„Weißes Gold“ im Camelccino und Camellatte Wie Kamelmilch in der Wüste zur Alternative zum Kuhprodukt wird

Von Michael Marek und Anja Steinbuch

Sie spenden das „weiße Gold: Die Kamele von Dubai. Foto: Michael MarekSie spenden das „weiße Gold: Die Kamele von Dubai. Foto: Michael Marek

Dubai. Dubai ist für den Burj Khalifa bekannt, die künstlich angelegte Insel „The Palm“ und klimatisierte Malls. Weniger geläufig ist das „weiße Gold“ - Kamelmilch, aus der sogar Schokolade hergestellt wird.

Angenehme 25 Grad im Schatten sind es jetzt im Februar, ein warmer Wind weht aus der Wüste herüber. Vor uns in einem abgezäunten Bereich etwa zwei dutzend Kamele, über ihnen ein Dach aus Wellblech. Eine der Kamel-Stuten tritt vor, kommt zu uns ans Gatter, eine andere drängelt nach, ihre Kälber folgen ihnen. Freundlicher Blick, neugierig beäugen sie uns, die Unterlippe hängt entspannt herunter. Wir reichen ihnen eine Möhre – als Belohnung, schließlich sollen die Tiere sich wohlfühlen und reichlich von ihrer wertvollen Milch geben.

Umm Nahad, eine halbe Autostunde von Dubai entfernt: Hier, mitten in der Wüste, fließen kein Erdöl und kein Erdgas. Hier wird Kamelmilch „gefördert“. Flüssiges, weißes Gold, das sich auch zu Schokolade verwandeln lässt.

Produktionsgelände penibel vor Bakterien gesichert

Auf das Gelände von „Emirates Industry for Camel Milk & Products“ kommt nur, wer sich vom Sicherheitsdienst die Autoreifen desinfizieren lässt. Man könnte ja Bakterien einschleppen. Auf der Farm werden Kamele auf einem 1,5 Quadratkilometer großen Gelände gehalten. Das entspricht einer Fläche von 210 Fußballfeldern. Hier leben die Tiere in Gruppen mit maximal 25 Tieren.

500 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, die meisten kommen aus Bangladesh, Indien und Pakistan oder aus Europa, Letztere sind meist in Führungspositionen tätig und nicht mit dem Melken oder einfachen Arbeiten in den Stallungen der Tiere betraut. Emiratis sieht man – wie überall in Dubai – auch auf der Kamelfarm nur selten.

Kameldamen erweisen sich gerne als launig

Wer in den Produktionsstätten will, muss erst einmal Schutzkleidung anlegen. Das verlangen die Hygienebestimmungen. Wie bei Kühen haben Kamelstuten vier Zitzen, die in der Leistengegend sitzen. Melkstand und Melkmaschinen sind an die kleineren, flacheren Kameleuter angepasst. Zweimal am Tag werden die etwa 4.200 „Wüstenschiffe“ gemolken.

Kamelstuten sind feinfühlig – und eigensinnig. Sobald ihnen eine Kleinigkeit nicht passt, geben sie keine Milch mehr. Sie lassen sich nur melken, wenn das Kalb zuvor gesäugt wurde, und während des Melkprozesses muss das Jungtier in der Nähe seiner Mutter verweilen. Wenn die Kameldame keine Lust hat, dann kann man sich noch so bemühen, aber ihre Milch rückt sie nicht raus. Selbst wenn die Stuten entspannt, gut gelaunt und freigiebig sind, erhält man maximal sieben Liter pro Tier und Tag.

Trinkjoghurt, Käse und Körperpflegeprodukte

Im Vergleich zu unseren mitteleuropäischen Kühen, die täglich zwischen 25 und 40 Liter geben, ist das recht wenig. Auch das macht die Kamelmilch so wertvoll. Nach dem Melken wird die Kamelmilch bei 75 Grad Celsius pasteurisiert. Derzeit liegt die Produktion bei 6000 Liter Milch pro Tag. Zweidrittel davon gehen in den Frischmilchverkauf, aus dem Rest wird vor allem Milchpulver produziert.

Seit Jahrtausenden leben die Beduinen Arabiens in symbiotischer Beziehung mit ihren Tieren, und sie schwören auf die Heilkraft von Kamelmilch. Während eine Kuh im Wüstenklima nach vier Stunden ohne Wasser schlapp macht, kommt das Kamel dank seiner Fähigkeit, Wasser in den roten Blutkörperchen zu speichern, zwei Wochen und länger ohne Wasser aus – und, kaum zu glauben, sie gibt weiter Milch. „Emirates Industry“ arbeitet daran, das Kamel wieder zu einem Nutztier zu machen – ähnlich der Kuh wie in Europa, obwohl die Emiratis heute ihre Kamele zuallererst als Renntiere schätzen.

