Eine Frage der Geduld Warum Warten uns so sehr nervt...

Von Nadine Zeller

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Verschwendete Lebenszeit? Mehr als jeder zweite Deutsche erachtet Zwangspausen als lästig. Foto: picture alliance/Westend61Verschwendete Lebenszeit? Mehr als jeder zweite Deutsche erachtet Zwangspausen als lästig. Foto: picture alliance/Westend61

Osnabrück. Auszuharren bis sich der Stau auflöst, die Supermarktschlange kleiner wird oder der Zug kommt – solche Zwangspausen ärgern mehr als die Hälfte der Deutschen regelmäßig. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung. Das Gefühl, die Zeit nicht effizient zu nutzen oder etwas zu verpassen, führt in der westlichen Welt nicht selten zu Aggressionen und einem Gefühl der Hilflosigkeit. Dabei ist Warten in anderen Ländern eine soziale Tugend und eine Kulturtechnik, die mit Genuss gelebt wird.

Liz Taylor ist sich treu geblieben – auch über ihren Tod hinaus. Die Diva kam sogar zu ihrer eigenen Beerdigung zu spät. Nach der Bestattung der legendären Schauspielerin verriet ihre Publizistin der Öffentlichkeit, dass es ausdrücklich Taylors Wunsch gewesen sei, den Sarg 15 Minuten später eintreffen zu lassen. Elizabeth Taylor liebte es, andere Menschen warten zu lassen.

„Zeit ist Geld“

Nicht alle Menschen können darüber schmunzeln. Denn Warten nervt. Auszuharren, bis sich der Stau auflöst, die Supermarktschlange kleiner wird oder der Zug kommt – solche Zwangspausen ärgern mehr als 55 Prozent der Deutschen regelmäßig. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2016.

Im vergangenen Monat war das besonders deutlich: Denn ausgerechnet in der Adventszeit, in der Christen der Ankunft des Herrn entgegenfiebern, vertragen die Menschen den Zustand noch schlechter als sonst. Das Warten aufs Christkind macht offenbar nicht nur Kinder kirre: Bei der Arbeit bricht Hektik aus, Weihnachtsgeschenke müssen besorgt werden und wer wen an Weihnachten besucht, ist auch noch nicht geklärt. Wenn sich Besorgungen und Termine verdichten, nimmt die Toleranz gegenüber allem ab, was dem schnellen Erledigen im Weg steht. Grundsätzlich gerät jeder Mitmensch unter Verdacht, den eigenen Tagesablauf willentlich zu torpedieren. Und somit die Pein des Wartens zu verlängern.

Woher kommt die Ungeduld

Woher kommt diese Ungeduld? Soziologe Andreas Göttlich von der Universität Konstanz erforscht seit Jahren das Warten. Er sagt: „Wir warten, weil wir müssen.“ Freiwillig begebe sich der spätmoderne Mensch nicht in eine Wartesituation. Sie sei also fast immer erzwungen. Deswegen wird das Warten per se schon als Zumutung empfunden. Hinzu kommt, so Göttlich, dass sich der Mensch beim Warten bewusst wird, dass die Zeit vergeht. In der westlichen Welt ist die Haltung „Zeit ist Geld“ mittlerweile auch im Privaten angekommen. Der Ausspruch stammt von Benjamin Franklin; seine innere Logik impliziert, dass man beim Warten Ressourcen verschwendet. Entsprechend empfinden wir es als Affront, wenn jemand unsere Zeit verplempert.

Wer auf andere wartet, ärgert sich also. Offenbar geht der andere davon aus, dass seine Zeit wertvoller ist als die eigene. Das kann bei einer Verabredung unter Freunden gelten, aber auch in kritischeren Situationen: So kann ein Asylbewerber seine Duldung als zweifache Fremdbestimmung erleben: Sowohl der Ausgang des Warteprozesses ist offen als auch die Dauer des Wartens. Um diesen Verlust an Selbstbestimmung zu überwinden, beschäftigen wir uns während des Wartens anderweitig.

So kommt es, dass im Zustand des Wartens meist mindestens zwei relevante Beschäftigungen nebeneinander existieren, laut Göttlich ebenfalls ein Charakteristikum der Wartesituation: Eine Frau wartet auf dem Bahnsteig auf den Zug und liest eine Zeitung. Auf diesem Weg informiert sie sich und wartet gleichzeitig. Welche Beschäftigung wichtiger für sie ist, wird jedoch spätestens klar, wenn der Zug einfährt. Dann unterbricht sie das Zeitungslesen und steigt ein. „Wenn ich warte, bin ich praktisch auf Abruf“, sagt Andreas Göttlich. „Meine aktuelle Beschäftigung kann jederzeit durch das, auf was ich warte, unterbrochen werden.“

Vielleicht missfallen uns deshalb vor allem die unvorhergesehenen Wartezeiten. Sie sind zu kurz, um ausgiebig einer anderen Beschäftigung nachzugehen. In der Schlange im Supermarkt oder in einem Stau gibt es wenige Möglichkeiten, seine Zeit sinnvoll zu nutzen. Deshalb stellt das Handy auch eine solche Zäsur dar. Man kann mit ihm Podcasts anhören, Nachrichten schreiben, Fotos anschauen oder Zeitung lesen. Zudem ist es immer präsent. Niemand käme auf die Idee, ein Buch mitzunehmen, falls es im Supermarkt mal wieder länger dauert. Das Handy hingegen steckt sowieso in der Tasche.

