WM-Euphorie auf russisch Russland entdeckt den Fußball und hofft auf den großen Coup

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Langsam kommt Fußball-Stimmung auf: Nach den Erfolgen in den ersten beiden Partien feiern die Russen mit auf den Fanmeilen, in den Stadien und sogar mit kleinen Autokorsos. Foto: dpaLangsam kommt Fußball-Stimmung auf: Nach den Erfolgen in den ersten beiden Partien feiern die Russen mit auf den Fanmeilen, in den Stadien und sogar mit kleinen Autokorsos. Foto: dpa

Moskau. Sie haben schüchtern beobachtet, dann erstaunt gejubelt und fiebern nun der Antwort auf die Frage entgegen, ob gegen Spanien die Sensation gelingen kann: Russlands Menschen leben gerade eine unschuldig-sympathische WM-Euphorie – befördert von einer TV-Station des Landes.

Die Erkenntnis, dass ihr Team tatsächlich konkurrenzfähig ist bei der WM, erfasste viele Russen erst vor elf Tagen: Der 3:1-Sieg gegen Ägypten trieb sie aus ihren Wohnblöcken etwa im Süden Moskaus auf die Straße. Fröhlich lachend umarmten sie bekannte Nachbarn und unbekannte Passanten zur Feier des Achtelfinal-Einzugs ihrer Elf, den sie nach Testspiel-Enttäuschungen des in der FIFA-Weltrangliste so tief notierten Teams nie für möglich gehalten hatten.

Es ist eine echte, aufrichtige Freude, die aus den Menschen flutet: Abseits des wellenartig auch in den Stadien zu vernehmenden „Rossiya, Rossiya“ gibt es keine übertriebenen Schlachtgesänge, kein Lächerlich-Machen unterlegener und ausgeschiedener Teams. Schon beim 5:0 zum Auftakt gegen Saudi-Arabien hatte man im Stadion das Gefühl, dass die Russen gar nicht wussten, wie sie ihre Freude hinausschreien und zelebrieren sollen.

Abendspiel meist ohne Rahmenprogramm

Vielleicht ist das ein Stück weit normal in einem Land, das öffentliche Massenaufläufe von Menschen normalerweise strikt reglementiert oder unterbindet – und Veranstaltungen wie große Fanfeste nicht kennt. In dem große, oft staatlich gelenkte Zeitungen meist weiter mit Köpfen wichtiger Politiker und kaum mit erfolgreichen Fußballern im Bild auf der Titelseite aufmachen. In dem der TV-Sender „Rossiya 1“ über die WM eher zurückhaltend berichtet: Ein Abendspiel läuft dort meist ohne großes Rahmenprogramm, zwischen russischen Spielfilmen.

Aber es gibt sie auch in Russlands TV, die schrille, bunte Fußballwelt: beim beliebten Sportkanal „Match!“. Hier vergeht zwischen den Liveübertragungen fast aller Spiele kaum eine Sekunde, ehe man erneut die geballte Faust des russischen Trainers Stanislav Tschertschessov einspielt, die er beim Ägypten-Spiel gezeigt hat. Danach laufen die Treffer von Artem Dzyuba mitsamt Salutieren beim Jubel in Endlosschleife.

Männliche Helden werden inszeniert

Wer die von Filmmusik unterlegte Superzeitlupe seines Tores gegen Ägypten betrachtet, in der sich dieser Bär von einem Russen kraftvoll, geschmeidig und unaufhaltsam durch die Abwehrreihen wühlt, hat direkt das Bild des oberkörperfreien Putin im Kopf, wie er auf seinem Pferd durch die Wildnis reitet. Männliche Helden werden inszeniert – und die Party wird präsentiert, nicht nur, aber vor allem die weibliche Seite davon.

