Zurück auf der Fußball-Bühne Mario Basler im Interview: „Die Vereine haben Angst“

Von Tobias Treude

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Vorerst bis zur Winterpause kann sich Mario Basler beim Hessenligisten Rot-Weiss Frankfurt als Trainer beweisen. Foto: dpaVorerst bis zur Winterpause kann sich Mario Basler beim Hessenligisten Rot-Weiss Frankfurt als Trainer beweisen. Foto: dpa

Frankfurt. Am 12. Oktober hat der finanziell wie sportlich angeschlagene Hessenligist Rot-Weiss Frankfurt Mario Basler als Interimstrainer vorgestellt. Vorerst bis zur Winterpause soll der zweimalige deutsche Meister den Club wieder in die Spur bringen. Im Interview spricht Basler über das Neuland Hessenliga und die Gründe, warum es für ihn als Trainer im Profi-Bereich bislang nicht geklappt hat.

Herr Basler, als Experte beschäftigen Sie sich viel mit der Bundesliga. Aktuell steht eine ganz andere Klasse in Ihrem Blickpunkt. Wie gut haben Sie sich in der Hessenliga und bei Rot-Weiss Frankfurt zurechtgefunden?

Das ist relativ einfach, es ist in der Oberliga im allgemeinen ja alles überschaubar. Es ist fast überall so, dass keine professionellen Voraussetzungen gegeben sind. Die Spieler arbeiten fast alle, deswegen kann man nur abends trainieren. Das ist spannend, das ist eine ganz andere Sicht. Es macht Spaß mit den Jungs, und zusammen wollen wir das beste rausholen.

Was können Sie der Mannschaft in der kurzen Zeit bis Winter noch beibringen?

Viel arbeiten können wir nicht. In der englischen Woche fällt eigentlich eine komplette Trainingswoche weg. Zuletzt haben wir viel im taktischen und technischen Bereich gearbeitet. Es geht um die Kleinigkeiten, an denen man in der Kürze der Zeit feilen kann.

Steht die Motivation der Mannschaft durch einen Ex-Profi im Vordergrund?

Nein, ich selbst habe sehr große Motivation. Wenn ich etwas mache, möchte ich das zu 100 Prozent erledigen. Die Motivation muss von den Spielern selbst kommen. Ich sage immer: Fußball ist der schönste Nebenjob oder Hauptjob, den man haben kann. Da sollte man Spaß haben. Normalerweise muss man Spieler nicht mehr groß motivieren. Es geht immer um drei Punkte, darum, die Fans auf seiner Seite zu haben und nach einem guten Spiel in der Zeitung zu stehen.

Sie selbst sind Raucher, waren es auch zu Profi-Zeiten. Gibt es für ihre Spieler in dieser Hinsicht Vorschriften?

Vorschriften gibt es immer, die gibt es in jedem Verein, egal ob groß oder klein. Als Trainer kann ich aber nicht alle Tag und Nacht kontrollieren. Am Ende liegt es an jedem selbst, ob er aufgestellt wird oder nicht. Jeder entscheidet selbst, wie er mit seinem Körper umgeht. Ich kann ja nicht 25 Spieler jeden Tag zu Hause besuchen.

Was stimmt Sie optimistisch, dass sie es mit Rot-Weiss Frankfurt raus aus dem Tabellenkeller schaffen?

Wir haben zwei neue Spieler mit viel Erfahrung dazubekommen (die Niederländer Cerezo Hilgen und Prince Rajcomar, Anm. d. Red.). Ich habe die Mannschaft gegen den Tabellenführer gesehen, da war sie die klar bessere Mannschaft und hat tollen Fußball gespielt. Das Team ist gut. Das stimmt mich sehr optimistisch, dass wir bis zur Winterpause noch die nötigen Punkte holen werden.

Sie haben bereits angedeutet, dass Sie sich unter Umständen ein längeres Engagement am Main vorstellen können. Was muss dafür passieren?

Im Fußball ist immer alles möglich. Dafür müssen aber gewisse Voraussetzungen geschaffen werden, die nicht in meiner Hand liegen. Die Liga muss gehalten werden, im Winter muss notfalls auf dem Transfermarkt geguckt werden. Eins ist klar: Rot-Weiss Frankfurt sollte mit seiner Tradition nicht in der Hessenliga spielen, sondern mindestens ein oder zwei Klassen höher.

Haben Sie vor ihrem Amtsantritt schon mal vom SC Waldgirmes gehört?

Nein, der Verein war mir kein Begriff. Das ist ja klar, genauso wie Ederbergland. Es ist ja nicht so, dass ich gedacht habe, dass ich irgendwann mal in der Hessenliga eine Mannschaft trainiere. Das kam ja sehr spontan. Daher kannte ich die Vereine nicht, aber natürlich beschäftige ich mich mit den Gegnern.

Als Sie 2004 beim damaligen Zweitliga-Absteiger Jahn Regensburg erstmals als Trainer gearbeitet haben, dürften Ihre Zukunftspläne ohnehin andere gewesen sein ...

Für mich war es ja zunächst nie ein großes Thema, Trainer zu werden. Zu dem Posten kam ich mehr oder weniger wie die Jungfrau zum Kinde. Das hat aber letztendlich Spaß gemacht, und dann habe ich mich 2007 entschieden, den Fußball-Lehrer zu machen. Ich habe die ein oder andere Station gehabt. Da habe ich das Pech gehabt, Vereine zu übernehmen, die entweder ganz unten standen oder wo finanziell keine Möglichkeiten da waren. Dann ist es natürlich schwierig, auch deine persönlichen Wünsche umzusetzen.

