Die Fußball-Kolumne Rekordsieg 1912 gegen russische Offiziere

Von Udo Muras

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Auswärts-Rekorsieg beim Fußball-Zwerg: 2006 gelang – auch dank der vier Tore von Lukas Podolski.Foto: ImagoAuswärts-Rekorsieg beim Fußball-Zwerg: 2006 gelang – auch dank der vier Tore von Lukas Podolski.Foto: Imago

Frankfurt. Da werden doch tatsächlich dieser Tage bei E-Bay Länderspielkarten verkauft. Deutschland gegen Gibraltar, Grundig-Stadion in Nürnberg, Block 36, Beste Sicht, Preis Verhandlungssache. Ja wo kommen wir denn da hin? Unsere Weltmeister schicken sich an, sich nun auch den unerwartet steinigen Weg zum Europameister-Titel zu bahnen und das Volk, das zieht nicht mit?

Vermutlich ist den Menschen nicht deutlich genug gemacht worden, worum es am Freitag gegen die Nummer Nullkomma-Nichts der Weltrangliste, der Gibraltar laut FIFA-Verdikt nicht angehören darf, geht.

Es geht auch deshalb um was, weil es einfach mal wieder Zeit ist für ein richtiges Schützenfest. Unsere Länderspiel-Rekorde sind noch aus der Zeit, in der Deutschland ein Reich war. Der höchste Sieg wurde noch von Kaiser Wilhelm dem Zweiten höchstselbst beklatscht, Majestät war ja bekanntlich Fußball-Fan. Am 1. Juli 1912 also schlug die Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Stockholm Russland mit 16:0 – und dabei stellte sie nach 69 Minuten das Toreschießen ein. An diesem Rekordsieg haftet ein Makel, weshalb es höchste Zeit wäre, ihn mal abzulösen. Die Legende sagt, dass die Russen die Deutschen am Vorabend auf eine fröhliche Wodka-Sause auf ihr „Wohnschiff“ eingeladen hätten. Die Sause hat es zweifellos gegeben, fraglich ist nur der Termin. Da widersprechen sich die Chronisten und solange dem so ist, darf gezweifelt werden, wie stolz wir auf dieses 16:0 sein dürfen. Beide waren schon aus dem Medaillen-Rennen geschieden, es war ein Spiel der Trostrunde. Den Trost suchten sie angeblich (!) schon am Abend vorher in Hochprozentigem. Am nächsten Tag sollen die unbedarften Russen, alles hünenhafte Offiziere, die auch an den Leichtathletik-Wettbewerben teilnahmen, auf wackligen Beinen gestanden haben. Fakt ist: Deutschland schickte eine komplett neue Elf ins Rennen, die trotz eventuellen Katers hoch motiviert war. Und so kam der Karlsruher Gottfried Fuchs zu zehn Toren, auch wenn die Berliner Zeitungen meldeten: „Hirsch trat acht Tore“. Da wurden Fuchs und Hirsch verwechselt, was einem Förster nicht passiert wäre, und dann noch falsch gezählt.

Und wenn es nicht zu 16 Toren reicht – bisher hat Gibraltar in drei Spielen schon 17 bekommen – dann bitte eben zu 14! Schließlich gehört auch der höchste Heimsieg allmählich mal aufgestockt: Im finsteren Kriegsjahr 1940, als Deutschland nur noch gegen Verbündete oder Unterworfene spielte, kamen die braven Finnen in Leipzig 13:0 unter die Räder. Der Wiener Wilhelm Hahnemann – Österreicher waren seit 1938 auch „deutsch“ – schoss sechs Tore. Schon zur Pause stand es 8:0, wie 1912 in Stockholm.

Immerhin hält Bundestrainer Joachim Löw den Auswärtssieg-Rekord, 2006 gab es ein 13:0 in San Marino . Im Rückspiel hieß es aber nur 6:0. In Nürnberg! Noch so eine Blamage und die Franken kriegen nie wieder einen Fußball-Zwerg serviert. Die Zuschauer sollen sich mal reinhängen am Freitag. Denn wer will nicht mal bei einem Rekord-Sieg dabei gewesen sein?


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