Keine Langeweile

Wie entscheidend es ist, keine Langweile aufkommen zu lassen, haben Unternehmen längst für sich entdeckt. So ist es kein Zufall, dass Betreiber von Freizeitparks die Schlangen vor ihren Attraktionen in verschiedene Abschnitte einteilen, damit das Ende keinesfalls zu sehen ist. Geduld kann nur portionsweise aufgebracht werden, sonst ist der Frust groß. Auch Zeittafeln, welche die Rest-Wartezeit anzeigen, wirken erwiesenermaßen stresslindernd. Sie suggerieren den Wartenden, Kontrolle über die Situation zu haben.

Wie sehr die Toleranz des Wartens auch kulturell geprägt ist, zeigt eine Untersuchung der Psychologin Bettina Lamm der Universität Osnabrück. Sie hat den berühmten Marshmallow-Test des österreichisch-amerikanischen Persönlichkeitspsychologen Walter Mischel mit Kindern aus Kamerun durchgeführt. Darin untersuchte der Forscher, ob Kinder in der Lage sind zu warten, wenn sie eine Belohnung dafür erhalten – in dem Fall auf einen zusätzlichen Marshmallow. Jahre später zeigte sich, dass jene Teilnehmer, die sich bereits als Kind beherrschen konnten, auch im Erwachsenenalter beruflich erfolgreicher, selbstbewusster und stressresistenter waren.

Der Marshmallow-Test

Der Marshmallow-Test ist mehrfach wiederholt worden – mit verschiedenen Variationen. Vergangenes Jahr führte Psychologin Lamm den Test in leicht abgeänderter Form durch. Sie verglich die Geduld vier Jahre alter Kinder aus einer ländlichen Region in Kamerun mit gleichaltrigen Kindern aus Deutschland. Das Resultat: Mehr als zwei Dritteln der afrikanischen Kinder gelang es, zehn Minuten lang zu warten und die begehrte Süßigkeit zu ignorieren. Im Gegensatz dazu schaffte dies nicht einmal ein Drittel der deutschen Kinder. Nur 28 Prozent harrten lange genug aus. Das Ergebnis ihrer Untersuchung erschien in der Fachzeitschrift Child Development. „In Kamerun erwarten die Erwachsenen, dass sich die Kinder in hohem Maße den Konventionen und den Hierarchien ihrer Gesellschaft fügen. Selbstkontrolle spielt dabei eine wichtige Rolle“, erklärt Lamm. Deutsche Eltern erwarteten von ihren Kindern hingegen, dass sie sich selbst reflektieren, als Individuum wahrnehmen und selbstständige Entscheidungen treffen. Impulskontrolle, sich zu beherrschen und geduldig zu sein, gehöre nicht zu den Top-Erziehungszielen.

Dass Homo sapiens überhaupt in der Lage ist zu warten, hängt nicht unwesentlich mit dem Anwachsen des Frontallappens im menschlichen Gehirn zusammen. Denn diese Zwischeninstanz ist für das assoziative Denken zuständig und ermöglicht dem Menschen, aus dem typischen Reiz-Reaktions-Muster auszubrechen. Unsere Fähigkeit zu assoziieren ebnet uns also den Weg, uns eine erwünschte Situation in der Zukunft vorzustellen und unser Verhalten entsprechend darauf abzustimmen.

Zeichen von Intelligenz?

Ist das Warten also ein Zeichen von Intelligenz? „Das Bilden einer Schlange gilt schon als soziale Errungenschaft“, sagt Göttlich. Denn in ihr sind alle gleich: Ob Mann oder Frau, Arzt oder Friseur, Christ oder Muslim – all das beeinflusst nicht, wann ich an der Reihe bin. Und drängelt sich dann doch mal jemand vor, wird er oder sie zurechtgewiesen. Verband man früher das Schlangestehen noch mit einem Mangel, gewinnt es zunehmend an Popularität. So gilt es unter Großstädtern mitunter als hip, in der Schlange vor dem besten Eisverkäufer oder dem angesagten Club in der Stadt zu stehen. Die unausgesprochene Botschaft: Ich weiß, was gut ist. Auch das Schlangestehen bei Erstverkauf vermeintlicher Kultwaren – ob es nun ein neues Smartphone oder ein Computerspiel ist – lässt die Wartenden zu einer Gemeinschaft der Insider werden.

Warten als Kulturtechnik hat viele Gesichter. Es kann nerven, aber eben auch zelebriert werden und mit Vorfreude verbunden sein: Kinder eilen in der Adventszeit jeden Tag – gerne auch mal mehrmals – zum Kalender, um ein Türchen zu öffnen, jede Woche wird eine weitere Kerze am Adventskranz angezündet, an Silvester zählen die Menschen die Zeit bis zwölf rückwärts herunter. Auch der russische Schriftsteller Leo Tolstoi kam zu der Einsicht, dass es sich manchmal lohnt, entspannt zu bleiben. Von ihm stammt der Ausspruch: „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN