Ein Star und ein gefallener Held Pelé ist überall, Mané Garrincha nicht vergessen

Von Christoph Fischer



Porto Seguro. Edson Arantes do Nascimento ist omnipräsent. Vor und nach den Spielen bei der Weltmeisterschaft in Brasilien sieht man ihn in Interviews. Pelé macht Reklame für Haar-Shampoo, Pelé macht Werbung für Versicherungen, Pelé macht Werbung für alles, Pelé ist 73, sieht aus wie 60 und ist ein brasilianisches Erfolgsmodell. Ein anderer, der 1958 und 1962 Weltmeister wurde, starb im Januar 1983 einsam, mittellos und alkoholkrank in Rio de Janeiro: Manoel Francisco dos Santos, genannt Mané Garrincha.

Sie waren die Sterne am Himmel. Und ihre Geschichte steht bis heute für die Entwicklung Brasiliens, für die dramatische Schere zwischen Arm und Reich, für die Sonnenseite und die dunklen Gassen eines faszinierenden Landes.

„Pele ist unser Gott“, hat Weltmeister Romario einst gesagt. „Das Spiel dürfte eigentlich nicht Fußball heißen, sondern Pelé.“ Die Faszination des Mannes, der von 1995 bis 1998 Sportminister Brasiliens war, 1958, 1962 und 1970 Weltmeister wurde, ist ungebrochen. Nie ein Intellektueller, aber ein Mann des Business, der mit dem FC Santos 26 Titel gewann, bei Cosmos New York von 1975 bis 1977 nur deshalb nochmals spielte und für Glanz im tristen US-Fußball sorgte, weil bei Spekulationsgeschäften ein Vermögen verloren ging.

Garrincha hat es versoffen. Früh bekämpfte der vielleicht faszinierendste Spieler des Weltfußballs seine Schmerzen mit dem Fusel, weil sein Körper eigentlich gar nicht Fußball spielen konnte, ein chronisches Rückenleiden, das eine Bein sechs Zentimeter kürzer als das andere. Garrincha spielte für Botafogo. Die Legende berichtet, er habe alle Verträge mit dem Klub blanko unterzeichnet und sei von Botafogo gnadenlos ausgenutzt worden. Und spielte noch, als er eigentlich gar nicht mehr spielen durfte. Und schon die Operationen an seinem geschundenen Körper nicht mehr bezahlen konnte. Garrincha spielte zu oft, zu lang und zu intensiv. Weil er nichts anderes konnte.

Die Legende sagt auch, sein größter Freund sei ein Transistorradio gewesen, das ihm einst der legendäre brasilianische Medizinmann Américo schenkte. Garrincha soll das in Deutschland gebaute Radio mehr geliebt haben als seine 15 Kinder und seine sechs Frauen. „Hier ruht in Frieden der, der die Freude des Volkes war“ steht auf seinem Grabstein auf Rios Friedhof Cemiterio Raiz da Serra, einer Pilgerstätte. 1966 bei der Weltmeisterschaft in England absolvierte Garrincha beim 1:3 gegen Ungarn sein letztes Spiel für die Nationalmannschaft, in Brasilia war das alte und ist das neue Stadion nach ihm benannt: Estadio National Mané Garrincha. Es gibt Brasilianer, die Garrincha noch heute intensiver verehren als Pelé.

Aber das ist eine aussterbende Generation. Das Leben Garrinchas verfügt über alle Elemente, die ihn als exotischen Vertreter des südamerikanischen Fußballs interessant machen, schreibt Martin Curi, ein profunder Kenner des Fußballs in Brasilien. Garrinchas Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn mag für Europäer interessant sein, für moderne Brasilianer ist sie nur noch Ausdruck von Unprofessionalität und Primitivität. Garrincha ist für die meisten Brasilianer inzwischen einer, der vom Ruhm in die Asche gefallen ist.

Pelé begleitet Brasilien bis heute. Der Mann aus Tres Coracoes ist der Franz Beckenbauer Brasiliens. Eheschließungen und Scheidungen haben seine Popularität niemals sinken lassen. Endgültig und für alle Zeiten bestieg Pelé 1970 in Mexiko mit dem 4:1 im Finale über Italien den Olymp. Brasiliens Mannschaft mit Pelé, Tostao, Rivelino, Jairzinho und Paulo César Caju steht bis heute für die totale Überlegenheit, für den „Futebol Arte“, für die artistische Fußballkunst, für das Treffen von Genies, die leichtfüßig ihre Kreativität auslebten.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN