Fußball-Kolumne Der DFB und seine Sünderlein

Von Udo Muras

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Frankfurt. Max Kruse trifft in Serie für Werder Bremen. Das macht den Stürmer, der 2015 wegen Disziplinlosigkeit aus der Nationalmannschaft verbannt wurde, wieder zu einem Kandidat für das DFB-Team. Bundestrainer Joachim Löw denkt darüber nach, Kruse mit zum Confed-Cup zu nehmen. Kein Einzelfall, wie ein Blick in die Fußball-Historie zeigt.

Zu Weihnachten hat man mir einen Kalender geschenkt. Keinen gewöhnlichen natürlich, sondern einen für Fußballbekloppte. Jeden Tag eine Fachfrage, mit drei möglichen Antworten, die Lösung steht auf der Rückseite. Es geht um Rekorde, Ergebnisse, Vereinswappen, die ganze Palette. Dann kam der 24. April. Die Frage fiel doch etwas aus dem Rahmen. „Was ließ Max Kruse im Oktober 2015 in einem Berliner Taxi liegen? A. Seinen Ehering. B. 75000 Euro in bar. C. Seinen Spielervertrag. (Weiterlesen: Die Spaßvögel im DFB-Team)

Kein Kind von Traurigkeit

Zuzutrauen wäre ihm wohl alles, dem Filou von Werder Bremen. Ist der Ruf erst ruiniert, wird man zur Quizfrage. Kruse lässt ja nicht nur sein Taschengeld in Taxis liegen, er landet auch schon mal im Straßengraben, trifft das schöne Geschlecht im Mannschaftshotel selbst vor Länderspielen, rangelt nachts in Diskotheken mit Journalistinnen, dreht mit dem Handy nicht jugendfreie Filme, und seinen Sommerurlaub verbringt er am liebsten am Pokertisch in Las Vegas. So einen, da müssen wir unseren Bundes-Jogi schon ein Stück weit verstehen, brauchen unsere braven Weltmeister nicht zwingend. Zwar hat uns der Torjäger 2015 zur EM geschossen, aber die Reise trat der DFB-Tross ohne ihn an. Max Kruse hat sich strafrechtlich nichts zuschulden kommen lassen und ist doch verbannt worden aus dem Kreis der Adlerträger wegen mangelnder Reife, fehlender Vorbildfunktion, Gefährdung der sittlichen Moral und weiß der Kuckuck was.

Alles Argumente, die ein Fan schon mal geneigt ist zu übersehen, wenn er dafür Tore zu sehen bekommt. Es gab schließlich schon Schlimmeres. Und hat der DFB nicht schon öfter Gnade walten lassen und Verbannten das Tor doch geöffnet?

Die „Fischer-für-Deutschland“-Fraktion

Heute vor 40 Jahren war so ein Tag. Am 27. April 1977 stand erstmals Klaus Fischer in der Nationalmannschaft. Der Torjäger war einer der Schalker Meineidsünder im Bundesligaskandal, die für 2300 DM ein Spiel verloren und die Annahme des Bestechungsgelds hartnäckig geleugnet hatten. Seine zweijährige Spielsperre in der Bundesliga wurde im März 1973 halbiert, aber weiterhin galt: Für Deutschland spielt kein Schalker Sünder. Im Oktober 1976 schoss Fischer, bereits amtierender Torschützenkönig, vier Tore bei den Bayern, und Franz Beckenbauer sagte, man müsse auch mal vergeben können. Der Kaiser stellte sich an die Spitze der „Fischer für Deutschland“-Fraktion, und ein halbes Jahr später knickte auch der DFB ein. Fischer kam, sah und half siegen – zwei Tore beim 5:0. Es folgten bis zum WM-Finale 1982 weitere 30, darunter das „Tor des Jahrhunderts“ per Fallrückzieher 1977 gegen die Schweiz und das Tor des Jahres 1982 im WM-Halbfinale von Sevilla gegen Frankreich. (Weiterlesen: Bodo Illgner – der fast vergessene Weltmeister)

Paul Breitner ließ sich bitten

Oder Paul Breitner: Notorisch kritisch gegenüber jedem, der eine Krawatte trug, hatte er es sich nach seinem Wechsel zu Real Madrid mit dem ganzen DFB verdorben. Im Sportstudio sagte Breitner im Herbst 1974, er werde erst wieder für Deutschland spielen, „wenn sich im DFB-Vorstand etwas ändert“. Bundestrainer Helmut Schön wollte das nicht abwarten und den in Madrid überragenden Antreiber wiederhaben, doch der DFB forderte eine schriftliche Entschuldigung. „Der muss auf die Knie und sich dann in der Nationalmannschaft wieder hoch- dienen“, sagte der Bierhoff der Siebziger, Spielausschuss-Boss Hans Deckert. Breitner ging nicht auf die Knie, sprach nur mit Schön und versicherte schriftlich „wunschgemäß, dass ich nach wie vor zu unserer Vereinbarung stehe“. Vermutlich hatten sie vereinbart, sich zu vertragen. Breitner kam kurz zurück, dann gab es Ärger mit Real Madrid um seine Freigaben, und er verzichtete auf weitere Spiele. Nicht aber auf Attacken gegen den DFB. Sechs Jahre blieb die Türe zu, im April 1981 holte ihn Jupp Derwall ein zweites Mal zurück.

Der Stinkefinger von Effenberg

Es gäbe noch viele Beispiele. Zum Beispiel Lothar Matthäus und Stefan Effenberg, die in hohem Bogen aus der Nationalmannschaft flogen.

Sie alle haben sich Schlimmeres geleistet als Kruse, der halt gern mal den dicken Max macht. Löw hat nun laut nachgedacht, ihn zum Confed-Cup mitzunehmen. Die Mannschaft, die dort im Juni hinfährt, ähnelt zwar einem Strafbataillon, aber besser auf Bewährung spielen als gar nicht.

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