Debatte vor Freistoß mit Reus Toni Kroos und der magische Moment von Sotschi

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Jubelt: Toni Kroos nach seinem Last-minute-Treffer. Foto: dpaJubelt: Toni Kroos nach seinem Last-minute-Treffer. Foto: dpa

Sotschi „Do or die“, jetzt oder nie, liefern oder ausscheiden. Das zweite Gruppenspiel der Nationalelf gegen Schweden stand unter diesem Motto. Die letzte Minute der Nachspielzeit erst recht, als sich Toni Kroos den Ball zum Freistoß hinlegte. Es folgte der magische Moment, der alles veränderte.

Es dauerte nicht lange, bis der Ball nach dem Verlassen des rechten Fußes des 28-Jährigen die gekrümmte Flugkurve überwunden hatte und hinten oben im langen Eck des schwedischen Tores eingeschlagen war. Eineinhalb, vielleicht zwei Sekunden. Im Stadion erlebten die deutschen Fans diese letzte Offensivreise des Balles aus deutscher Sicht aber länger – und intensiver.

So gut wie ausgeschieden

Deutschland war schon so gut wie ausgeschieden: Kaum einer glaubte noch an das Siegtor zum 2:1. Waren zuvor doch Mario Gomez und Julian Brandt gescheitert, schien das schwedische Tor wie vernagelt von den riesigen Abwehrspielern, die sich auch vor dieser letzten Aktion in der Mitte aufbauten. In Erwartung einer letzten Hereingabe aus diesem Winkel seitlich des Strafraums, der sich eigentlich nur zum Torschuss eignet, wenn man den Ball perfekt trifft.

Hat der Torwart eine Chance?

Kroos traf ihn perfekt. Schon in diesem Moment realisierte der kundige Fan auf der Tribüne: Der fliegt durch, geht über die Köpfe der Verteidiger, passt genau hinten rein. Hat der Torwart eine Chance? Nein. Drin. Eine halbe Sekunde ungläubige Stille, dann der Jubelsturm aus der deutschen Ecke der Arena. Ein Orkan, der sich den ganzen Tag schon angesichts der schwülen Gewitterstimmung in Sotschi aufgebaut hatte. Nun entlud er sich, wie auch das Wetter. Schweden wurde empfindlich getroffen von Regen, Blitz und Donner, Deutschland zog für seine Akkus neue Energie.

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Plötzlich war aus einem sieglosen und wenig effektiven WM-Auftritt 2018 mit dem am dunklen Horizont heraufziehenden Aus ein verdienter Sieg nach einer starken zweiten Halbzeit geworden. Und plötzlich hatte sich Kroos vom erfolglosen Regisseur, der zu wenig aus unglaublichen 145 Ballkontakten gemacht hatte, zum Kopf der Elf gewandelt, der die Dinge selbst in die Hand nimmt.

Debatte mit Reus

„Marco wollte erst direkt schießen“, beschrieb der Mittelfeldspieler von Real Madrid die Debatte mit Mitspieler Reus vor der Ausführung des Freistoßes. Und ergänzte: „Ich hab ihm gesagt: Da bin ich nicht überzeugt von. Dann haben wir uns für diesen Weg entschieden.“ Ein indirekter Weg: Reus stoppte für Kroos den Ball an, bevor dieser fast aus dem Stand den verbesserten Winkel nutzte.

Dirigieren klappte nicht gut

Nun war Kroos schon zuvor Taktgeber des deutschen Spiels gewesen. Nur das Dirigieren klappte nicht gut. Zu oft verschleppte er – wie viele Mitspieler – das Tempo, wo offensiv geprägtere Zuspiele möglich gewesen wären, sodass der Passempfänger keinen Raumgewinn erzielen konnte. Drei krasse Fehlpässe leistete sich der gebürtige Greifswalder im Zentrum, einer leitete das 0:1 ein. „Das Tor geht auf meine Kappe. Aber wenn man 400 Ballkontakte hat, sind mal zwei Fehlpässe dabei“, kommentierte Kroos das als Berufsrisiko. Es gebe zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: „Entweder: Der Fehler macht dein Spiel kaputt. Oder: Du versuchst, weiter anzutreiben. Das habe ich nach der Pause versucht.“

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Am Ende hat vor allem seine individuelle Klasse den Unterschied gemacht. Und das nach drei Champions-League-Titeln mit Real Madrid in Serie riesige Selbstvertrauen, trotz eines zuvor keinesfalls überdurchschnittlichen Auftritts den Sieg im eigenen Fuß zu haben. Das rief er ab, als es darauf ankam. Vielleicht ein entscheidender Moment für die Nationalelf im weiteren Turnierverlauf.

Kroos nutzt die Gunst der Stunde

Weil Kroos weiß, dass dort weitere Herausforderungen warten, nutzte er nach dem Spiel die Gunst der Stunde. Und richtete das Wort an Vertreter der Boulevardmedien und sogenannte Experten. Von ihnen habe er den Eindruck, der Erfolg werde ihm und dem Team nicht gegönnt. Klar müssten er und die Mitspieler selbst auf dem Platz die Dinge regeln, so Kroos. Aber: „Alle, die unsere Körpersprache und so kritisieren, helfen uns nicht.“

Kroos hat mit dem magischen Moment Körpersprache demonstriert. Und er hat erstmals bei der WM dafür gesorgt, dass die Kritik an der Nationalelf geringer geworden ist als am Tag zuvor.


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