Ein Bild von Harald Pistorius
23.06.2018, 09:00 Uhr KOLUMNE

Was wir eigentlich schreiben wollten und warum hier was anderes steht

Von Harald Pistorius

Symbolfoto: imago/EibnerSymbolfoto: imago/Eibner

Wir können uns das Szenario ja mal ausmalen: Mexiko spielt heute am frühen Abend unentschieden – sagen wir 0:0 – gegen Südkorea. Und danach, zur besten Sendezeit vor 25 Millionen TV-Zuschauern, verliert die deutsche Mannschaft gegen Schweden…

Dann wäre Deutschland raus, der Titelverteidiger gescheitert. Das letzte Spiel am Mittwoch gegen Südkorea wäre nur noch ein besseres Freundschaftsspiel. Was wird mit dem Bundestrainer? Wer von den Spielern tritt zurück – und wer tritt nach? Wer interessiert sich noch für die Flüchtlingsdebatte oder für die Wahlen in der Türkei?

Kanzlerinnen-Dämmerung– wer fragt noch danach, wenn es heute um den Bundestrainer dunkel wird? Also: Nehmen wir doch einfach mal vorweg, was wir – im Fall der Fälle – in den Talkshows, die dieses Land regieren, so an hysterischem Geschrei zu hören bekommen…

Stopp! Halt!

So ähnlich hatten wir es uns in der Sportredaktion überlegt. Nicht aus tiefer Überzeugung, aber im Bemühen, unseren Lesern etwas Interessantes zu bieten. Machen wir aber nicht. Warum nicht?

Erstens: Wir wollen Ihnen nicht den Tag verderben. Sie freuen sich auf einen spannenden, erfolgreichen Fußball-Abend – wer will denn da zum Frühstück lesen, was alles schiefgehen kann?

Zweitens: Wenn es denn tatsächlich nicht klappt, bleibt noch Zeit genug, sich zu ärgern. Dabei werden wir Ihnen dann in gewohnter Qualität helfen. Schließlich haben wir alle – Sie und wir – es ja vorher gewusst, zumindest geahnt… irgendwie.

Und drittens: Es passiert ja nicht. Kann ja gar nicht. Völlig ausgeschlossen. Sehen Sie doch auch so, oder?

Wenn Sie heute im Lauf des Tages auf ein paar notorische Zweifler und typische Nörgler treffen, hier ein paar Argumente:

  • Deutschland ist bei einer Weltmeisterschaft noch nie in einer Vorrunde ausgeschieden. Noch nie: 1954, 1958, 1962, 1966, 1970, 1974, 1978, 1982, 1986, 1990, 1994, 1998, 2002, 2006, 2010 und 2014 – nicht ein einziges Mal. (Bei Europameisterschaften schon, aber das behalten wir jetzt mal für uns).
  • Gegen Schweden haben wir nur eins von elf Pflichtspielen verloren, und das ist so lange her, das es uns nicht mehr belastet. Und in Sotschi hat Deutschland sowieso noch nie verloren.
  • Außerdem: Unser Bundestrainer weiß, was zu tun ist. Unter Joachim Löw hatten wir bis zum letzten Sonntag zwar noch nie das erste Vorrundenspiel verloren, standen aber einige Male unter Druck, weil Jogis Jünger gern im zweiten Gruppenspiel patzten. Aber das haben sie wieder hingebogen.

Wir sagen nur:

EM 2008, Ballack jagt den Ball unters österreichische Dach. 1:0, dem Druck Stand gehalten nach dem 1:2 gegen Kroatien.

Oder: 2010, WM in Südafrika. Nach dem 0:1 gegen Serbien musste gegen Ghana mindestens ein Punkt her. Einer? Özil, unser Mesut, erzielt das 1:0. Erster!

Und 2014: Nur ein 2:2 gegen Ghana, da musste gegen die USA (mit Klinsi) ein Punkt her. Wieder ein Dreier, Thomas Müller. Und 2016 mussten wir nach dem 0:0 gegen Polen auf der Hut sein vor Nordirland – Gomez.

Haben Sie jetzt auch gerade diesen süßen Geruch eines 1:0-Sieges in der Nase? Da können Sie mal sehen, was die gute, alte Zeitung immer noch so auf die Reihe bringt.

So, jetzt noch schnell den Kollegen Benjamin Kraus antexten, dass er schon mal vorab einen Kommentar schreibt, den wir schnell online stellen können. Titel: „Deutschland nach dem Aus“.

Man weiß ja nie. Aber bitte nicht weitersagen. Wir sind uns einig: Kann nicht passieren. Darf nicht passieren. Wird nicht passieren.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN