Interview mit der Bundestrainerin Steffi Jones über Lockerheit im Training und die EM

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In Harsewinkel bereiten sich die deutschen Fußballerinnen gerade auf die Europameisterschaft in den Niederlanden (16. Juli bis 6. August) vor. In einer kleinen Journalistenrunde verriet die neue Bundestrainerin Steffi Jones (44), warum sie ihren Spielerinnen Comic-Figuren zuordnet und dass die erste Spielkritik meist von ihrer Mutter kommt.

Frau Jones, in Ihrer Mannschaft hat seit einiger Zeit jede Spielerin eine „eigene“ Comic-Figur. Welche ist Ihre?

Charlie Brown natürlich! Den fand ich schon als Kind klasse. Und der Name passt ja auch ganz gut zu mir.

Woher kam die Idee?

Wir wollten den Spielerinnen vermitteln, dass wir bei aller Ernsthaftigkeit in der Vorbereitung auch Spaß brauchen. Die Bilder von den Figuren hängen dort, wo die Spielerinnen sich ihre Kleidung abholen, da fällt dann schon mal der ein oder andere Spruch.

Durften Sie sich Ihre Figuren selbst aussuchen?

Nein. Die habe ich zugeordnet: Dzsenifer Marozsan zum Beispiel ist unser Robin Hood. Weil sie für alle da ist. Da hat jede sofort gesagt: Passt. Auch bei Lena Goeßling. Die ist Cinderella. Und Anna Blässe gibt den Roadrunner, weil die immer abgeht, wie so ein Zäpfchen,

Wie schwierig war es denn, einen frischen Wind reinzubringen nach so einer langen Ära wie der von Silvia Neid?

Ich habe vorher für mich gesagt: ,Das ist meine Philosophie‘, und mir den Trainerstab dementsprechend rausgesucht. Aber ich bin noch immer in einem Prozess, in dem ich noch vieles ab- und hinterfrage und mich selbst reflektiere. Denn es geht hier nicht um mich, sondern um den Erfolg und die Mannschaft. Und wenn die sich mit meinem Weg identifizieren kann, dann geht sie ihn mit.

Und das macht sie bislang…

…sehr gut. Wir kommunizieren gut, aber nicht zu viel. Ich denke: Weniger ist mehr. Ich muss nicht ständig alle mit den ganzen taktischen Dingen zuballern, sondern versuche, gezielt Akzente zu setzen. Wir sind mitten in einem Prozess, in dem die Europameisterschaft eigentlich zu früh kommt. Ich hoffe aber, dass wir einiges bis dahin umsetzen können. Unser Ziel ist klar: Wir wollen Europameister werden und diesen Weg dann weitergehen.

Die deutschen Frauen sind neunmal Europameister – der Titel wird in der Öffentlichkeit quasi erwartet. Sie wollen dazu noch schön spielen. Ist es eine besondere Belastung, diesen Spagat zu schaffen?

Nein. Natürlich wollen wir schön spielen, aber auch erfolgreich. Das ist das Ziel. Meine Philosophie ist Ballbesitzspiel. Wir wollen vermehrt über die gute Spieleröffnung kommen, weil wir festgestellt haben, dass sich da alle Mannschaften schwertun. Da können wir uns noch abheben. Aber ich weiß auch, dass es manchmal nicht anders geht als über den Kampf. Manchmal muss man auch mal einen Ball rausdreschen.

Inwieweit beziehen Sie die Spielerinnen mit ein?

Ich bespreche mich vor allem mit dem Mannschaftsrat, mit Almuth Schult, Babett Peter, Dzsenifer Marozsan, Alexandra Popp und Sara Däbritz. Rückmeldungen sind unbedingt erwünscht! Ich möchte nicht, dass die Spielerinnen alles einfach hinnehmen. Ich möchte nur das Beste für die Mannschaft. Da probieren wir auch mal was aus. Heute zum Beispiel Yoga.

Vor der EM müssen sie noch drei Spielerinnen aus dem Kader streichen. Graut es Ihnen davor?

Nein. Ich bin ein sehr empathischer Mensch. Ich musste ja schon ein paar Spielerinnen vorher absagen und habe das durch meine Ehrlichkeit und Offenheit immer gut lösen können. Wichtig ist, dass man es gut begründet. Dann sind das auch keine unangenehmen Gespräche.

