Das Fußballbuch des Jahres 2017 Helmut Schön, der zu Unrecht vergessene Bundestrainer

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Das Fußballbuch des Jahres 2017, das an diesem Freitag bei der Gala der Akademie für Fußballkultur in Nürnberg ausgezeichnet wird, hat Bernd-M. Beyer vom Verlag Die Werkstatt geschrieben – es ist eine Biographie über den ehemaligen Bundestrainer Helmut Schön. Foto: Hubert JelinekDas Fußballbuch des Jahres 2017, das an diesem Freitag bei der Gala der Akademie für Fußballkultur in Nürnberg ausgezeichnet wird, hat Bernd-M. Beyer vom Verlag Die Werkstatt geschrieben – es ist eine Biographie über den ehemaligen Bundestrainer Helmut Schön. Foto: Hubert Jelinek

Göttingen. An diesem Freitag zeichnet die Akademie für Fußballkultur im Rahmen ihrer Gala in Nürnberg die Biographie des ehemaligen Bundestrainers Helmut Schön als „Fußballbuch des Jahres 2017“ aus. „Ich wollte dazu beitragen, dass dieser interessante Mann nicht weiter in Vergessenheit gerät“, sagt Autor Bernd-M. Beyer vom Verlag „Die Werkstatt“ in diesem Interview mit NOZ Medien.

Warum jetzt, warum überhaupt ein Buch über einen Bundestrainer, der vor 39 Jahren zurückgetreten ist und dessen Name vielen Fußballfreunden nichts mehr sagt?

Weil ich im Lauf der Jahre das Gefühl bekam, dass dieser interessante Mann fünf Jahrzehnte deutscher Fußballgeschichte repräsentiert und zu Unrecht fast vergessen ist. Zwischen dem was er erreicht hat und dem, was von ihm geblieben ist, klafft eine Lücke. Ich hatte den Eindruck, dass er in der Fußballgeschichte nicht den ihm gebührenden Platz einnimmt – das zu ändern, wollte ich einen kleinen Beitrag leisten

Sie sind Jahrgang 1950, haben vermutlich 1966 erstmals eine Weltmeisterschaft bewusst erlebt – es war auch die erste WM für den Bundestrainer Helmut Schön. Welches Bild von Schön hatten Sie aus der Zeit im Kopf?

Ja, das mit 1966 stimmt. Aber ich kann nicht sagen, dass ich einen besonderen Eindruck hatte – er war der Mann mit der Mütze, der immer da war, wenn Länderspiel war. Das besondere Bild von ihm hat sich erst bei der Arbeit an dem Buch aufgebaut.

Dazu haben Sie sich in zahlreichen Quellen bedient. Welche war die wichtigste?

Einen wichtigen Impuls hat das Buch gegeben, das Schön 1978 nach seinem Abschied geschrieben hat und das einige erstaunliche Wahrheiten und Prognosen über die Entwicklung des Fußballs enthält. Schön warnte schon damals vor den Kommerzialisierungstendenzen und befürchtete, dass der Fußball sich von seinen Wurzeln entfernt und immer mehr zum Showgeschäft werden könnte, zum „Firlefanz“, wie er es nannte. Diese Warnung ist aktueller denn je. Ansonsten hatte ich beim DFB Zugang zu seinem kompletten Nachlass, seinen Aufzeichnungen und Manuskripten. Außerdem habe ich, um ein Gespür für den jeweiligen Zeitgeist zu bekommen, sehr intensiv in alten Sportzeitschriften gelesen. Sehr geholfen hat mir sein Sohn Stephan, der ähnlich zurückhaltend ist wie sein Vater, aber am Ende doch viel erzählt hat.

Sie haben auch mit Zeitzeugen gesprochen, also ehemaligen Spielern, Trainern, Journalisten und Funktionären. Wie haben die reagiert, als Sie mit dem Thema „Helmut Schön“ kamen?

Ich bin ja kein Sportjournalist, sondern Lektor und hatte keine Verbindungen in die Fußballszene. Umso erstaunlicher war es, dass ich eigentlich überall offene Türen eingerannt habe und Spieler wie Berti Vogts oder Uwe Seeler sofort zu Interviews bereit waren. Offenbar sprechen alle gern über Schön, auch jemand wie Paul Breitner...

... der ja durchaus mal Probleme mit Schön hatte.

Ja, aber nahezu alle bestätigen, dass Helmut Schön ein Meister darin war, Konflikte zu moderieren und zu lösen. Er war wohl einer der ersten Trainer, der einen kooperativen Führungsstil pflegte. Er hat das selbst als Spieler gelernt in den ersten Nachkriegsjahren beim Dresdner SC, wo er zusammen mit zwei ehemaligen Mitspielern die Mannschaft in einer Art Triumvirat geführt hat. Das hat er als sehr angenehm erlebt, das hat ihn geprägt.

