Erinnerung an EM-Blamagen Nach WM-Aus: Folgt jetzt der nächste Umbruch?

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Entäuschte Gesichter: Oliver Kahn, Lothar Matthäus und Jens Nowotny nach dem EM-Aus 2000. Foto: imago/BaumannEntäuschte Gesichter: Oliver Kahn, Lothar Matthäus und Jens Nowotny nach dem EM-Aus 2000. Foto: imago/Baumann 

Kasan. Letzter in einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea: Das WM-Desaster der Nationalelf weckt Erinnerungen an die EM-Blamagen von 2000 und 2004. Damals gab es nach katastrophalem Scheitern in der Vorrunde stets tief greifende Veränderungen. Aktuell sind diese nicht zu erwarten.

Rückblende: Im Jahr 2000 schied ein zerstrittener Haufen unter Trainer Erich Ribbeck mit Rumpelfußball nach Pleiten gegen England und Portugals B-Elf (0:3) aus. Der 39-jährige Lothar Matthäus stand als verkappter Libero in jeder Startelf, Mehmet Scholl schoss das einzige Tor. Es übernahm Rudi Völler, der einen Umbruch startete und bei der WM 2002 dank Torwart-Titan Oliver Kahn und aufstrebender Talente Vizemeister wurde.

2004 folgte ein erneuter Tiefpunkt: ein 0:0 gegen Fußballzwerg Lettland, das Aus bei der EM nach dem 1:2 gegen Tschechiens B-Elf. Miroslav Klose war nicht fit, die 19-jährigen Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger wie Philipp Lahm (damals 21) noch nicht stabil – wie Michael Ballack oder Bernd Schneider. Alle wurden später Protagonisten des Sommermärchens 2006, das Jürgen Klinsmann und Joachim Löw als Trainer prägten.

Seither immer mindestens im Halbfinale

Seither hat Deutschland bei großen Turnieren immer mindestens das Halbfinale erreicht – und einen neuen Spielstil entwickelt: Weniger fokussiert auf Kraft und Zweikampfarbeit, viel mehr auf Ballbesitz, technisch gepflegtes Kurzpasspiel und Kombinationsfußball. Diese Philosophie ist nun erstmals gescheitert. Auch, weil die vor allem vor 2006 als deutsche Stärke gepriesenen Tugenden – Kraft, Durchsetzungsvermögen – diesmal nicht zu sehen waren.

Die Gründe dafür liegen in zwei Bereichen, die eine unterschiedlich große Rolle spielen. Klar muss sich der Fitnesstrainer-Stab der Nationalelf die Frage gefallen lassen, warum es bei den Spielen in Russland so wirkte, als würden die Deutschen neben ihrem Eigengewicht Bleiwesten über den Rasen schleppen. Eine lange Saison hat körperlich ihre Spuren hinterlassen – aber nicht nur beim DFB-Team.

Größer war der Rucksack im mentalen Bereich bei Fußballern, die bis auf die Ausnahme Toni Kroos nach eher enttäuschend verlaufenden Spielzeiten zur Nationalelf stießen. Trotzdem musste Deutschland die Bürde des Favoriten schultern: der Druck, die Welt-Leistung von 2014 bestätigen zu müssen. Weil aber bei einigen die Bereitschaft fehlte, dafür genauso über die Schmerzgrenze zu gehen wie damals, wirkte das deutsche Spiel so langsam und schwerfällig. Vor allem, als spätestens ab der 60. Minute gegen Südkorea zusätzlich die Angst vor dem Scheitern die Beine lähmte.

Zu viele Änderungen

Warum Deutschland aber nach dem Schweden-Spiel – ein für die Moral so wichtiger Comeback-Sieg, erzwungen in letzter Minute nach einer Energieleistung – gegen den schwächsten Gruppengegner Südkorea derart verschlafen und risikoarm in die Partie startete, bleibt unverständlich. Wer angibt, einen Gegner müde spielen zu wollen, sollte mehr in Laufwege und Sprints investieren als die erneut auf fünf Positionen umgebaute deutsche Elf.

