Rettig: DFB sitzt am Steuer „Solidarpakt Profifußball“ für Drittligisten?


Frankfurt. Die präsentierten Fakten sind positiv, die nackten Zahlen beeindrucken: bei über 42000 Fans im Schnitt pro Spiel und linear bis sprunghaft steigenden Erlösen für die TV-Rechte könnte sich Christian Seifert zufrieden zurücklehnen. „Gerade, wenn es gut läuft, macht man oft größte Fehler“, weiß aber der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), der eine Baustelle bereits erkannt hat.

„Wenn ich die auseinander driftenden finanziellen Möglichkeiten der Klubs der 3. Liga und der 2. Bundesliga sehe, habe ich auch Bauchschmerzen“, sagte Seifert in der DFL-Zentrale in Frankfurt und schob die Erklärung dafür selbst hinterher. „Die Zweite Bundesliga erhält etwa 20 Prozent der DFL-Medienerlöse, was dem Doppelten ihres Wertes im Markt entspricht.“ Dazu sei allein die Steigerung der Medieneinnahmen der Zweitligisten von 88 Millionen auf 112 Millionen Euro in dieser Saison doppelt so hoch wie der Betrag, den alle Drittligisten überhaupt für TV-Rechte erhalten (12 Millionen). Das Gefälle macht Klubs zu schaffen, die aus der 2. Bundesliga absteigen und aus der 3. Liga aufsteigen oder es versuchen.

„Die Durchlässigkeit der Ligen ist ein elementarer Bestandteil der Fußballkultur in Deutschland“, stellte Seifert zwar grundsätzlich klar, dass es seitens der DFL überhaupt keine Bestrebungen gebe, wie etwa bei den US-Profiligen eine geschlossene Gesellschaft ohne Auf- und Abstiege zu schaffen. Als Geschäftsführer der Dachorganisation der 36 Bundesliga-Klubs merkte er aber auch an: „Die 3. Liga liegt nicht in unserer Verantwortung – sondern in der des Deutschen Fußball-Bundes. Die Hoffnung einiger Drittligisten, dass bald auch DFL-Geld vom Himmel fällt, wird sich nicht erfüllen.“ Fallschirmzahlungen der DFL nach englischem Vorbild für Zweitliga-Absteiger seien etwa jüngst abgeschafft worden – auf Initiative der Drittligisten, die Wettbewerbsverzerrung moniert hatten.

„Eine Lösung an dieser Schnittstelle ist schwierig. Das geht eigentlich nur über einen Solidarpakt Profifußball“, überlegte Seifert, bevor er sagte: „Wir sind bereit, uns mit an den Verhandlungstisch zu setzen. Das ist aber nicht unsere Kernaufgabe. Das muss aber vom DFB kommen.“ Zudem müsse dabei das Thema Nachwuchsförderung beachtet werden. „Keiner hat was davon, wenn jeder Drittligist eine Million bekommt und dafür zweitklassige ausländische Spieler holt“, so Seifert.

Das Thema Nachwuchs in der 3. Liga wird durch zwei weitere Faktoren beeinflusst, die auch der DFL zuzurechnen sind: erstens, dass eine eigene U23 für DFL-Klubs ab der nächsten Saison nur noch freiwillig ist. „Am Antrag von Bayer Leverkusen hat uns die Kernbotschaft überzeugt: Gebt uns eine Handlungsoption mehr“, so DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig. Dem U23-Rückzug, den laut Rettig nach aktuellem Stand die Eintracht und der FSV Frankfurt sowie ein ungenannter Zweitligist angehen, folge der Philosophie, dass Top-Jugendspieler heute viel weiter in der Entwicklung seien und den direkten Sprung in das DFL-Team schaffen oder ausgeliehen werden, um sich zu entwickeln – etwa in der 3. Liga.

Zweitens werden die derzeit 8,5 Millionen Euro für die Jugendleistungszentren (JLZ) aus dem Champions-League-Solidartopf ab der Saison 2015/16 nicht mehr an alle DFL-Klubs verteilt, sondern nur noch an die der 2. Bundesliga. „Ein Anreiz für diese Ausbildungsliga“, sagt Rettig, der aber weiß, dass diese Förderung die Lücke zur 3. Liga, deren JLZ-Strukturen nur marginal vom DFB unterstützt werden, weiter aufreißt.

„Wir galoppieren weg, die 3. Liga bleibt stehen“, sagte Rettig auch angesichts der TV-Inlandserlöse von 615 Millionen Euro für die kommende Saison und die Steigerung der Erlöse der TV-Auslandsvermarktung auf einen erstmals dreistelligen Millionenbetrag ab 2015/2016 – für die DFL-Clubs, nicht aber für die Profifußballvereine darunter. Rettig: „Wir fühlen uns da mit verantwortlich. Aber der DFB sitzt am Steuer.“


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