WM-Stichtag: Vor 64 Jahren am 23. Juni Italien tappt in die eigene Falle – 1:4 gegen die Schweiz

Von Hans-Joachim Kaspers

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Unter Druck: Der italienische Torwart Viola wurde im Entscheidungsspiel 1954 von der Schweiz in Basel viermal bezwungen. Foto: imago/RDBUnter Druck: Der italienische Torwart Viola wurde im Entscheidungsspiel 1954 von der Schweiz in Basel viermal bezwungen. Foto: imago/RDB

Osnabrück. Der Außenseiter schlägt zu: 1954 kämpfte sich Gastgeber Schweiz den Weg in die K.o.-Runde frei durch einen Sieg, der bis heute als einer der größten Erfolge in der Verbandsgeschichte gilt.

An diesem wunderschönen Juni-Abend ist die Sperrstunde in Basel aufgehoben: Tausende Schweizer ziehen singend und jubelnd durch die Straßen. Die „Nati“ des Gastgebers hat gerade für die erste Sensation der WM gesorgt und Italien, den Weltmeister von 1934 und 1938, der durchaus den Status eines Mitfavoriten genoss, mit einem 4:1-Erfolg aus dem Turnier geworfen – im Entscheidungsspiel um den zweiten Platz in der Gruppe 4.

Ein seltsamer Modus führt zu Entscheidungsspielen

Es ist ein seltsamer Modus, nach dem die fünften Titelkämpfe in der Geschichte des Fußballs ausgetragen werden. In Vierergruppen bestreiten die Mannschaften jeweils nur zwei Partien, bei Punktgleichheit kommt es zu Entscheidungsspielen.

Italiens Trainer hat dieselbe Idee wie Sepp Herberger

Ein Umstand, den sich das deutsche Team zunutze macht: Bundestrainer Herberger lässt gegen Ungarn eine B-Elf auflaufen, die prompt mit 3:8 verliert. Der „Chef“ konzentriert sich ganz auf die Partien gegen die Türkei, die zweimal sicher mit 4:1 und 7:2 geschlagen wird.

Kapitän Boniperti wird geschont

Italiens Trainer Lajos Czeizler hat Ähnliches im Sinn: Sein Blick ist schon aufs Viertelfinale gerichtet, er schont im K.o.-Spiel gegen die Schweiz unter anderem seinen Kapitän Giampiero Boniperti, einen Torjäger erster Güte, der später als Präsident von Juventus Turin die goldene Ära der „Alten Dame“ einleiten wird. Eine seltsame Taktik, hat die Squadra Azzura doch schon das erste Spiel gegen die Eidgenossen mit 1:2 verloren.

Der „Rappan-Riegel“ hält, die Schweiz siegt 4:1

So kommt es, wie es kommen muss: Die ihrer besten Angriffswaffe beraubten Italiener beißen sich am Schweizer Defensivsystem, das nach ihrem Nationaltrainer auch „Rappan-Riegel“ genannt wird, die Zähne aus und gehen vor 28500 Zuschauern mit 1:4 unter.

Beginn einer Krise des italienischen Fußballs

Daheim ist die Entrüstung groß: Die Nationalmannschaft müsse „vom technischen und moralischen Standpunkt aus saniert werden“, schreibt die Gazzetta dello Sport. Prompt leitet der Verband einen Neuaufbau an, der aber sehr holprig verläuft: Vier Jahre später qualifiziert sich Italien noch nicht einmal für die Weltmeisterschaft in Schweden.

Die Schweizer genießen den großen Sieg

Die Schweizer genießen derweil den Augenblick, allen voran Robert Ballaman. Einer ihrer Torschützen, der später die tolle Atmosphäre des Trainingslagers in Magglingen lobt, in dem wohl so etwas wie der „Geist von Spiez“, der Deutschland auf den WM-Thron verhilft, entstanden sein muss.

„Erst ein Mätschli, dann wurde gejasst“

„Mit Musik wurden wir geweckt, spazierten eine Stunde lang durch die Wälder, nahmen das Morgenessen ein. Es folgten ein leichtes Training und 60 Minuten Ruhe. Nach dem Mittagessen zwei Stunden obligatorische Bettruhe, nachher ein Mätschli, dann Dusche, Theorie oder Aussprache. Und abends jassten (Kartenspiel, d. Red.) wir oder sahen uns einen Film an“, berichtet Ballaman.

Das Aus kam im torreichsten Spiel der WM-Geschichte

Bei so viel Ruhe drängt sich der Eindruck auf, dass der Herr es den Seinen im Schlaf gegeben hat. Vier Tage später scheiden die Schweizer in einem weiteren denkwürdigen Spiel aus: Das 5:7 gegen Österreich – nach 3:0-Führung und trotz zwei Ballaman-Treffern – ist die torreichste Partie der WM-Geschichte.

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Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz

Entscheidungsspiel am 23. Juni 1954 in Basel

Schweiz – Italien 4:1

Schweiz: Parlier – Neury, Bocquet – Kernen, Flückiger, Casali – Ballaman, Vonlanthen, Hügi, Meier, Fatton

Italien: Viola – Magnini, Giacomazzi – Tognon, Nesti, Mari – Muccinelli, Pandolfini, Lorenzi, Segato, Frignani.

Tore: 1:0 Hügi (14.). 2:0 Ballaman (48.) 2:1 Nesti (67.), 3:1 Hügi (85.), 4:1 Fatton (90.)

Zuschauer: 28500 in Basel

Schiedsrichter: Griffith (Wales)

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