Sie arbeiten als Experte und waren Sportdirektor. Reizt Sie trotz der Negativerfahrungen der Trainerjob am meisten?

Das ist etwas, das ich natürlich auch in Zukunft gerne machen würde, ganz klar. Es wäre natürlich auch schön, mal einen Verein mit finanziell besseren Mitteln zu trainieren (lacht). Aber man kann es sich nicht aussuchen.

Warum hat es mit einem Engagement im Profi-Bereich bislang nicht so funktioniert wie gewünscht?

Das ist für mich oder auch Stefan Effenberg und Lothar Matthäus schwer nachzuvollziehen. Man kann da nur drüber spekulieren. Aber in der 2. und 3. Liga ist es ein Kreislauf. Wird ein Trainer entlassen, geht er zum nächsten Verein in der Liga. Es gibt ja keinen Trainer, der nicht mindestens schon fünf oder sechs Vereine in der 2. Liga trainiert hat. Das ist kurios. Wenn du einmal in dem Kreislauf bist, bekommst du scheinbar immer wieder einen Job. Die Vereine haben Angst, etwas etwas Neues auszuprobieren, einfach mal Risiko zu gehen. Die Sportdirektoren sind teilweise unerfahren oder jung. Sich dann so einen Namen als Trainer zu holen, davor hat man vielleicht Respekt oder Angst.

Als Spieler gehörten Sie und Stefan Effenberg zu den sogenannten „Typen“, die heute manch einer vermisst. Sind solche Eigenschaften in der Trainerbranche hinderlich?

Das ist vorstellbar. Ich sage meine Meinung, ich rede oftmals nicht um den heißen Brei herum. Das behalte ich auch bei. Ich kann in Interviews nicht immer wieder hören: Der Gegner war besser. Wenn der Gegner besser war, dann muss ich schlechter gewesen sein. Das sind Ausreden.

Würden Sie sich mehr Mut in den Vereinen wünschen?

Ich kann es nicht beeinflussen. Ich sitze ja nicht permanent zu Hause und hoffe, dass irgendwo ein Trainer entlassen wird. Ich bin viel unterwegs, habe viel zu tun. Aber natürlich wäre es auch schön, im Fußball wieder höherklassig zu arbeiten.

Bei ihrem Jugendverein 1. FC Kaiserslautern geht es regelmäßig drunter und drüber. Hätten Sie sich gewünscht, dass der Club mal auf Sie zugekommen wäre?

Die Chance hat der Verein in den letzten Jahren ja oft genug gehabt. Sie haben es nicht getan, warum auch immer. Es ist schade, wenn man sieht, wie viele Ex-Spieler bei Bayern München arbeiten oder in einer beratenden Funktion tätig sind. Das ist beim FCK nicht so, das muss aber jeder Verein selbst entscheiden.

In der Bundesliga sorgen derzeit junge Trainer wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco für Furore. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Es ist ja klar, dass irgendwann junge Trainer kommen. Bis jetzt hat aber noch keiner den Nachweis gebracht, dass er auf Dauer erfolgreich arbeiten kann. Tedesco hat 14 Zweitliga-Spiele hinter sich. Dann ist mal ein Manager Risiko gegangen, Christian Heidel scheut sich offensichtlich nicht davor, einen anderen Weg zu gehen. Nagelsmann wird immer wieder mit Bayern in Verbindung gebracht, aber auch er muss erst den Nachweis erbringen, dass er Titel gewinnen kann. Man setzt im Moment sehr viel auf junge Trainer, aber die alten müssen deswegen nicht schlechter sein. Trainer wie Friedhelm Funkel, der in Düsseldorf einen tollen Job macht, haben ihre Qualität schon nachgewiesen.

War es für Sie schon mal schmerzhaft, dass es nicht so funktioniert hat, wie Sie sich das vielleicht erhofft hätten?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht realitätsfremd. Es war von vornherein klar, dass es in Deutschland für mich als Trainer schwer wird. Es wäre für mich eine große Überraschung gewesen, wenn mal jemand mutig gewesen wäre. Viele ehemalige Profis, die mal den Mund aufgemacht haben, bekommen eben keine Chance.


Zur Person:

Mario Baslers Karriere als Spieler war von Erfolg, aber auch mancher Disziplinlosigkeit geprägt. Über die Stationen 1. FC Kaiserslautern, Rot-Weiss Essen und Hertha BSC gelang er 1993 zu Werder Bremen, wo Basler unter Otto Rehhagel DFB-Pokalsieger und Bundesliga-Torschützenkönig wurde. Mit Bayern München holte er zwei Meistertitel und traf 1999 beim dramatischen 1:2 im Champions-League-Finale gegen Manchester United. 1996 gehörte er zum Kader der Nationalmannschaft, die ohne den frühzeitig verletzungsbedingt abgereisten Basler Europameister wurde.

Als Trainer lief es für den heute 48-Jährigen nicht so gut. Bei Jahn Regensburg, Eintracht Trier und Wacker Burghausen wurde er entlassen, bei Rot-Weiß Oberhausen trat Basler zurück. Vor seinem Engagement in Frankfurt war der einst gefürchtete Freistoßschütze zwischen Januar 2015 und März 2016 Geschäftsführer Sport bei Lokomotive Leipzig.

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