„Ich genieße jeden Tag mit der Mannschaft“ DFB-Trainerin Neid über die WM und ihre Ziele


Berlin. Gelassen, selbstbewusst und optimistisch geht Bundestrainerin Silvia Neid in ihre letzte Weltmeisterschaft. Seit Sonntag ist die 51-jährige Fußballlehrerin mit der Frauen-Nationalmannschaft in Kanada, wo am kommenden Sonntag (22 Uhr) mit dem ersten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste die WM beginnt. Im Interview spricht Silvia Neid über ihr Ziel, eine WM auf Kunstrasen und das Ende ihrer Amtszeit.

Frau Neid, die Vorbereitung auf die WM ist diesmal extrem kurz – was können Sie in dieser Zeit eigentlich noch machen?

Erst einmal haben wir mit jeder Spielerin einen medizinischen Check gemacht und geschaut, wer hat wo Probleme und wie lange schon? Dann haben wir regeneriert und individuell gearbeitet, je nachdem, auf welchem Stand sich die Spielerin befand. Am Ende müssen wir dann alles zusammenfügen und uns einspielen – das kann sogar erst in Kanada sein.

Wo die WM auf Kunstrasen gespielt wird. Das war lange im Vorfeld ein Thema…

…mit dem wir uns nur sehr wenig befasst haben. Es war früh klar, dass wir das so hinnehmen müssen und dass die Spielerinnen mit ihrer Klage auch nichts erreichen werden – auch, wenn ich es mir anders gewünscht hätte. Aus meiner Sicht gehört eine Weltmeisterschaft auf Naturrasen.

Bei der Heim-WM 2011 waren die Erwartungen hoch, doch die Mannschaft scheiterte bereits im Viertelfinale. Was wäre diesmal für Sie ein Erfolg?

Für mich wäre es ein Riesenerfolg, wenn wir das Halbfinale erreichen, aber dieser Weg ist steinig und hart.

Nicht nur wegen des Bodens.

Genau. Neben den Kunstrasenplätzen liegt das vor allem an dem riesigen Land, der Zeitumstellung zwischen den Spielen und der Qualität der anderen Mannschaften. Es wird eine große Herausforderung. Auf der anderen Seite ist es sehr schön, zu wissen, dass wir so viele Mannschaften im Feld haben, die die Qualität besitzen, Weltmeister zu werden. Und es zudem einige gibt, die den Favoriten ein Bein stellen können. Das zeigt, wie sich der Frauenfußball in letzter Zeit entwickelt hat.

Wer sind Ihre Favoriten?

Kanada, USA, Japan, Brasilien, Norwegen, Schweden, Frankreich und wir. Einige Mannschaften wie Kanada, Japan oder Brasilien sind schon seit vielen Wochen und Monaten zusammen. Da können wir mit unseren zehn Tagen Vorbereitung nicht mithalten. Andererseits haben diese Nationen nicht so einen hochkarätigen Vereinsfußball wie wir.

Joachim Löw hatte in Brasilien ein eigenes „Lager“ für sein Team und konnte es dort in aller Ruhe auf die Spiele vorbereiten – sie teilen sich mit anderen Teams die Hotels.

Ja, das können Sie nicht vergleichen. Die Männer hatten ihr Basecamp und fünf Tage Zeit zwischen den Spielen. Wir haben ein Hotel, in dem vier andere Teams mit untergebracht sind. Und zwar die Teams, gegen die man auch spielt. Man sieht sich ständig. Aber das ist von der Fifa so gewollt und vorgeschrieben.

Fänden Sie es anders besser?

Ja, natürlich. Das ist doch so nicht mehr zeitgemäß. Wir sind ja schließlich nicht auf einem Ausflug. Die Fifa schreibt vor, welche Hotels wir beziehen dürfen. In einigen müssen wir darum kämpfen, Räume zu bekommen. Da soll dann der Essensraum für Besprechungen genutzt werden. In Winnipeg sind in einer Nacht sechs Mannschaften gleichzeitig im Hotel untergebracht. Da ist man dann sogar froh, wenn man einen Essensraum für sich alleine hat und diesen nicht noch mit seinem Gegner teilen muss. Mit meiner U19 bin ich damals auch schon so durch die Gegend gereist. Wobei ich auch gehört habe, dass sich das für zukünftige Turniere ändern soll.

Nach der WM tritt mit Nadine Angerer eine wichtige Führungsspielerin zurück. Wie sehr haben Sie sie bekniet, noch ein Jahr dranzuhängen, so dass sie gemeinsam aufhören?

Ich war natürlich schon länger über diesen Schritt unterrichtet und habe sie gefragt: Warum? Mach doch Olympia auch noch, falls wir uns qualifizieren! Aber sie hat Nein gesagt. Für sie ist die WM das Allerwichtigste. Da will sie noch einmal gut spielen und alles geben, und dann reicht es für sie. In dem Moment war für mich ganz klar, da brauchst Du jetzt nicht noch mal nachfragen.

Könnten Sie sich Nadine Angerer in Zukunft als Trainerin vorstellen?

Sie hat wahnsinnig viel Erfahrung und coacht ja jetzt schon die jüngeren Spielerinnen. Sie sieht sehr viel und gibt Tipps. Selbstverständlich kann ich mir vorstellen, dass sie eine gute Torwarttrainerin sein würde – aber ob sie das macht, das muss sie ganz alleine entscheiden.

