Große Geschichten der Kleinen Spielfreunde Lotte: unbekannter Zwerg im DFB-Pokal

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Neu beim FK Pirmasens: Benjamin Auer. Foto: imago/Eduard BoppNeu beim FK Pirmasens: Benjamin Auer. Foto: imago/Eduard Bopp

Osnabrück. Falsche Überschriften, schräge Songs und fallende Flutlichtmasten: Die erste Runde im DFB-Pokal bietet eine Auswahl kurioser Geschichten bezüglich der Klubs, die die Bundesligisten herausfordern. Hier folgt eine Auswahl an Anekdoten und Amüsantem über die Kleinen, die an diesem Wochenende ganz groß auftrumpfen.*

TuS Erndtebrück - Darmstadt 98 (Fr. 19 Uhr)

Urkundlich erstmals erwähnt im Jahr 1256, zunächst bekannt unter dem Namen Ermingardibrugge und im Mittelalter Irmgardtenbrucken genannt: Das ist das idyllisch gelegene Erndtebrück am Rothaarsteig. Eine Autobahn? Ist mindestens 35 Fahrminuten entfernt, wenn kein Traktor über die Landstraßen schleicht. Im Wikipedia-Eintrag über das 7220-Einwohner-Städtchen fehlt der erfolgreiche Fußballclub auf bundesdeutscher Wahrnehmungsebene im Landkreis Siegen-Wittgenstein skandalöserweise. Im 30 Kilometer entfernten Städtchen Siegen trägt der Verein im zweitligaerprobten Leimbachstadion auch die Partie gegen den Erstligisten Darmstadt aus – das eigene Stadion um den Kunstrasenplatz ist zu klein . Sportlich hat man den früheren Zweitligisten SF Siegen dagegen in diesem Jahr überholt: Siegen stieg aus der Regionalliga ab, die frechen Erndtebrücker stiegen auf. Mäzen des Vereins sind Unternehmer Jörg Schorge (Erndtebrücker Eisenwerke) , der die Fußballshow in der Provinz mit einigen weiteren Sponsoren finanziert.

BFC Dynamo Berlin - FSV Frankfurt (Fr. 19 Uhr).

Der BFC Dynamo, einstiger Lieblingsclub von Stasi-Chef Erich Mielke, holte zehnmal den DDR-Meistertitel und bestritt 60 Europapokalspiele. Größter Erfolg war das Erreichen des Halbfinals 1971/72 im Pokalsieger-Cup. Andreas Thom war der erste Ost-Spieler, der nach dem Mauerfall im Westen bei Bayer Leverkusen Millionär wurde. Ein Dutzend weiterer BFC-Profis folgte ihm in die Bundesliga-Clubs. Nach der Wende mussten die Dynamos daher kleinere Brötchen backen. Bei drei Starts im DFB-Pokal gelang dem Berliner Landespokalsieger bis dato kein Tor.

FC Carl Zeiss Jena - Hamburger SV (Sa., 14.30 Uhr)

Konrad Weise, Eberhard Vogel und Rüdiger Schnuphase - diese Namen lassen die Augen von Fans des DDR-Fußballs leuchten. Der FC Carl Zeiss gehörte zu den Spitzenclubs des Ostens und beschäftigte eine Reihe von Nationalspielern. Die Thüringer waren drei Mal Meister der DDR, vier Mal gewann der Club den FDGB-Pokal. Nach der Wende spielte die Mannschaft, die ihre Heimspiele im idyllischen Stadtteil Paradies am Fuße der Kernberge austrägt, zunächst in der 2. Bundesliga, ist jetzt in die Regionalliga Nordost abgerutscht. Größter Erfolg im DFB-Pokal war die Halbfinalteilnahme in der Saison 2007/08. Große Trauer hat zuletzt fast ganz Jena erfasst, als wegen Einsturzgefahr die Flutlichtmasten abgerissen werden mussten, die man zuvor als Wahrzeichen des Stadions und der Stadt gefeiert und als die höchsten in ganz Europa angepriesen hatte.

Sportfreunde Lotte - Bayer Leverkusen (Sa. 15.30 Uhr)

Es ist wohl nur ein Schreibfehler – dennoch lieferte die Rheinland-Redaktion der Zeitung mit den vier großen Buchstaben vor dem Auftritt der Sportfreunde Lotte im DFB-Pokal bezüglich der Tecklenburger einen Lacher: Unter der Hauptüberschrift „Fernandez will Bayer stoppen“ betitelte bild.de die Geschichte über den Torhüter der Sportfreunde Lotte, der früher bei Pokalgegner Leverkusen kickte, mit der Dachzeile: „Leverkusener im Kasten von Pokalgegner Spielfreunde Lotte“. Kein dramatischer Fauxpas natürlich, zumal der Name der Westfalen so noch putziger klingt und vielleicht ja die Protagonisten bei Bayer weiter dazu verleitet, den Regionalligisten am Samstag um 15.30 Uhr nicht richtig ernst zu nehmen.

FC Viktoria Köln - 1. FC Union Berlin (Sa., 15.30 Uhr)

Mit Trainer Hennes Weisweiler sowie den späteren Bundestrainern Erich Ribbeck und Gero Bisanz als Spielern war der Vorgängerverein SC Viktoria Köln 1962 im Europapokal aktiv. Bis 1981 gehörte der Club der 2. Liga an. 2010 als FC Viktoria neugegründet, zählt der Verein seit 2012 stets zum Titelfavoritenkreis der Regionalliga West, hat den Aufstieg aber jeweils klar verpasst, zuletzt auch unter dem Ex-Osnabrücker Trainer Claus-Dieter Wollitz. Zuletzt 2014 im DFB-Pokal (2:4 in der 1. Runde gegen Hertha BSC).

SV Meppen - 1. FC Köln (Sa., 15.30 Uhr)

Diego Maradona kam mit dem FC Barcelona 1982 gern nach Meppen, Harald „Toni“ Schumacher wollte sechs Jahre später partout nicht im Emsland spielen. Von 1987 bis 1998 spielte der Verein ohne Unterbrechung in der 2. Liga. Der SVM steht seither als Synonym für das Unterhaus und genießt noch heute Kultstatus. Auch wegen Spielern wie Marko Myyry, der drei „y“ in seinem Namen unterbrachte. Derzeit belegt das Team Rang drei in der Regionalliga Nord, im DFB-Pokal 1990 verlor Meppen im Achtelfinale 0:1 beim Samstag-Gegner 1. FC Köln. Alles zum SVM gibt es hier.

HSV Barmbek-Uhlenhorst - SC Freiburg (So.,14.30 Uhr)

„BeUh“, wie die Hamburger aus dem Stadtteil im Nordosten sagen, ist der Heimatverein von Lotto King Karl, Stadionsprecher des großen HSV und Liedermacher - gelegen mitten in Barmbek, da, wo die Baustellen sind. Zum Heimspiel gegen den Bundesliga-Absteiger weicht BU in das Edmund-Plambeck-Stadion in Norderstedt aus. Die Pokal-Einnahmen fließen in den Bau der neuen Heimstätte: Anfang des kommenden Jahres möchte BU das neue Stadion mit rund 1000 Plätzen eröffnen. Das Abschiedsspiel auf dem seit 1925 bestehenden Wilhelm-Rupprecht-Platz, wo neue Wohnungen entstehen sollen, fand in der Oberliga gegen Altona 93, einen weiteren Traditionsverein (3:0) statt. In der Saison 1974/1975 war BU in der neu gegründeten 2. Bundesliga eine Spielzeit vertreten war und stürzte nach finanziellen Kapriolen bis in die Bezirksliga ab. Stolz ist der Verein auf die Nachwuchsarbeit. Weltmeister Andreas Brehme fing hier im Alter von etwa fünf Jahren mit dem Fußball an und spielte insgesamt 15 Jahre im Verein. „Er war ein auffälliger Spieler“, erinnert sich Betreuer Kay Harries. „Am Samstag spielte er für die A-Jugend, am Sonntag für die Herren-Mannschaft. Er hinterließ überall Eindruck.“ Auch bei Lotto King Karl in seinem Lied.

FSV Salmrohr - VfL Bochum (So., 14.30 Uhr)

Obwohl es für den 1921 gegründeten Oberligisten aus Rheinland-Pfalz nie zu einem Titel und nur einmal für die 2. Liga (1886/87) reichte, mangelt es in der 94-jährigen Vereinsgeschichte nicht an klangvollen Namen. Weltmeister Bernd Hölzenbein ließ beim FSV mit 40 seine Karriere ausklingen, Ex-Nationalspieler Klaus Toppmöller stürmte sechs Jahre für den Club und Edgar Schmitt begann dort seine Laufbahn, lange bevor er in Karlsruhe zum „Euro-Eddy“ wurde. Und auch Trainer Paul Linz hat in der Branche einen guten Ruf - nicht zuletzt in Osnabrück.

FK Pirmasens - 1. FC Heidenheim (So. 16 Uhr)

Da haben sie ganz schön gemeckert beim fränkischen Traditionsverein 1. FC Nürnberg: Hatte doch dieser mit dem fränkischen Unternehmen Adidas gerade seinen Bekleidungspartner verloren, weil dieser sich laut vielzitierter Kreise „auf Kooperationen mit ausgewählten Top-Vereinen und -Verbänden konzentrieren“ will. Dass sie beim Club an Strahlkraft verloren haben, wissen sie nicht erst seit dem Bundesliga-Abstieg - aber das relativ zeitgleich ausgerechnet der FK Pirmasens eine Kooperation mit Adidas unter Dach und Fach bringen und entsprechend freudig verkünden konnte, hat sie dann doch gestört in Nürnberg. Gegen Heidenheim wird der Regionalligist, dessen Fans ihn übrigens liebevoll „die Klub“ nennen, in Trikots mit den drei Streifen auflaufen. Nun fragt man sich natürlich nicht nur bei der Nürnberger Zeitung: Was hat „die Klub“, was der Club nicht hat?

FC Nöttingen - Bayern München (So. 16 Uhr)

Für den FC Bayern gingen die Fußballer des FC Nöttingen sogar ins Tonstudio. Die Spieler - Studenten, Angestellte und Arbeiter - aus der badischen Oberliga-Elf schmettern genau wie die Menschen beim Metzger, Bäcker und in der Bank den Pokal-Hit „Wie ein Feuer“. Als „gemeinsame Erinnerung an das Fußball-Highlight 2015“, wie der Club mit 853 Mitgliedern bei der Veröffentlichung des Songs berichtete. 1957 erst entstand der Verein in Nordbaden, noch heute leben Gründungsmitglieder. „Fragen Sie die mal, ob die sich damals hätten vorstellen können, dass ihr Dorfverein mal ein Pflichtspiel gegen die großen Bayern austrägt“, sagte Trainer Michael Wittwer in einem Interview der „Stuttgarter Zeitung“. Wittwer spielte einst für den großen KSC - und im dortigen Wildpark trägt der kleine Oberligist nun auch die Partie gegen die Bayern aus.

*mit Material von dpa


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