Die Fußball-Kolumne Die Bundesliga: Graue Mäuse, Fankultur und Zuschauerzahlen

Von Udo Muras

Kurz vor dem Ziel: Ingolstadts Trainer Ralph Hasenhüttl, hier beim 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Foto: imago/DeFodiKurz vor dem Ziel: Ingolstadts Trainer Ralph Hasenhüttl, hier beim 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Foto: imago/DeFodi

Frankfurt. Es sind in der 2. Liga noch drei Spieltage zu absolvieren. Der FC Ingolstadt führt die Tabelle an und klopft gehörig an die Tür zur Bundesliga. Fußballromantiker stöhnen auf bei der Aussicht auf den nächsten Provinzklub im Oberhaus, der nur wenige Zuschauer ins eigene und in fremde Stadien bringt. Ein Überblick über Provinz- und Traditionsklubs, Zuschauerschnitte und die Fankultur.

Der Sekt ist kalt gestellt, nur die Korken knallen noch nicht. Das 1:1 vom Montag gegen Nürnberg sorgt beim FC Ingolstadt für keine Depressionen, der Aufstieg ist nur noch eine Frage von Tagen . Zumal wenn ihnen immer so freundlich assistiert wird wie am Montagabend, als der Nürnberger Pinola reichlich unbedrängt ins eigene Tor köpfte.

Vor zehn Jahren hätten wir uns noch reflexartig gefragt: Wo ist der Hoyzer? Heute nehmen wir beruhigt zur Kenntnis, dass derselbe Pinola zwei Minuten später die Flanke zum Nürnberger Ausgleich schlug. Nürnberg wird es nichts helfen, sie bleiben Zweitligist, trotz neun Meisterschaften auf dem Briefkopf, trotz eines vollen Rucksacks mit Tradition. Den FC Ingolstadt gibt es erst elf Jahre, was sich selbst in der eigenen Stadt noch rumsprechen muss. Das ganze Jahr stehen sie an der Tabellenspitze, aber von 16 Heimspielen waren nur zwei ausverkauft, und das in einem Stadion für 15000 Zuschauern.

Die Schreckensvision vieler Fußballfans droht wahr zu werden: schon wieder ein unattraktiver Provinz-Klub in der Bundesliga, womöglich noch im Austausch gegen den VfB Stuttgart oder den HSV . Nicht zu vergessen, dass auch Darmstadt 98 mit einem Bein im Oberhaus steht. Was soll nur werden aus unserer Bundesliga, in der sich immer mehr graue Mäuse tummeln, die doch vermeintlich keiner sehen will und die nicht mal ihr eigenes Stadion vollkriegen? Wir wollen keine Namen nennen außer vielleicht Paderborn, Hoffenheim, Augsburg, Mainz, Freiburg und – ja – auch Wolfsburg. Wenn diese Mannschaften anreisen, seufzen die Schatzmeister der „Traditionsklubs“. Ginge es nach der aktuellen Zuschauertabelle beim Pay-TV-Sender Sky, hießen die Absteiger Hoffenheim und Freiburg, Paderborn drohte die Relegation und Augsburg müsste noch ganz schön zittern. Na und?

Es wird höchste Zeit zur Versachlichung der Debatte. Den Propheten der Apokalypse sei gesagt: Wir klagen auf hohem Niveau. Die Bundesliga erfreut sich des höchsten Zuschauerschnitts in der Welt, 43035 pro Spiel hat das Fachblatt „Kicker“ gezählt. Den Rekord von 2011/ 2012 (mit 45116) wird sie wohl nicht mehr brechen, dafür sind die Stadien diverser Abstiegskandidaten zu klein. Aber der Wert wird sich unter den Top Five der Liga-Historie einpendeln. Wir brauchen also keine Aufstockung auf 20 Vereine, wie jetzt aus Mainz angeregt wurde. Warum?

Weil sich unsere Fankultur geändert hat. Die Ultras kommen bei Wind und Wetter, egal gegen wen, um ihre Show abzuziehen. Die Zeiten sind vorbei, da Mannschaften für schlechte Leistungen mit leeren Rängen abgestraft wurden. Heute müssen sie sich eben mit ansehen, wie die Fans mit dem Rücken zum Spielfeld auf und ab hüpfen. Hauptsache Spektakel und schön was zum „Posten“ und Twittern in den sozialen Netzwerken. Ebenso vorbei sind die Zeiten, als graue Mäuse noch Grauen erregten – wir wollen keine Namen nennen außer Wattenscheid, Uerdingen, Homburg/Saar und Stuttgarter Kickers, die ein gewisser Uli Hoeneß als „Zumutung für unsere Fans“ bezeichnet hatte. Das war vor 25 Jahren; damals hatten wir in der Bundesliga exakt halb so viele Zuschauer wie heute, und der DFB beschloss ihre Reduzierung auf 16 Klubs, ehe die deutsche Einheit dazwischenkam. Also lasst sie kommen, die Ingolstädter.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN