Vorsicht vor dem Fußball-Zwerg Mancher Kleine wuchs gegen Deutschland über sich hinaus

Von Udo Muras


Dass auch in der Praxis gegen Fußball-Zwerge Gefahren lauern können, ist jedoch in den Chroniken nachzulesen. So mancher wuchs über sich hinaus.

Zum Beispiel Albanien: Durch die Premiere im April 1967 in Dortmund (6:0) in ihrem Leichtsinn bestätigt, scheiterte die Elf des Vize-Weltmeisters am 17. Dezember 1967 mit Netzer und Overath in Tirana kläglich. Die eigentümliche Atmosphäre beeindruckte die Bundesliga-Stars, Günter Netzer erinnerte sich: „Es war kein einziges Auto am Stadion, nur Fahrräder. Und das bei einem Länderspiel – das wollte nicht in unsere Köpfe rein.“ Und mit den Füßen stimmte auch was nicht, auf dem Holperplatz lief wenig zusammen. Das 0:0 bedeutete das Aus in der EM-Qualifikation, und Bundestrainer Helmut Schön sah sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Obwohl Deutschland 13 von 14 Spielen gegen die Skipetaren gewann, wurde fast immer gezittert, achtmal mit nur einem Tor Vorsprung gewonnen.

Zum Beispiel Zypern: Vor der WM 1966 kam es zur Premiere mit den Kickern des Mittelmeer-Staates, und das Sport Magazin schrieb: „Zypern, die geheimnisvolle Sphinx, von der man nicht viel weiß, ist kein populärer Gegner.“ Das 5:0 in Karlsruhe im April 1965 brachte den Siegern viele Pfiffe ein. Das Rückspiel auf einem Sandplatz endete 6:0, und so hielt sich die Furcht vor der nächsten Reise nach Nikosia – im November 1968 – in Grenzen. Aber der Zwerg war gewachsen, und erst, als schon keiner mehr daran glaubte, glückte Gerd Müller sein obligatorisches Tor – in Minute 92. Nach der WM 2006 ließ Deutschland bei seiner dritten Nikosia-Reise im Kampf um EM-Quali-Punkte auf der Insel erstmals Federn (1:1). In Deutschland war Zypern dagegen handzahm, 1969 hieß es in Essen 12:0.

Zum Beispiel Malta: Auf die Mittelmeerinsel musste der Weltmeister erstmals zwei Tage vor Weihnachten 1974. Es ging um die Teilnahme an der EM 1976, die Punkte wurden auf einem Ascheplatz vergeben, und Helmut Schön setzte fünf Debütanten ein. Beinahe wäre es schiefgegangen: Vor 30000 enthusiastischen Zuschauern, von denen Hunderte auf dem Tribünendach standen, kam man nur zu einem 1:0 (Tor: Bernd Cullmann). Im Februar 1979 ließ der kommende Europameister sogar einen Punkt auf Malta (0:0).

Zum Beispiel Luxemburg: Vor der WM 1934 (9:1) und bei Olympia 1936 (9:0) machten die Luxemburger noch keinen Ärger, aber als der amtierende Weltmeister am 31.Oktober 1990 im Nachbarland um EM-Punkte spielte, wurde es heikel. Bundestrainer Berti Vogts stellte neun Weltmeister auf, von Leichtsinn keine Spur. Der kam erst im Spiel auf, eine 3:0-Führung und die Dorfplatz-Kulisse von nur 9512 Zuschauern sorgten für trügerische Sicherheit. Nach 65 Minuten hatten die Gastgeber auf 2:3 verkürzt, dabei blieb es. „Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen, weil sich die Luxemburger mit dem 2:3 zufrieden gegeben haben“, sagte Rudi Völler. Der Zwerg ließ Gnade walten, eine ganz neue Erfahrung.

Zum Beispiel Färöer: 1990 hatten die „Schafs-Inseln“ mit einem 1:0 über Österreich für Aufsehen gesorgt, doch niemand rechnete damit, dass die Nummer 119 der Welt im Oktober 2002 beim Vize-Weltmeister vors deutsche Tor kommen würde. Auf der Inselgruppe im Atlantik spielten nur 6000 Menschen Fußball, in Hannover liefen fünf Halbprofis und sechs Amateure auf, darunter ein Eisverkäufer. Und was geschah? Nach Michael Ballacks allzu frühem 1:0 (2.) unterlief Arne Friedrich mit dem Pausenpfiff ein Eigentor. Erst ein Klose-Kopfball stellte die Weichen wieder auf Sieg, der durch einen Pfostentreffer in Minute 83 noch mal gefährdet wurde. Der Kicker titelte: „Einfach grausam!“ Im Rückspiel war es nicht besser, bis zur 88. Minute stand es 0:0. Dann glückten Fredi Bobic und Miroslav Klose in einem Stadion ohne Tribünen-Dach noch zwei Tore. Auch unter Joachim Löw gab es gegen diesen Gegner keine Schützenfeste, im September 2012 hieß es in Hannover ebenso 3:0 wie ein Jahr später in Torshavn – vor nur 3500 Zuschauern.