Deutlicher als bisher bekannt wird in Ihrem Buch, wie tief das Zerwürfnis zwischen Schön und seinem Vorgänger Sepp Herberger war.

Das Verhältnis war zerrüttet, gerade in der Zeit um die Amtsübernahme 1964 herum. Es hatte sicher auch damit zu tun, dass beide völlig unterschiedliche Führungsstile hatten. Und Herberger konnte nicht loslassen, er blieb präsent, auch direkt im Dunstkreis der Nationalmannschaft. Er hat indirekt mit dazu beigetragen, dass man in den Anfängen der Ära Schön Erfolge noch Herberger zuschrieb, die Verantwortung für Niederlagen aber beim neuen Bundestrainer suchte. Aus dem Schatten Herbergers hat er sich eigentlich erst bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko herausgearbeitet.

Der Anteil Schöns an den Erfolgen der Nationalmannschaft in den sogenannten goldenen siebziger Jahren wurde gern heruntergeredet mit dem Hinweis auf eine Spielergeneration mit Ausnahmekönnern wir Beckenbauer, Overath, Netzer oder Müller.

Das Vorurteil hat existiert, aber es ist ungerecht. Ja, er hatte großartige Spieler, aber auch eine goldene Spielergeneration kann Titel verspielen. Sein Verdienst war es, dass er diese Generation mit dem Mut zur Offensive beflügelt und den Spielern Freiheiten gegeben hat. Das hat die Mannschaft, die 1972 Europameister wurde und als ein der besten aller Zeiten gilt, geprägt. Dieser Titel war allerdings kein Befreiungsschlag, denn bei der Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land hat jeder den Titelgewinn erwartet, ja sogar verlangt.

Schön wurde oft als Zauderer dargestellt, als Trainer, der sich um schwierige Entscheidungen herumgedrückt hat. Hat sich das bei Ihren Recherchen bestätigt?

Nur insoweit, als es ihm schwer fiel, den Spielern unangenehme Dinge mitzuteilen – wenn sie nicht aufgestellt wurden beispielsweise. Er hat oft lange mit sich gerungen, aber wenn er sich entschieden hatte, dann hat er das auch durchgezogen. Und das waren auch mutige Entscheidungen: Beim legendären Sieg 1972 in Wembley setzte er einen Spieler aus der Regionalliga Süd ein – Sigi Held von Kickers Offenbach. Er gab jungen Spielern wie Uli Hoeneß, Rainer Bonhof und Paul Breitner früh eine Chance in wichtigen Spielen. Nicht zu vergessen das alles entscheidende Qualifikationsspiel 1965 in Schweden, wo die deutsche Mannschaft seit Jahrzehnten nicht gewonnen hatte. Da ließ er Beckenbauer debütieren, der kurz vorher noch in der Regionalliga gespielt und erst sechs Bundesliga-Einsätze hinter sich hatte; außerdem setzte er auf den lange verletzten Uwe Seeler, der nach einem Achillessehnenriss noch kein Länderspiel wieder bestritten hatte. Deutschland gewann 2:1, es war Schöns erster großer Sieg.

So erfolgreich er war, so sehr missriet sein Abschied mit der in jeder Hinsicht verkorksten WM in Argentinien und dem 2:3 gegen Österreich.

Ja, aber daran war er nicht ganz unschuldig. Er konnte nicht loslassen und ist einfach zu lange im Amt geblieben. Danach allerdings hat er sich, ganz anders als einst Herberger, weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Auch das entsprach seinem Naturell, er hat nie die große Bühne gesucht. Außerdem hatte er viele andere Interessen, war vielfältig kulturell interessiert.

Welche Erkenntnis über Helmut Schön hat Sie am meisten überrascht?

Er muss beim Dresdner SC und in der Nationalmannschaft ein grandioser Spieler gewesen sein, das ist fast völlig vergessen. Ich habe viele Spielberichte nachgelesen, das war beeindruckend. Oft wurde er mit dem Wiener Fußballgenie Matthias Sindelar verglichen – das sagt dem Kenner eigentlich schon alles. Seine Spielweise war technisch ausgereift, er hatte eine großartige Spielübersicht, er war als Halbstürmer oft der Lenker des Spiels, kam aber auch als Mittelstürmer zum Einsatz, denn er war höchst torgefährlich. Er ist außer Gerd Müller der einzige DFB-Nationalspieler mit einer nennenswerten Zahl von Einsätzen, der mehr Tore erzielt als Länderspiele bestritten hat.

Ein bisschen teilen Sie als Autor des Schicksal Schöns: Das fünfte Herberger-Buch verkauft sich wohl besser als die erste Biographie Schöns.

Das ist das Schicksal von solchen Themen, aber es bekümmert mich nicht. Das Buch bleibt und leistet einen kleinen Beitrag zu einer neuen, tieferen Prägung des Schön-Bildes. Das reicht mir.


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