Ortswechsel kann helfen Sportpsychologin: Wie die DFB-Auswahl mit dem Druck umgehen kann

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Training vor dem Freizeitpark: Der Ortswechsel nach Sotschi kann alte, positive Erinnerungen beim DFB-Team wecken. Foto: dpaTraining vor dem Freizeitpark: Der Ortswechsel nach Sotschi kann alte, positive Erinnerungen beim DFB-Team wecken. Foto: dpa

Osnabrück. Gegen Schweden steht die deutsche Mannschaft am Samstag unter großem Druck – wie kann sie damit umgehen? Sollte sie sich an Cristiano Ronaldo ein Beispiel nehmen? Der Portugiese blüht unter Druck regelrecht auf. Babett Lobinger sagt: Das ist kein Zufall. Sie beschäftigt sich an der Sporthochschule Köln mit Leistungspsychologie. Im Interview spricht Sie über das Thema Druck.

Frau Lobinger, bei den letzten WM-Turnieren ist der amtierende Weltmeister immer früh gescheitert. Haben Titelverteidiger einen besonderen Druck?

Das kann daran liegen. Aber generell sind für ein solches Ergebnis immer eine Vielzahl von Faktoren verantwortlich. Druck ist inzwischen ein Modewort. Er ist Oberbergriff für alles Mögliche und schnell schuld, wenn wir nicht genau wissen, woran es liegt. Und damit machen wir es uns zu einfach.

Der Druck war zu groß als schlichteste Erklärung.

Genau. Und nach dieser Diagnose, kommt dann häufig die Forderung nach Mentalität. Das kann ich gar nicht gut leiden. Denn es suggeriert, der einzelne Spieler ist dafür verantwortlich, dass das Ergebnis nicht stimmt. Wer so etwas macht, stiehlt sich aus der Verantwortung und lässt die Spieler damit alleine.

Parallel dazu lautet der Vorwurf gerade auch bei der deutschen Mannschaft: Die waren ja schon Weltmeister, die sind ja satt.

Auch das ist viel zu pauschal. Selbst bei dem einfachsten aller Modelle würden wir sagen, ein Ergebnis ist von den handelnden Personen abhängig, aber auch von zahlreichen Umweltbedingungen.

Was ist damit gemeint?

Nicht nur die Länge der Grashalme auf dem Feld. Es gibt eine Vielzahl von Einflussfaktoren. Abgesehen davon treffen unterschiedliche Charaktere aufeinander, mit unterschiedlichem Fitnesszustand. Dann kommt die Dynamik einer Gruppe hinzu ebenso wie die Erwartungen der Spieler und des Umfelds sowie bereits gemachte Erfahrungen und die Aufgabe, die vor ihnen liegt.

Per Mertesacker hat das Thema Druck kürzlich in die Öffentlichkeit getragen.

Und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Der Profifußball ist immer noch ein Bereich, in dem man sehr schlecht mit den Schwächen der einzelnen umgeht. Da finde ich es nicht hilfreich, wenn gestandene Leute im Fernsehen sagen: Ist der Druck zu groß, bist Du zu schwach. Das mag für Pfefferminzbonbons eine gute Werbung sein, aber es ist nichts, was wir im Sinne des Wohlbefindens und der Leistungsoptimierung propagieren sollten. Wichtiger ist es zu schauen, wie kann ich mit Druck umgehen?

Und wie geht das?

Man muss den Druck erst einmal entmystifizieren und ihn nicht prinzipiell verteufeln. Viele von uns werden besser unter Druck.

Cristiano Ronaldo zum Beispiel.

Ja. Und das hat seinen Grund. Er ist bereit und kann Probleme als Herausforderung sehen. Er wendet fast bilderbuchhaft so genannte Pre-Performance-Strategien an. Er hat zum Beispiel immer ähnliche Abläufe und Atemtechniken.

Wenn er vor dem Strafstoß seine Schritte abzählt und sich breitbeinig hinstellt, ist das also nicht affig, sondern gut gegen Druck?