Mit seinen taktischen und personellen Maßnahmen lagBundestrainer Löw zumindest hier falsch: nicht nur wegen des Totalausfalls Leon Goretzka oder der schwach agierenden Comebacker Mesut Özil und Sami Khedira. Die vielen Rochaden – 20 eingesetzte Fußballer in drei Spielen – haben zur allgemeinen Verunsicherung beigetragen: Dafür steht der indisponierte Auftritt des freilich auch zuvor wenig überzeugenden Thomas Müller als Einwechselspieler.

Werner kommt lieber aus der Tiefe

Mehr aber noch verwunderte, dass eine Erkenntnis aus den ersten zwei Spielen ignoriert wurde: Timo Werner funktioniert bei Ballbesitz-Fußball als alleinige Spitze nicht, weil er seine Schnelligkeit kaum einsetzen kann– auch bei RB Leipzig kommt er lieber aus der Tiefe. Zudem ist er bei hohen Bällen keine Option. So sah man deutsche Flügelspieler, waren sie mal über die Seiten durchgebrochen, vor dem Flankenversuch oft abstoppen und wertvolle Zeit verlieren bei der verzweifelten Suche nach einem Zielspieler im Zentrum.

Hier lohnt der Blick auf die in ähnlichem Stil agierenden Spanier, die inzwischen mit Diego Costa (1,86 Meter, 87 Kilogramm) auf einen für ihre Verhältnisse echten Brecher setzen, um vorn Durchschlagskraft zu generieren. So wie es Deutschland in der zweiten Halbzeit gegen Schweden mit Werner auf dem Flügel und mit Gomez im Zentrum gemacht hat. Das hätte von Beginn an gegen kleine Südkoreaner der Schlüssel sein können – nicht erst ab der 60. Minute, als längst die Angst die Beine lähmte.

Konsequenzen wie 2000 Ribbeck oder 2004 Völler muss Löw angesichts seiner Verdienste in den zwölf Jahren im Amt dennoch nicht fürchten. Ebenso ist kein personeller Radikalumbau der Nationalelfzu erwarten: Rücktritte sind keine bekannt, angesichts des Alters der meisten Protagonisten – nur Gomez dürfte mit seinen bald 33 Jahren als ältester Spieler des WM-Kaders 2020 keine Option mehr sein – ist keine Welle in dieser Richtung absehbar..

Potenzial ist weiter da

Grundsätzliches Potenzial ist in der Mannschaft und in ihrem erweiterten Kreis weiter da. Maßgeblich für künftige Erfolge werden allerdings drei weitere Dinge sein.

Erstens die Entwicklung der Bundesligaspieler im internationalen Leistungsvergleich. Ein leichter Abwärtstrend war hier angesichts des mäßigen Abschneidens deutscher Clubs in Champions- und Europa League zuletzt erkennbar. Zweitens der weitere kontinuierliche Zufluss junger Fußballer mit Potenzial zur Weltklasse. Der Confed-Cup-Sieg vor einem Jahr sowie der EM-Titel der U21 stehen hier für Qualität, zuletzt ausbleibende Erfolge in den Nachwuchsteams darunter aber auch für Baustellen.

Und drittens: die Etablierung neuer Unterschiedsspieler im letzten Drittel des Spielfeldes, mit Zug zum Tor. Werner, Müller und später Reus funktionierten in Russland nicht – so ging diese Qualität der DFB-Elf ab. Bei den Bayern veredeln Franck Ribéry und Arjen Robben Zuspiele von Mats Hummels, bei Real Madrid Cristiano Ronaldo, Isco oder Gareth Bale jene von Toni Kroos.

Solche manchmal auch streitbaren Individualisten haben Deutschland spätestens nach der Nichtberücksichtigung von Leroy Sané gefehlt. Er darf sich als einziger Gewinner der WM bezeichnen.


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