Für Sie ist es auch die letzte WM als Bundestrainerin. Geht man anders an ein solches Turnier heran?

Seitdem ich weiß, dass ich aufhören werde, genieße ich alles noch mehr. Ich genieße jeden Tag mit meiner Mannschaft, jeden Tag in diesem Amt. Ich genieße es so sehr, weil ich weiß, danach ist Schluss, und zwar weil ich es so will. Und das ist ein schönes Gefühl.

Sie ziehen einen Schlussstrich, bevor es irgendwann einmal ein anderer tut. War das die Motivation für diesen Schritt?

Sicher. Zu wissen, dass ich über mich bestimme, ist das schönste Gefühl, das es gibt.

Freuen Sie sich, danach etwas weniger im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen?

Einerseits schon. Ich freue mich auch darauf, mal Dinge tun zu können, ohne erkannt zu werden, etwas zurückgezogener zu leben, zu agieren, zu shoppen. Unerkannt das zu tun, was so zum Leben gehört.

Steffi Jones wird Ihre Nachfolgerin, obwohl sie noch keine Trainererfahrung hat. Sie haben die Kritiker kürzlich ermahnt, sie doch erst einmal machen zu lassen.

Natürlich haben sie und die Entscheider damit gerechnet, dass das ein Kritikpunkt sein wird. Es ist ja auch ungewöhnlich, dass eine Bundestrainerin wird, die keine Erfahrung hat. Es ist sehr mutig von ihr. Ich hätte es nicht gemacht. Ich musste damals nach neun Jahren als Assistentin von Tina Theune überredet werden. Erst nachdem viele gesagt haben „Du kannst das. Du schaffst das“, habe ich nachgegeben. Steffi hat diesen Mut schon von vorneherein . Das ist sehr gut und positiv. Und ich finde, wir sollten sie jetzt einfach erst mal arbeiten lassen, bevor wir anfangen, sie zu kritisieren. Denn am Ende, das wissen wir doch alle, sind im Trainerjob Erfolge das A und O – und ob Du Erfahrung hast oder nicht, ist total egal. Hast Du Erfahrung, aber keinen Erfolg, bist Du in der Kritik-. Hast Du keine Erfahrung, aber Erfolg, bist Du nicht in der Kritik.

Wonach haben Sie Ihren Kader für die WM zusammengestellt?

Das Wichtigste war mir, dass die Spielerinnen nicht verletzt oder angeschlagen sind. Außerdem sollten sie auch flexibel einsetzbar sein.

Ist das seit der Erfahrung der letzten EM noch einmal wichtiger geworden als viele verletzt ausfielen?

Bei der EM 2013 ging es ja plötzlich Schlag auf Schlag: Da war heute die verletzt, morgen die nächste und übermorgen schon wieder eine andere. Und wir haben nur gedacht: Mensch, was ist denn hier für ein Wurm drin? Ich hoffe sehr, dass dieser Worst-Case nicht noch einmal eintritt. Aber wenn es passiert, wollen wir so gut wie möglich damit umgehen können.

Liegt die Verletzungsanfälligkeit auch an der Belastung durch den dichten Terminkalender vieler Clubs?

Gerade aufgrund des vollen Terminkalenders ist es umso wichtiger, dass für die Spielerinnen eine optimale medizinische Behandlung und Pflege gewährleistet ist. Das Programm ist für die Spitzenclubs nur noch mit einem breiten Kader zu absolvieren. Mit 14, 16 Spielerinnen kannst Du nicht mehr oben mitspielen.

Nadine Angerer widmet in Ihrem Buch ein großes Kapitel dem WM-Erfolg 2007. Da wird deutlich, dass die Mannschaft damals eine mentale Stärke besaß, die auch aus dem Team heraus kam. Bringt ihr jetziger Kader diese Eigenschaft auch mit?

Ich denke schon. Wir haben 2013 ja bereits gezeigt, dass wir mental in der Lage sind, einen Titel zu gewinnen. Wir waren bei der EM nicht besser als Frankreich, aber wir hatten einen wahnsinnig guten Teamgeist und haben es geschafft, uns bis ins Finale zu spielen und es zu gewinnen. Diese Spielerinnen sind jetzt zum großen Teil auch mit dabei. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, die aber auch schon eine gewisse Erfahrung hat und 2013 schon ein großes Turnier gewonnen.

Ist es leichter diesen Teamgeist zu finden, wenn man nicht so einen Druck hat wie bei der WM 2011 im eigenen Land?

Die Heim-WM war eine außergewöhnliche Situation für uns alle . Mit der Erfahrung von 2011 würden wir jetzt viele Situationen anders angehen.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Bei uns ist es eigentlich immer so, dass auf unseren Fluren alle Zimmertüren auf sind. Man kann überall hinein schauen. Bei der WM aber waren alle Zimmertüren geschlossen, weil jeder erstmal mit dieser ungewöhnlichen Situation klar kommen musste und so zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Der Fokus lag nicht mehr auf dem großen Ganzen.

Hätten Sie die Türen damals aufmachen müssen?

Um was zu erreichen? Was nützt es, wenn ich die Türen aufmache? Dann sind sie offen, na und? Teamgeist entsteht doch nicht durch Zwang, auch wenn ich als Trainerin Impulse setzen kann. Da muss etwas entstehen und das passiert nicht, indem ich mal die Tür aufmache und befehle, die bleibt jetzt so. Man kann das nicht bestimmen. Es muss sich alles entwickeln.


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