Erinnerungen an 1998 WM-Trend: Kroatien gewinnt Finale zu 69,2 Prozent

Von Udo Muras

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Halbfinale 1998: Frankreich feiert, Kroatien ist geschlagen. Foto: Witters/Valeria WittersHalbfinale 1998: Frankreich feiert, Kroatien ist geschlagen. Foto: Witters/Valeria Witters

Frankfurt Ein größeres Spiel hatte es noch nie gegeben für die Auswahl des jungen Staates. Noch nie war Kroatien bei einer Fußball-WM so weit gekommen. Nun wartete Frankreich, das auch noch nie weiter gekommen war – ein Tag, um Geschichte zu schreiben. Die Rede ist nicht vom kommenden Sonntag, sondern von einem Mittwoch vor ziemlich genau 20 Jahren.

Am 8. Juli 1998 stritten die Franzosen bei ihrer Heim-WM mit dem Turnierneuling um den Finaleinzug. In beiden Ländern ist das Spiel unvergessen. Die Erinnerung daran lebt und wird in den verbleibenden Stunden bis zum Sonntag gewiss noch tausendfach aufgefrischt. In den Bistros von Paris ebenso wie in den Fischerdörfern Kroatiens. Sie lebt auch noch beim mittlerweile 83-jährigen Miroslav Blazevic, Kroatiens Trainer von 1998. Der war für seine scharfe Zunge bekannt und seine große Klappe. Kostprobe: „Taktisch mache ich keine Fehler.“

Blazevic: Wir könnten Weltmeister sein

Vor dem Spiel gegen den Favoriten tönte er: „Die Franzosen können mich nicht beeindrucken. Unser Sieg wäre nicht im Ansatz eine Überraschung, ich habe immer gesagt, dass wir Weltmeister werden können.“ Sie wurden es nicht, und bis heute macht sich Blazevic Vorwürfe. „Ich habe damals im Halbfinale gegen Frankreich statt auf Boban auf Prosinecki verzichtet – und wir verloren 1:2. Wir könnten Weltmeister sein, es ist meine Schuld“, sagte er erst vor zwei Wochen dem „Kicker“. Das muss eine Hypothese bleiben, aber es zeigt, wie sehr das Spiel die Beteiligten noch beschäftigt. Es war kein besonders gutes, zur Pause stand es noch 0:0 im neu errichteten Stade de France; 80000 füllten die Ränge restlos und die meisten waren besorgt. Die Équipe Tricolore hatte schon zwei mühsame Siege nach Verlängerungen hinter sich und glänzte wieder nicht.

Nach 30 Minuten kommt Karambeu

Trainer Aimé Jacquet hatte eine beinahe beschämend defensive Aufstellung mit drei „Sechsern“ hinter Spielmacher Zinedine Zidane gewählt. Der Respekt vor dem Deutschland-Bezwinger – Kroatien hatte im Viertelfinale von Lyon 3:0 gewonnen – war offenbar immens. Nach einer halben Stunde korrigierte er sich und brachte mit Thierry Henry für Christian Karambeu einen dritten Stürmer.

Suker macht das 1:0

Zunächst ging der Schuss nach hinten los: der kommende WM-Torschützenkönig Davor Suker schoss sträflich ungedeckt – mit Wiederanpfiff das 0:1. Auch im vierten WM-Halbfinale ihrer Geschichte drohte den Franzosen eine Pleite. Aber schon im Gegenzug fiel der Ausgleich – durch Verteidiger Lilian Thuram, für den die Sterne an diesem mysteriösen Tag besonders gut standen. Ihm gelang in der 70. Minute nämlich auch das entscheidende 2:1, dann verschwand er wieder im Hintergrund. In 142 Länderspielen hat er nur zwei Tore erzielt – innerhalb dieser magischen 23 Minuten von Paris. „Nur weil ich zwei Tore erzielt habe, bin ich kein Held“, wiegelte der Retter der Franzosen bescheiden ab. Sie mussten noch heftig zittern, da Abwehrchef Laurent Blanc nach einem Nasenstüber gegen den scheinbar tödlich getroffenen Slawen Bilic vom Platz gestellt wurde und das Finale verpasste. Frankreich wurde schließlich auch ohne ihn gegen Brasilien Weltmeister (3:0), Kroatien erkämpfte sich den dritten Platz durch ein 2:1 gegen die Holländer.

Noch nie hat Kroatien gegen Frankreich gewonnen

Seitdem wird jede kroatische Mannschaft an dieser gemessen, keine nach ihr hat auch nur die Vorrunde überstanden. Die Mannschaft von Trainer Zlatko Dalic hat sie nun übertroffen und kann weitere Marken setzen. Noch nie hat Kroatien gegen Frankreich gewonnen. Nach drei Niederlagen gab es bei der EM 2004 immerhin den ersten Punkt (2:2). Es gilt außerdem, einen merkwürdigen WM-Trend zu bestätigen, der ein gutes Omen für Kroatien bedeutet. Bisher gab es 21 WM-Endrunden, 13-mal fanden die Halbfinals nicht gleichzeitig statt. Neunmal wurde die Mannschaft Weltmeister, die das Finale zuletzt erreichte. Zu 69,2 Prozent hat Kroatien schon gewonnen. Findet übrigens auch Herr Blazevic: „Ich glaube, wir können den Titel holen. Ich bin davon überzeugt! Ich habe alle vermeintlichen Favoriten analysiert – und wisst ihr was? Wir sind besser als sie alle!“


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