Die Fussball-Kolumne Claudia Neumann, die Pöbler und ich

Von Udo Muras

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Umstritten und angefeindet: die ZDF-Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann, hier bei einem Bundesligaspiel in der Allianz-Arena. Foto: Witters/Valeria WittersUmstritten und angefeindet: die ZDF-Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann, hier bei einem Bundesligaspiel in der Allianz-Arena. Foto: Witters/Valeria Witters

Frankfurt. Die ZDF-Kommentatorin wird im Internet bepöbelt und beschimpft. Auf der anderen Seite formieren sich ihre Beschützer und verteidigen sie gegen die Angriffe. Unser Kolumnist respektiert die Kollegin – und zwar so sehr, dass er sie bei Bedarf kritisieren möchte.

Zu den erfreulichen Tatsachen dieser WM zählt das Ausbleiben Roter Karten. Wenn ich an früher denke: Da hatten Teams wie Uruguay oder Argentinien alleine schon so viele Platzverweise wie jetzt in Russland verhängt wurden. Stand jetzt sind es zwei!

Der Deutsche Sportbund tritt für Frau Neumann ein

Obwohl, gerade erhalte ich per E-Mail vom Deutschen Sportbund Kenntnis von einer dritten. Aber die kriegt kein Spieler, die kriegen ein paar Dutzend anonyme Pöbler im Netz. Es ist ein Versuch, die ZDF-Kommentatorin Claudia Neumann aus der Schusslinie zu nehmen.

„Die fachliche und journalistische Kompetenz der Fußball-Expertin Claudia Neumann ist unbestritten“, lässt uns der Verband wissen, und der Journalistinnenbund schließt sich dem Appell an, über dem steht: „Claudia Neumann nicht alleinelassen.“

„Wer beleidigt, sagt nur etwas über sich selbst“

Vor ein paar Tagen hat bereits ARD-Kollege Alexander Bommes darauf hingewiesen, dass wer andere beleidige „nur etwas über sich selbst sagt“. Ein kluger Satz, im Prinzip. Die Bild-Zeitung titelte dieser Tage gezielt gegen den Mainstream: „Weiter so, Claudia Neumann.“

Warum Claudia Neumann polarisiert

Ich finde, mit diesen gut gemeinten Versuchen machen es die lieben Kollegen nur noch schlimmer. Claudia Neumann polarisiert, wobei ich in meinem persönlichen Umfeld nur einen Pol kenne – sie wird abgelehnt. Nicht, weil sie eine Frau ist, was in der Tat kein Grund wäre. Doch ist nicht zu leugnen, dass sich Männer wohl etwas schwerer damit tun, wenn ihnen eine Frau ein Fußballspiel (von Männern) erklärt.

Was den Zuschauern an Claudia Neumann nicht gefällt

Aber selbst meine Mutter hat mir gesagt, sie schalte immer den Ton ab, wenn „die Schwätzerin“ dran sei. Schlimmer noch: Wenn Neumann kommentiert, bekomme ich SMS aus allen Regionen des Landes, unaufgefordert, wohlgemerkt. „Neumann unerträglich. Isso. Warum zur WM?“, schrieb mir ein Freund aus Hamburg. „Die redet permanent. Ätzend, mein Vater ist auch verzweifelt“, schrieb ein Kumpel aus Saarbrücken, der Vater lebt in Kassel. Und mein Bruder meldete aus Gießen an der Lahn, als ich mal nicht vor der Kiste saß: „Glückwunsch, dass Du gerade die Neumann verpasst.“

Schräge Sprachbilder sind schlimm

Keiner dieser Menschen ist mir als Macho bekannt, sie lieben alle nur Fußball, und die WM ist das hohe Fest dieses Spiels. Und wer sich auf dieser Bühne präsentiert, muss auch mit Kritik leben. An Neumann tadele ich keineswegs ihre Kompetenz, ich würde sicher auch mal einen Japaner verwechseln. Es ist ihre Art zu kommentieren, es sind ihre schrägen Sprachbilder. Einen Satz habe ich mir eigens notiert. Er fiel am Donnerstag, als sie über einen Dänen sagte: „Wenn er die Lücke spürt, lässt er keine Sekunde außer Acht.“ Ah ja. Darauf muss man erst mal kommen.

Während ich meinem S-Bahn-Fahrer die heutige Durchsage „Ihre Weiterfahrt verzögert sich in Kürze“ nicht allzu lange verübelt habe, will ich von einer ZDF-Reporterin richtiges Deutsch hören. Und vielleicht mehr Emotion, auch mal eine Kunstpause, wie sie sie der legendäre Rolf Kramer zur Perfektion erhoben hat.

Manche Kritik im Netz ist keine Kritik, sondern nur Pöbelei

Nun gibt es sicher auch andere Meinungen, und den Kommentator, der es allen recht macht, wenn es um die heilige Kuh Fußball geht, den will ich gern mal kennenlernen. Die Debatte um Frau Neumann hat sicher auch deshalb so an Fahrt aufgenommen, weil sich in der Internetzeit Stil und Umfang in der Disziplin des Kritikübens gewaltig verändert haben, und das nicht unbedingt zum Vorteil für die Menschheit. Jeder hat heute sein eigenes Medium und macht auf Journalist, auch ohne Kenntnis journalistischer Grundregeln. Von Anstandsregeln ganz zu schweigen.

Frauen am Mikro müssen sich denselben Maßstäben stellen wie Männer

Von daher ist es richtig, auf deren Einhaltung bis zum Weltuntergang zu bestehen. Aber wenn Frauen am Fußballmikrofon respektiert werden wollen, müssen sie sich denselben Maßstäben stellen wie Männer. Das sollten sie auch beim ZDF tun und die heftigen Reaktionen nicht als gegenstandslos abtun. Wenn Frauen respektiert werden wollen, dann darf man sie nicht unter Artenschutz stellen.

…und das ist der eigentliche Sinn von Kritik

Ich respektiere Frau Neumann so sehr, dass ich sie gefälligst kritisieren dürfen möchte. Nicht nur, damit es mir danach besser geht, sondern auch, damit die nette Frau Neumann vielleicht auch besser wird. Das ist der eigentliche Sinn von Kritik.


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