Fußball-Kolumne Ein Loblied auf die 2. Bundesliga

Von Udo Muras

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Der HSV, hier mit Rick van Drongelen, rockt derzeit die 2. Bundesliga. Foto: Witters/GroothuisDer HSV, hier mit Rick van Drongelen, rockt derzeit die 2. Bundesliga. Foto: Witters/Groothuis

Frankfurt. Am Montagabend hatten Besitzer von Sky-Receivern sicher ein paar Freunde mehr als sonst. Seit die 2. Bundesliga nicht mehr frei empfänglich ist und Live-Übertragungen ab dieser Saison komplett ins Pay-TV abgewandert sind, ist der gemeine Fan froh über derartige Kontakte, sofern er nicht selbst entsprechend ausgerüstet ist. Es gibt ja schließlich Spiele, die man nicht verpassen darf. Und wer ein Duell zwischen dem HSV und dem 1. FC Köln nicht sehen will, der hat den Fußball nie geliebt.

Dahinter verblassen diverse Europacup-Spiele dieser Woche und die meisten Bundesligakicks dieser Saison sowieso. Nicht vom Niveau her, sondern von der Bedeutung. Es gibt eben Clubs, die spielen können, wo, wann und gegen wen sie wollen – wie sie spielen, ist nie egal. Zwei von ihnen geben also dieses Jahr ein Gastspiel im Unterhaus des deutschen Fußballs, der HSV zum allerersten Mal. Es scheint ihm nicht wirklich zu schaden. Die Hütte ist fast immer voll und am Montag sowieso. 53786 Zuschauer strömten zum Gipfeltreffen in den Volkspark. Die Stimmung war fantastisch, das nur für die, die keinen Sky-Freund haben. Das Spiel war spannend und wurde durch ein spätes Tor entschieden. Viel mehr will man ja gar nicht am Montagabend. Sosehr es uns der Kommentator, der offenkundig ein 7:6 erwartet hatte, auch madig machen wollte, für mich war es beste Unterhaltung. Noch immer heißt 2. Liga rennen, kämpfen, „gallig und griffig“ sein, wie uns die Kommentatoren bis zum Überdruss einflößen. Flanken, die hinter dem Tor landen. 20 Prozent mehr Fouls und Karten als in der Bundesliga, und natürlich weniger Zuschauer.

Als nur 150 Zuschauer kamen…

Dennoch: Was haben wir für eine tolle 2. Bundesliga! Altmeister und gefühlte Bundesligisten spielten schon immer mit. Aber was hat sie für eine Entwicklung genommen, alle Welt muss die DFL, die die nötigen Strukturen geschaffen hat, darum beneiden. Seit 15 Jahren bereits meldet sie einen fünfstelligen Zuschauerschnitt. Gehen Sie in Deckung, ich werfe mit noch mehr Zahlen um mich: Das durchschnittliche Zweitliga-Spiel hatte von 1974 bis Einführung der Eingleisigkeit 1981 rund 5850 Zuschauer. Als sich Arminia Hannover und Alemannia Aachen in der Nord-Staffel im Mai 1980 trafen, kamen nur 150. Wirtschaftliche Sorgen prägten die Anfangsjahre, Lizenz- und Punktabzüge waren die Regel. Ein Ex-Kicker von St. Pauli ließ vor 40 Jahren bei einem Heimspiel die Kasseneinnahmen direkt pfänden, weil noch Gehalt ausstand, und in Aachen kam der Vorstand auf die Idee, die Zuschauer so viel bezahlen zu lassen, wie ihnen der Verein eben wert sei.

Ein Montag im April 1987…

Die Spiele der eingleisigen 2. Liga sahen im Schnitt schon 10799 Menschen, trotzdem gab es in den ersten 20 Jahren acht Lizenz-Entzüge. Seitdem aber nur noch einen, der nicht zum Boom der Gegenwart passt. Obwohl heute alle Spiele live im Pay-TV gesendet werden, kommen in dieser Saison bisher im Schnitt 19577 Zuschauer ins Stadion. Es ist das gleiche Phänomen wie in der Bundesliga, die mit dem Aufkommen der Privatsender Anfang der Neunziger einen explosionsartigen Zuschauerzuspruch verzeichnete. Man prophezeite das Gegenteil, aber die Übersättigung gab es nie. Natürlich spielt die Besetzung der Liga auch eine Rolle. Eine Zäsur stellte ein Montagabend im April 1997 dar, als Hertha BSC und Kaiserslautern um den Aufstieg spielten – und das Berliner Olympiastadion aus allen Nähten platzte.

Das gegenwärtige Zweitliga-Hoch liegt nicht nur an den Supertankern Köln und HSV, mittlerweile sind fast alle fußballverrückt. Sandhausen spielte in Dresden vor 27000, mehr gehen da nicht rein. Auch Heidenheim meldete ausverkauft gegen Aue und so weiter und so fort. Die viel kritisierte mediale Überhöhung des Fußballs mag allerlei Schaden angerichtet haben, vor allem bei den anderen Sportarten. Dem Fußball hat sie nicht geschadet. Weshalb in der 2. Liga längst keiner mehr vom Untergang bedroht ist, der nur einigermaßen vernünftig wirtschaften kann. Und solange keiner auf die Idee kommt, eine Super-Zweite-Liga zu gründen, wird das auch so bleiben.


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