In der Öffentlichkeit wird es spätestens mit Beginn der EM den Vergleich mit Silvia Neid geben. Wie hat sie es gemacht, wie macht Steffi Jones es? Gibt das zusätzlichen Druck?

Klar ist dieser Druck vorhanden. Aber ich nehme ihn nicht an. Ich bin Steffi Jones und schreibe meine eigene Geschichte als Trainerin. Ich habe mich bestens dafür vorbereitet, habe Plan A, B und C. Ich bin sehr perfektionistisch veranlagt. Ich bin nicht Silvia Neid. Ich bin ich.

…und „ich“ geht anders mit den Spielerinnen um?

Das ist schwer zu beurteilen. Es ist jetzt eine andere Zeitrechnung. Ich bin einfach etwas jünger als meine Vorgängerin, bin eine andere Persönlichkeit, und es hat sich vieles verändert, etwa in der Kommunikation, auch digital; ich habe meinen eigenen Stil und will, dass die Spielerinnen Spaß haben und sich wohlfühlen, gleichzeitig aber nicht den Fokus verlieren.

Silvia Neid hatte die Handynummer von Angela Merkel und zu ihr auch während der Turniere immer einen Draht. Wie ist das bei Ihnen?

Also ich habe die Handynummer der Kanzlerin noch nicht. Aber es kann ja sein, wie in so vielen Dingen, die ich noch nicht habe, dass man erst mal wartet, bis ich was erreicht habe.

Was braucht es denn, um die Glückwünsche der Kanzlerin zu bekommen bei dieser EM?

Auf jeden Fall Glück. Und wenn die Kanzlerin mir das und ihren Segen mit auf den Weg gibt, ist das schön. Aber es ändert nichts an unserer Zielvorgabe und dem Weg, den wir gehen.

Wer schreibt denn bislang immer die erste SMS nach einem Spiel?

Der engste Freundeskreis schreibt immer sofort. Da geht es: Spielabpfiff und dann kommt schon die erste SMS. Meine Mutter ist auch eine der Ersten. Sie hat mich schon als Spielerin immer kritisiert und gelobt, das macht sie jetzt auch. Sie fiebert richtig mit.

Und dann kommt gleich die Spielkritik?

Richtig tief geht sie nicht in die Analyse, aber da kommen schon Sätze wie: Also die erste Halbzeit war ja ein bisschen langweilig. Aber die zweite war dann besser.

Ruft die Mutter an, oder schreibt sie per Handy?

Sie schreibt Whatsapp und schickt auch mal Fotos. Meine Mutter ist da total fit, sie hatte auch vor mir Facebook.

In der Männer-Bundesliga geht im Moment der Trend zur Jugend im Trainerbereich, da würden sie…

…mit 44 Jahren schon zum alten Eisen gehören. Ja, danke. Aber es stimmt.

Wie sieht es denn mit dem Trainerinnen-Nachwuchs in Deutschland aus?

Wir haben mit Saskia Bartusiak und Kim Kulig zwei ehemalige Spielerinnen dabei, die sich um das Scouting kümmern. Kim etwa soll demnächst auch ihren Fußballlehrer machen und dann eventuell im Nachwuchsbereich anfangen. Ich versuche schon, Spielerinnen an den Trainerinnenjob ranzubringen. Allerdings spielen die meisten bis Anfang, Mitte 30. Deshalb fände ich es gut, wenn einige schon während ihrer Zeit als Spielerin anfangen, sich mit der Ausbildung zu beschäftigen.

Theo Zwanziger war ein Verfechter des Frauenfußballs. Wie sieht es mit dem aktuellen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel aus?

Gut. Wir duzen uns auch. Ich bin ein Mensch, der auf die Leute zugeht. Ich sitze keine Sachen aus. Wenn ich ein Anliegen habe, spreche ich die Jungs beim DFB direkt an. Und ich bekomme auch von dieser Seite meine SMS.


Steffi Jones

wurde 1972 im Frankfurter Problemstadtteil Bonames geboren. Die heute 44-Jährige wuchs mit zwei Brüdern auf und begann früh mit dem Kicken. Die ehemalige Nationalspielerin (111 Länderspiele) wurde vom DFB zur OK-Chefin für die Heim-Weltmeisterschaft 2011 ernannt. Danach wurde sie Direktorin für Frauenfußball. 2007 absolvierte sie den Fußballlehrerlehrgang. Die Nationalmannschaft, die sie vergangenen Sommer von Silvia Neid übernahm, ist allerdings ihre erste Trainerstation.

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