WM-Kolumne Toni Schumacher: Darum tut mir England leid

Spielte im EM-Finale gegen Belgien mit gebrochener Hand: Den Elfmeter gegen Rene Vandereycken konnte Toni Schumacher nicht parieren, den Titel gab es dennoch. Foto: Wilfried WittersSpielte im EM-Finale gegen Belgien mit gebrochener Hand: Den Elfmeter gegen Rene Vandereycken konnte Toni Schumacher nicht parieren, den Titel gab es dennoch. Foto: Wilfried Witters

Düsseldorf. Zweimal stand Toni Schumacher im WM-Finale (1982 und 1986) und wurde Vizeweltmeister, er bestritt 76 Länderspiele. Als Torwart war er und als Vizepräsident ist er das Gesicht des 1. FC Köln. In seiner Kolumne verknüpft er seine Erlebnisse als Aktiver mit den modernen Fußballzeiten. Diesmal erklärt er, warum Frankreich und Kroatien würdige Finalisten sind, ihm die Engländer aber dennoch ein bisschen leid tun.

Nur noch zwei Spiele – und dann ist die WM 2018 Geschichte. Faszinierend, wie schnell so ein Turnier vorbeirauscht. In der Vorrunde hat man das Gefühl, unendliche Wochen mit täglich zwei Fußballspielen vor sich zu haben. Aber mit der K.-o.-Phase geht es Schlag auf Schlag. Schade eigentlich, denn es war unterm Strich eine sehr gute WM mit guter Stimmung – auch dank des unerwartet starken russischen Teams. Andererseits ist es aber auch gut, weil man in den Halbfinals deutlich gesehen hat, dass die Spieler mit ihrem Körper und ihren Nerven kämpfen.

Es geht um Willen und Nehmerqualität

Besser, im Sinne von Leichtigkeit und Kreativität, wird eine WM nicht, wenn es aufs Finale zugeht. Stattdessen geht es um Willen, Nehmerqualität und die Bereitschaft, über die eigenen Grenzen zu gehen. Die meisten Spiele erinnern unter diesem wahnsinnigen Druck, nicht verlieren zu dürfen, selbst auf dem hohen technischen Niveau des modernen Fußballs eher an Schlachten als an Kunst. Kurz: Sie werden so, wie ich es als aktiver Spieler am meisten geliebt habe. In diesen Alles-oder-nichts-Spielen war ich am besten. Ich habe die Anspannung geliebt, den Nervenkitzel, die Atmosphäre. Vor dem Fernseher, zugegeben, kommt dieser Kampf oft als Krampf rüber.

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Insofern haben wir in beiden Halbfinals erstaunlich guten Fußball gesehen. Mit Frankreich steht einer der Favoriten im Finale. Die Franzosen vereinen unglaubliches Talent, Tempo und Kreativität mit enormer Routine und taktischer Disziplin. Sie sind das reifste und beste Team des Turniers, auch wenn ich die Belgier persönlich noch etwas spannender fand und den Hut davor ziehe, wie viele gute Spieler dieses kleine Land hervorbringt. Seit der EM 1980, als wir sie im EM-Finale geschlagen haben, hat Belgien wieder eine goldene Generation. Aber zum Titel fehlt ein kleines, aber entscheidendes Stück Abgeklärtheit. Jenes Finale 1980 habe ich übrigens ohne das Wissen unserer Teamärzte mit einer gebrochenen Mittelhand gespielt. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, wegen der Schmerzen auf ein EM-Finale zu verzichten.

In den Gesichtern der Kroaten habe ich Bessesenheit erkannt

Als ich am Mittwochabend in der Verlängerung in die Gesichter der Kroaten geschaut habe, habe ich genau diese Besessenheit erkannt. Sie haben mehr an sich geglaubt und mehr riskiert – und deshalb steht dieses kleine Land verdient im Finale. Trotzdem tut es mir ein bisschen um die Engländer leid. Nicht nur, weil sie über eine talentierte junge Mannschaft verfügen, sondern weil sie das Thema professionelle Vorbereitung auf ein Turnier noch einmal auf ein neues Niveau gehoben haben. Ecken, Freistöße, Elfmeterschießen waren auf eine Weise vorbereitet und einstudiert, wie ich persönlich das noch nie bei einem Nationalteam gesehen habe. Allerdings fehlten im entscheidenden Moment dann doch die Idee und der Schwung, aus dem Spiel heraus gefährlich zu werden. Englands Weg ist mit diesem Team aber sicher nicht zu Ende, und ich glaube, dass sie das Potenzial haben, in einem der nächsten Turniere einen großen Titel zu holen.

Wir hätten gerne getauscht

Ein Halbfinale ist dennoch aller Ehren wert. Wir hätten gern getauscht. Ob wir Deutschen kurzfristig wieder ganz vorne landen können, da bin ich mir leider noch nicht sicher. Mir macht neben der sportlichen Herausforderung das Thema Stimmung und Mentalität ein wenig Sorgen. Man soll sich ja nicht selbst zitieren, aber es sei mir in meinem Alter ausnahmsweise erlaubt: Ich habe schon vor Wochen in einer Talkshow gesagt, dass mir in der Debatte um Özil und Gündogan ein wenig die Bereitschaft fehlt, sich mal in die beiden Jungs hineinzuversetzen – abgesehen davon, dass das Foto mit Erdogan ein großer Fehler war. Ich habe drei Jahre in der Türkei gespielt und weiß daher, wie riesengroß für diese Spieler der innere Konflikt sein muss, wenn sie auf der einen Seite für Deutschland spielen und auf der anderen Seite die Verwandtschaft in der Türkei lebt. Wenn dann der türkische Präsident ein Selfie anfragt, können sie eigentlich nur verlieren. Ich hätte erwartet, dass Nationalspieler wie die beiden – mit Unterstützung des Verbandes – den Mumm haben, zu diesem Konflikt offen zu stehen und ihre Beweggründe klar auszudrücken.

DFB macht Özil und Gündogan zu Sündenböcken

Stattdessen gab es verschwurbelte Erklärungen oder Schweigen. Und nach dem Turnier fällt der Verband den Jungs, denen er vorher alles durchgehen ließ, noch in den Rücken und macht sie damit zu Sündenböcken für das frühe Ausscheiden. Ich habe mein Buch „Anpfiff“ 1987 auch deshalb geschrieben, weil ich fest davon überzeugt bin, dass Duckmäusertum und Unehrlichkeit nie zum Ziel führen, gerade im Leistungssport. Die Andeutung von Oliver Bierhoff, man habe Özil lieber gar nichts sagen lassen, weil er das, was alle von ihm erwartet haben, nämlich eine Entschuldigung, nicht liefern wollte, finde ich bezeichnend und traurig. Für mich heißt das: Gestandene Spieler haben im Jahr 2018 nicht den Mut, Haltung zu zeigen. Oder wir haben wieder ein gesellschaftliches Klima, das diesen Mut unmöglich macht. Beides ist bedenklich. Und beides muss sich ändern, wenn wir wieder erfolgreicher Fußball spielen und, was viel wichtiger ist, in diesem Land fair miteinander umgehen wollen.