Traditionell füttern sie ihre wertvollen Tiere vor einem Rennen mit Kamelmilch, von deren Kraft sie überzeugt sind. Doch über viele Dekaden war das flüssige Gold der Wüstenschiffe fast völlig aus den Läden der Emirate verschwunden. Heute produziert man neben der Milch auch Trinkjoghurt, Käse und sogar Körperpflegeprodukte.

Camelatte und Camelccino Trendgetränke in Dubai

Und mehr noch: Latte macchiato war gestern, Camelatte und Camelccino ist heute – zumindest in Dubai sind das die Getränke der Stunde. In dem arabischen Emirat bieten Cafés Kaffeegetränke und Tees mittlerweile mit Kamelmilch an. Das ist nicht nur exotisch, sondern angeblich auch gesund.

Kamelmilch hat einen vollmundigen Geschmack mit einem leicht salzigen Abgang. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kamelmilch leichter verdaulich sein soll als Kuhmilch und sich besonders für Allergiker eignet. Darüber hinaus hat sie 50 Prozent weniger Fett als Kuhmilch, drei bis fünf Mal mehr Vitamin C, wesentlich mehr Vitamin B, mehr Calcium und andere Mineralien. Es gibt Studien, die festgestellt haben, dass bei Diabetes II Kamelmilch helfen kann, den Blutzuckerspiegel zu regulieren und den Cholesterinspiegel niedrig zu halten. Sogar bei Krankheiten wie Morbus Crohn kann Kamelmilch helfen.

Außerdem fehlen der Kamelmilch die Eiweiße Beta-Laktoglubolin und Beta-Kasein, die eine Milcheiweißallergie auslösen können. Auch für Menschen mit einer Laktoseintoleranz sei sie besser verdaulich, versichert das Unternehmen. Allerdings mahnen Kritiker: Die positiven Resultate mancher Kamelmilchforscher seien mit Skepsis zu betrachten, weil umfassende klinische Studien zur Wirkung von Kamelmilch fehlten. Dagegen ist gesichert, dass die Kamele hier auf der Farm in Dubai keine Hormone und keine Antibiotika gespritzt bekommen.

Auch in Deutschland erhältlich

Dieses Gesundheitsversprechen überzeugt nicht nur Emiratis: Seit 2013 dürfen Kamelmilchprodukte der Marke „Camelicious“ auch nach Europa exportiert werden – ob als Joghurt, Käse, Salbe oder Badezusatz. Bis dahin sahen die strengen Seuchenschutzbestimmungen der EU die Einführung von Kamelmilchprodukten nicht zu. Mittlerweile gibt es das weiße Gold auch in Deutschland als Süßigkeit zu kaufen.

Seit 2008 wird die weltweit erste Schokolade auf Basis von Kamelmilchpulver hergestellt. Etwa 100 Tonnen sind das jährlich. Das sei noch steigerungsfähig, allein die Verkaufsmenge der Schweizer Schokoladenhersteller liege bei über 170.000 Tonnen, sagt Martin van Almsick. Der Exil-Kölner aus Deutschland ist Geschäftsführer von „Al Nassma“ (zu Deutsch: erfrischende Wüstenbrise), einem Tochterunternehmen von „Emirates Industry“.

Kamelmilch in der Schokolade

Bis 2015 war die Schokoladenmasse alles andere als made-in-Dubai. Sie wurde in Wien vom Traditionshaus Manner produziert. Dort war das Know-how der Chocolatiers vorhanden, um das Kamelmilchpulver vom Golf mit dem Kakao der Elfenbeinküste und der Vanille aus Madagaskar in süßes Naschwerk zu verwandeln. Schließlich wurde die fertige „Multikulti“ Schokoladenmasse zurück nach Dubai verschifft und von „Al Nassma“ in Pralinen oder Tafeln weiterverarbeitet. Damit ist aber seit knapp zwei Jahren Schluss, die komplette Schokoladenherstellung findet in der Wüste statt, so van Almsick: „Das Kind ist erwachsen geworden und kann alleine laufen!“

Kamelmelken: In einer großen Produktionsstätte in der Wüste werden die Kamele gemolken. Foto: Michael Marek

Diese Exklusivität hat ihren Preis. Eine 70-Gramm Tafel in den Geschmackssorten Zartbitter, Macadamia & Orange, arabische Gewürze kostet sechs Euro. Am Ende eines jeden Besuchs steht natürlich die Verköstigung. Und tatsächlich: Kamelmilch im Glas serviert, schmeckt weniger nach Fett und hat eine leicht wässrig-salzige Note, aber ohne das intensive Aroma einer Ziegen- oder Schafsmilch. Die Kamelmilchschokolade ist – im Gegensatz zur Vollmilchschokolade – sehr viel cremiger und weicher, kein kratzende Nachgeschmack im Gaumen. Das Kamel: unterschätzt, verkannt, von manchen belächelt – in Dubai wird seine Milch für Schokolade genutzt. Doch das Farmleben ist nur für die Kamelstuten schön: Überzählige Junghengste werden geschlachtet.