pearl Index von 0,4 besagt, dass vier von 1000 Frauen, die ein Jahr lang das gleiche Verhütungsmittel anwenden, schwanger wurden. Sprich: je kleiner der Pearl-Index, desto sicherer die Verhütungsmethode. Sprich: je kleiner der Pearl-Index, desto sicherer ist die Verhütungsmethode.