Die Fußball-Kolumne Konietzkas Negativrekord und Radis Gemeinheit

Von Udo Muras

Nicht immer lustig: Torwart Petar Radenkovic (links). Foto: dpaNicht immer lustig: Torwart Petar Radenkovic (links). Foto: dpa

Frankfurt. Spieler und Schiedsrichter geraten immer wieder aneinander. Timo Konietzka hält den Rekord in der Bundesliga, er wurde 1966 für sechs Monate gesperrt, weil er den Unparteiischen Max Spinnler getreten und geschlagen haben soll. Doch das ist harmlos, wenn man sich die Strafe anschaut, die der Schweizer Fußballband jetzt für einen Spieler verhängte: 50 Jahre Sperre.

Der Täter wartete immerhin noch auf den Abpfiff, aber das bewahrte ihn auch nicht vor dem Platzverweis. Aus nächster Nähe drosch ein Schweizer Amateur-Kicker mit stattlichem Vorstrafenregister – laut Verband enthält es „45 Straf-Sonntage“ – dem Schiedsrichter den Ball ins Gesicht. Noch im Torkeln zückte der Getroffene Rot. Es war das letzte Rot für den 28-Jährigen, der beim viertklassigen Portugal Futebol Clube in Bern kickt. Es sei denn, er ist am 5. Juni 2064 noch rüstig genug, dem Ball hinterherzuhecheln.

So lange ist der nun schon reuige Sünder – es war ja alles keine Absicht und die Beleidigungen, und Wasserspritzer auf dem Weg in die Kabinen tun ihm echt leid – offiziell gesperrt. 50 Jahre, das ist so viel wie zweimal lebenslänglich für einen Fußballer. Der Grund für die Dauer der Sperre ist freilich kurios; die Software des Schweizer Verbands verlangt ultimativ ein Datum, ein kaiserliches „Schaun mer mal“ oder ein „Bis auf weiteres“ wird nicht angenommen.

Wenn Computer die Menschen regieren, passieren eben die tollsten Sachen. Formal kann Ricardo F. nach drei Jahren erstmals Antrag auf Begnadigung stellen, große Hoffnungen sollte er sich nicht machen. Der Verbandsjurist spricht von „einem schwerwiegenden Fall. Einen solchen Spieler wollen wir nicht auf unseren Plätzen.“ 2009 hatte der Hitzkopf einem Schiedsrichter die Pfeife aus dem Mund geschlagen, und nun wollen selbst die sonst so geduldigen Schweizer nicht mehr darauf warten, was Ricardo F. als Nächstes einfällt.

Die Fußball-Geschichte ist voller Gemeinheiten gegenüber Schiedsrichtern. In der Bundesliga hält noch immer Timo Konietzka (1860 München) den Rekord, der 1966 den Unparteiischen Max Spinnler – wir müssen da im Konjunktiv bleiben – getreten und geschlagen haben soll. In der Presse steht: „Stoß vor die Brust, Tritt gegen das Schienbein.“ Im Urteil auch. Der DFB sperrt ihn für sechs Monate, Konietzka bestreitet bis zuletzt die Tat, und Kameras können ihn nicht überführen.

Als Stuttgarts Axel Kruse anno 1993 Schiedsrichter Osmers im Rahmen eines Streitgesprächs („Osmers, was pfeifst du für einen Scheiß?“) umreißt, gibt es keine zwei Meinungen. Er wird zehn Spiele gesperrt.

In Berlin wird vor ziemlich genau 20 Jahren in der 8. Liga die deutsche Rekordsperre verhängt. Ein 20-jähriger Dachdecker-Lehrling, Vater Kurde, Mutter Griechin, von Blau-Weiß 91 wird vom Platz gestellt und schlägt den Schiedsrichter dafür so heftig auf die Schulter, dass der zu Boden geht. Dort bekommt er noch ein paar Kopf-Tritte ab. Der Schiedsrichter erleidet eine schwere Netzhautverletzung und einen zweifachen Fingerbruch. Das Sportgericht sperrt Selcuk S. für 30 Jahre.

1990 geht Wolf-Rüdiger Umbach am Betzenberg zu Boden. 40 Sekunden ist er benommen, dann pfeift er weiter: „Wegen eines Einzelnen wollte ich nicht alle anderen leiden lassen.“ Die Sport-Journalisten verleihen ihm dafür 1991 in Berlin den Fair-Play-Preis. Eine besondere Gemeinheit leisteten sich zwei Spieler von 1860 München – schon wieder – im Januar 1969. Petar Radenkovic und Bernd Patzke unterstellen Schiedsrichter Walter Horstmann, er sei „besoffen“. „Radi“ fordert im Kabinengang „eine Blutprobe“. Und der um seinen Ruf bedachte Horstmann, der bekennende Anti-Alkoholiker, fährt nach dem Spiel ins nächste Krankenhaus. Mit dem 0-Promille-Attest ausgestattet, ist der Prozess vor dem Sportgericht für ihn ein Elfmeter ohne Torwart: Radenkovic wird für drei Spiele gesperrt.

Udo Muras ist Fußballkenner mit einem Faible für Nostalgie und einem Sinn für Merkwürdigkeiten der Szene. Seine Kolumne erscheint regelmäßig in unserer Zeitung.