Das Standardbild: Jubelnde junge Russinnen, die das rote Trikot über dem flachen Bauch zusammengebunden haben und perfekt geschminkt sind mit rotem Lippenstift und blau-weißen Ergänzungstönen für die Flagge im Gesicht. Es ist die wildere, lautere, auch die internationalste Party, die von den Fanmeilen der großen Städte über die Bildschirme flimmert. Dort wird Stolz auf die eigenen Farben vermittelt – und Stolz darauf, dass in Russland die bunten Gäste in den anderen Trikots aus aller Welt mitfeiern.

Staatliche Erlaubnis ein bisschen zu eskalieren

Ehrlicherweise haben Letztere zu Turnierbeginn alles erst ins Rollen gebracht: Gerade die vielen Anhänger südamerikanischer Teams tanzten in Russland schon, als die Blicke der russischen Anhänger noch zwischen den fremden ausgelassenen Menschen und den bekannten, massiv präsenten, aber diesmal zurückhaltend agierenden eigenen Sicherheitskräften hin- und herwanderten. Die Russen mussten offenbar erst lernen, dass sie zur WM auch von staatlicher Seite die Erlaubnis haben, ein wenig eskalieren zu dürfen. Um das nun zu transportieren, muss Match TV nur vor die Haustür: Vor dem Eingang des Fanfestes haben sie ihr Fernsehstudio in einem gläsernen Fußball errichtet – und die Kameras darin sind so ausgerichtet, dass im Hintergrund stets das Luschniki-Stadion unten im Tal zu sehen ist. Mittendrin statt nur dabei im Epizentrum der WM 2018.

Aber dieses hat – zumindest was die Euphorie für die eigene Elf betrifft – längst ausgestrahlt an die Peripherie, selbst in kleine Städte wie Twer, 170 Kilometer nördlich von Moskau. Hier steigt kein WM-Spiel – es herrscht russischer Alltag. Tonnenschwere Straßenbahnen rattern über alte Gleise, viel weniger Menschen als in Moskau bewegen sich viel langsamer als dort über den Boulevard in der breiten Fußgängerzone. Bunte WM-Trikots aus aller Herren Länder? Fehlanzeige.

Ein kleiner Autokorso

Als am Abend die Engländer spielen, sitzen 20 Einheimische vereinzelt an Tischen auf dem Platz vor der Public-Viewing-Leinwand am Businesstower – in dessen oberstem Stockwerk Stadtduma-Abgeordnete zeitgleich ihrem massigen Körper ein Festessen und viel hochprozentigen Alkohol zuführen. Tags darauf, als die Russen spielen, ist der Platz voll, der Jubel Tausender in roten Trikots aus Twer über den Achtelfinal-Einzug ist groß – und es gibt einen kleinen Autokorso.

„Die meisten von uns schauen die Spiele zu Hause im TV“, bringt Roman Uljanov dennoch die Vorherrschaft des Privaten und Familiären in Russland auf den Punkt – die auch beim Thema WM gilt. Der Vorsitzende des Fußballkreises in Twer leitete zuletzt viele auch in Deutschland bekannte Schritte ein, um den Sport bei steigenden Alltags-Herausforderungen für alle zu ermöglichen: Flexibilisierung des Spielbetriebs, Etablierung von Spielformen acht gegen acht. Jetzt hofft er auf den WM-Effekt: Gerade der Nachwuchs der fast 150 Millionen Russen soll sich angesichts der Spiele der Megastars vor der eigenen Haustür noch mehr für Fußball anstatt für Eishockey begeistern und aktiv werden.

Ist am Sonntag Schluss?

In den großen Fanzonen, auch auf dem Roten Platz in Moskau, sieht man: Es könnte sich was tun. Die kleinen Soccer-Courts zum Selbst-Kicken sind belegt, die Plätze vor den Bildschirmen gefüllt – auch wenn Russland nicht spielt. Dennoch treibt die Euphorie der Gastgeber klar die Stimmung beim Turnier an.

Ob damit am Sonntag Schluss ist nach dem Achtelfinale gegen die Spanier? Fast alle Russen, die man an der Supermarkt-Kasse oder in der Metro trifft, gehen davon aus. Es ist eine Taktik, die sich zuletzt bewährt hat.


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