Von außen betrachtet kommt da sicherlich noch ein wenig Eindrucksmanagement hinzu. Aber man sieht ihn zum Beispiel sehr oft in einer ganz bestimmten Position, die wir auch empfehlen, Hände in die Hüfte gestützt, durch die Nase ein- und den Mund ausatmen. Er schließt auch oft die Augen, um sich zu konzentrieren. So scheint er wenig empfänglich für das, was um ihn herum passiert. Seine Leistung ist kein Zufall, sondern sehr gut und professionell vorbereitet.

Wie kann man lernen, mit Druck umzugehen?

Durch Trainingssituationen. Dafür setzen wir uns im Nachwuchsbereich seit Jahren ein. Es geht nicht darum, die Spieler nicht ins kalte Wasser zu werfen, und zu sehen, wer darin besonders gut schwimmen kann, sondern dass man ihnen ordentlich schwimmen beibringt und ihnen einen Neoprenanzug anzieht, wenn das Wasser zu kalt ist.

Am Samstag ist die deutsche Mannschaft wieder unter Druck – gegen Schweden geht es um alles oder nichts. Wie kann sie sich darauf vorbereiten?

Man kann diesen sehr diffusen Druck zum Beispiel einmal genauer analysieren. Etwa mit Blick auf die Zielsetzung. Es ist ein Unterschied, ob ich immer gleich ganz oben anfange und sage: So, das Ding müssen wir jetzt gewinnen. Das weiß jeder, aber nicht unbedingt wie.

Und dann?

Dann sagt man: Jeder von uns hat eine bestimmte Aufgabe. Das haben die Mexikaner sehr gut gezeigt. Da ist ein Spieler ins Spiel gegangen und hat nicht gesagt, wir müssen gewinnen. Sondern er ist auf den Platz gegangen und hat gesagt, meine Aufgabe ist es heute Toni Kroos aus dem Spiel zu nehmen. Und das hat er dann gemacht. Wir nennen das Prozessziel.

Und diese Ziele muss Joachim Löw benennen.

Das ist wie bei einem Orchester. Der Trainer ist der Dirigent, der alles bis zum kleinsten Prozess aufteilt und danach sagt: Wir wissen, was von uns erwartet wird und sind gewappnet, dieser Aufgabe zu begegnen. Und wenn jedes Rädchen ins andere greift, geht unser Plan auf. Und wenn der nicht aufgeht, dann haben wir noch einen zweiten Plan.

Was gibt es noch für Stellschrauben?

Die des Umfelds. Das könnte mit dem Umzug nach Sotschi schon erfolgt sein. An die Stadt hat die deutsche Mannschaft positive Erinnerungen. Da könnte man sagen: Wir sind jetzt an einem anderen Ort, jetzt beginnt das Turnier noch einmal neu.

Die deutsche Mannschaft gilt eigentlich als Turniermannschaft.

Ja. Und das kann man nutzen und sich auf seine Stärken besinnen. Das wäre dann eine Intervention auf Personenebene, die dritte wichtige Säule. Da muss man etwa schauen, wer hat welchen Rucksack aus dem ersten Spiel dabei hat und wie kann ich wen stärken? Wichtig ist: Der Druck darf nicht in Angst umschlagen. Jürgen Klopp hat mal gesagt: Man soll nicht daran denken, was man verlieren kann, sondern immer daran denken was es zu gewinnen gibt.

Bei einer Aussprache im Team soll es „geknallt“ haben, verriet Manuel Neuer.

Und das kann gut und wichtig sein. Man kommt zusammen, dann kracht es mal richtig und danach sieht man, wo die Grenzen des anderen liegen. Das kann sehr produktiv für ein Team sein, denn so ergeben sich oft klare Regeln. Dann wissen wir, wie wir miteinander umzugehen haben. Und dann kann eine Mannschaft im besten Fall unter Druck auch einmal über sich hinaus wachsen.


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