Champions League Nach dem Spiel gegen Monaco: Tuchel kritisiert Austragung


Dortmund. Ein Spiel unter Ausnahmebedingungen. Keine 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund wurde die abgesagte Champions-League-Begegnung gegen AS Monaco am Mittwochabend nachgeholt. Für Spieler, Fans und die Polizei eine große Herausforderung.

Hermann kommt mit gemischten Gefühlen. „Der Sport ist total in den Hintergrund gerückt. Ich glaube, ich kann mich hier im Stadion sicher fühlen. Aber jeder kommt mit anderen Gedanken. Was ist mit Familien mit Kindern? Die haben doch bestimmt eine Heidenangst“, sagt der BVB-Anhänger.

Verstärkte Sicherheitskontrollen

Hermann kommt aus Leipzig und wird von einem belgischen Fernsehteam abgepasst, das vor dem Stadion O-Töne sammelt. Dirk ist in der Nähe zu Hause. Er wohnt in Dortmund, genauer gesagt in Wambel. Eigentlich will er nichts sagen. Als die Belgier ihn um ein Statement bitten, streicht er sich durchs Haar und überlegt. „Ich bin hier, weil ich ein schönes Fußballspiel sehen möchte und nicht, weil ich vor irgendwelchen Idioten kusche, die den Fußball kaputt machen wollen.“ Ein Ausdruck davon, dass es sich nicht um ein einfaches Fußballspiel handelt, sind die verstärkten Sicherheitskontrollen beim Einlass.

Die emotionale Bandbreite an diesem Mittwochabend vor und im Signal Iduna Park reicht von Wut bis Schmerz. „Mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehe, wie sonst so fröhliche BVB-Fans mit hängenden Köpfen ins Stadion gehen. Das geht mir echt nah“, ist Sophia den Tränen nahe. Sie ist mit ihrem Freund da. Auch am Dienstag wollte sie die Partie gegen Monaco live sehen. „Als die Absage wegen der Explosionen kam, habe ich gezittert“, gibt die 26-Jährige aus Münster zu. Heute will sie trotz allen Kummers ein Fußballfest genießen.

Beste Grüße an Marc Bartra

Gänsehautmoment schon vor dem Anstoß. Die Spieler tragen beim Warmmachen Shirts mit der Aufschrift „Mucha Fuerza, Estamos Contigo“. „Viel Kraft, wird sind bei Dir“, wünschen die Mitspieler Marc Bartra, der bei dem Anschlag auf den Bus verletzt wurde. Und als 65849 Zuschauer die Hymne „You’ll never walk alone“ singen, läuft es wohl jedem Besucher in der Arena eiskalt den Rücken hinunter. Stadionsprecher Norbert Dickel und alle Fans schicken Bartra per Applaus die besten Grüße. Der Zusammenhalt der BVB-Familie ist grandios. Und auch die monegassischen Gäste stimmen mit ein.

„Wir spielen für alle Fußballfans, für Marc und für den verletzten Polizisten“, gibt Dickel die Worte von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wider. „Die Mannschaft musste Unfassbares verarbeiten.“ Der Terror werde nicht die Oberhand gewinnen. Auch Freunde und ehemalige Mitspieler bekunden ihr Mitgefühl. „Mein Herz ist bei meinen Freunden. Ich hoffe ihr verarbeitet es schnell. Bleibt stark. Wir halten fest und treu zusammen“, twittert der ehemalige Dortmunder Kevin Großkreutz. Im Pott halten sie an diesem Mittwoch zusammen – über Vereinsgrenzen hinweg. Auch Erzrivale Schalke 04 nimmt Anteil.

Südtribüne in Stoffbahnen gehüllt

Mit riesigen, von den Fans dargestellten Buchstaben „BVB“ – die Anhänger in ihren Bereichen tragen gelbe und schwarze Plastikmäntel – stimmt die „Gelbe Wand“ auf der Südtribüne eindrucksvoll auf das Spiel ein. Zuvor ist die Tribüne in großen gelb-schwarzen Stoffbahnen gehüllt gewesen. Die Fans hüpfen, sie singen, sie feuern ihre Mannschaft an. Noch mehr als sonst, gefühlt mit noch mehr Inbrunst als bei normalen Spielen. „Das ist ganz sicher eine schwierige Situation, die die Mannschaft so auch noch nicht erlebt hat“, hat BVB-Präsident Reinhard Rauball vor der Partie gesagt. Er ist überzeugt: „Trotzdem gehen wir davon aus, dass die Mannschaft ihr Bestes gibt.“

Sie macht es. Was sich in ihren Köpfen abspielt, kann man nur erahnen. Alles sieht auf dem Rasen aus wie immer. Als Monacos Kylian Mbappé Lottin das 1:0 regelwidrig aus Abseitsposition erzielt, regt sich keiner großartig auf. Die Zuschauer wissen, dass die Franzosen eine starke Elf haben. So wollen sie nach dem 0:2 den Ausgleich – auch für Bartra – herbei schreien. Ein bisschen Fußball-Normalität scheint zurückgekehrt zu sein nach den schrecklichen Ereignissen gut 24 Stunden zuvor. Und als Dembelé und Kagawa jeweils die Anschlusstreffer erzielen, steht das Stadion kopf. Am Ende heißt es 2:3 aus Dortmunder Sicht. Aber einen Verlierer gibt es nicht. Dortmunder und Monegassen umarmen sich. In schweren Zeiten halten Fußballer zusammen. Eine Erkenntnis, die über allem steht.

Kritik an Neuansetzung

„Die Unterstützung der Fans hat geholfen, im Fußball aufzugehen. Es heißt nicht, dass wir verarbeitet und vergessen haben. Es geht aber auch um den Traum in der Champions League“, hebt BVB-Trainer Thomas Tuchel den heldenhaften Kampf seiner Spieler in der zweiten Halbzeit hervor. Trotzdem kritisierte er die Neuansetzung der Partie nicht einmal 24 Stunden nach dem Anschlag. „Wir wurden zu keiner Zeit gefragt, wann wir spielen wollen. Das ist bei der UEFA entschieden worden. Das hat sich sehr bescheiden angefühlt. Wir wurden behandelt, als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es einem das Gefühl der Ohnmacht, Wir müsen funktionieren, da spielte es keine Rolle, was passiert ist. Wir hätten Zeit gebraucht. Wir wollten absolut wettbewerbsfähig sein. Als Trainer, ich stand am Bus , kriegen wir die Dinge mitgeteilt. Das fühlt sich nicht gut an.“, sagte Tuchel. „Bis zum Anpfiff war bei mir alles im Kopf, nur kein Fußball“, sagte Spieler Nuri Sahin.

Als die Polizei kurz vor Schluss der Partie im Stadion zwei verdächtige Gegenstände im Bereich des Ausgangs Süd-Ost findet, kommen für 90 Minuten vergessenen Ängste wieder hoch. Zum Glück gibt es mit Schlusspfiff Entwarnung.



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