Kein afrikanisches Team übersteht die Vorrunde Afrikas Fußball holt auf, aber kommt nicht voran

Von Daniel Theweleit

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Moskau. Erstmals seit 1982 übersteht kein afrikanisches Team die Vorrunde. Dabei haben Senegal, Marokko und Tunesien durchaus nicht enttäuscht. Doch die Kluft zu den großen Fußball-Nationen ist zu groß.

Auf tragische Weise passte der finale Moment zum Schicksal, dem Afrika einfach nicht zu entkommen scheint. Vielen Bewohnern dieses Kontinents fällt es auf ganz unterschiedlichen Ebenen schwer, ihr Glück zu finden, nun ist Afrika nicht einmal mehr im Achtelfinale der WM vertreten. Zum ersten Mal seit 1982.

Zwei gelbe Karten zuviel für den Senegal

Eliminiert durch die knappste Entscheidung aller Vorrundengruppen, die es je gab: Punkt- und torgleich mit Japan beendete der Senegal das Turnier, das direkte Duell endete unentschieden, also griff die Fair-Play-Wertung, und das Team um den Star Sadio Mané hat im Turnierverlauf zwei gelbe Karten mehr gesehen als die Japaner.

WM in Russland lief besser als viele andere Turniere

Die K.o.-Phase wird also ohne Team vom Schwarzen Kontinent stattfinden, „sehr schade“, sei das, sagt Gernot Rohr, der deutsche Trainer Nigerias, dessen Mannschaft durch einen Treffer kurz vor dem Abpfiff gegen Argentinien ausschied. Gerade bei diesem Turnier ist diese enttäuschende Bilanz erstaunlich, denn für Afrika war es eine WM, die besser lief als frühere Turniere.

Keine Chaos-Meldungen wie 2014 in Brasilien

Vor vier Jahren in Brasilien bestreikten die ghanaischen Spieler Trainingseinheiten, weil Prämien nicht ausbezahlt wurden; per Flugzeug wurden drei Millionen Dollar herangeschafft, bevor es weiter ging. Die von Volker Finke trainierten Kameruner kamen wegen eines Prämienstreites verspätet in Brasilien an und litten unter schweren internen Konflikten, die in Handgreiflichkeiten auf dem Platz gipfelten.

Kein Prämienstreit und gute Organisation

Es gibt viele solcher Geschichten, auf dieser Ebene habe sich jedoch einiges zum Positiven entwickelt, sagt Nigerias Kapitän John Obi Mikel. „Die Organisation war so gut wie nie, seit ich im Nationalteam bin“, sagt der Routinier, unter dessen Führung die Mannschaft eine Vereinbarung mit dem Verband ausgehandelt hat, in der festgelegt war, wie die Prämien ausgezahlt werden.

„Außerdem reisen wir jetzt mit guten Flugzeugen, das war früher anders, es wird viel mehr auf die Sicherheit der Spieler geachtet. Auch die Freundschaftsspiele waren sehr gut organisiert“, berichtet der langjährige Mittelfeldspieler vom FC Chelsea, der bei Tianjin Teda in China spielt.

Tunesien feierte den ersten Sieg nach 40 Jahren

Und die Leistungen auf dem Platz waren ordentlich. Marokko spielte einen sehenswerten Offensivfußball, doch dem Team fehlte ein Torjäger, der die Chancen verwertet hätte. Ägypten erholt sich gerade von den Wirren des arabischen Frühlings, brachte mit Mohamed Salah einen der besten Spieler der Welt mit, der aber noch an den Folgen einer Verletzung laborierte.

Und Tunesien bejubelte den ersten WM-Sieg nach 40 Jahren gegen Panama wie einen Triumph, gegen England hatten sie erst in der Nachspielzeit das 1:2 kassiert. Senegal besiegte Polen, Nigeria bezwang Island, nicht einmal das sonst bei afrikanischen Teams regelmäßig auftretende Torwartproblem war von Relevanz. „Der Abstand zu den großen Nationen ist kleiner geworden“, bilanziert Senegals Cissè.

Wie ein Oberligist gegen einen Champions League-Club

Wobei sich diese These kontrovers diskutieren lässt. Denn wenn man Fortschritte, wie die Verwendung sicherer Flugzeuge oder die zuverlässige Auszahlung versprochener Prämien dem gigantischen Aufwand gegenüberstellt, den die großen Nationen mit ihren hochgerüsteten Jugendinternaten, mit ihren Armeen von Spielanalysten, Fitnesstrainern und Ärzten betreiben, ist das immer noch, als würden sich Oberligisten mit Champions League-Clubs messen.

„Das Gefälle ist noch größer geworden“

„Das Gefälle ist noch größer geworden“, sagt Peter Odemwingie, der bei den 2010 und 2014 für Nigeria spielte. Den Hauptgrund sieht er in der Ausbildung der Trainer. Talente die in Ghana, Nigeria, Kamerun, Tunesien oder Algerien aufwachsen, begegnen oft erst mit 14, 15 oder noch später modern arbeitenden Fußballlehrern. Europäische Trainer „verlassen sich nicht nur auf das Talent der Spieler, sie arbeiten viel stärker an taktischen Details“, erläutert der ehemalige Angreifer.

Ramadan endete erst am Abend des Eröffnungsspiels

In diesem Turnier kam ein Problem hinzu, dessen Bedeutung unterschätzt wird. Alle fünf afrikanischen WM-Teams stammen aus mehrheitlich muslimischen Nationen, und der Ramadan endete erst am Abend des Eröffnungsspiels. Während der Vorbereitung haben viele Spieler nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang getrunken und gegessen, „das war ein schlechter Faktor“, sagt das ägyptische FIFA-Council-Mitglied Hany Abo Rida. Und tatsächlich haben die Ägypter, die Marokkaner und die Tunesier ihre Chancen auf das Achtelfinale durch späte Gegentore ihrer Auftaktpartien ganz kurz nach dem Ende des Ramadan geschmälert.


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