Zeichen gegen die Unterdrückung Im Iran dürfen Frauen nicht ins Stadion, bei der WM protestieren sie dagegen

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Kasan Der iranische Anhang bringt mehr als nur gute Stimmung nach Russland: In Kasan wird das nächste Zeichen gesetzt, dass es selbstverständlich ist, wenn Männer und Frauen gemeinsam ein Fußballstadion besuchen. Im Iran ist es Frauen seit der Revolution 1979 verboten, ein Stadion zu betreten.

In der Baumannstraße von Kasan befindet sich einer der stimmungsvollsten Schmelztiegel dieser WM-Stadt, die kubanische Bar „Cuba Libre“. Am Montagabend wachten Sicherheitskräfte über den Zutritt – wegen des großen iranischen Andrangs. Obwohl das zweite Gruppenspiel des Außenseiters gegen Spanien erst am Mittwoch (21 Uhr/ARD) in der Kasan-Arena stattfindet, war ein Teil der erwarteten 15000 Unterstützer schon eingetroffen, die von den kurzen Flugzeiten zwischen Teheran und Moskau profitieren. Was auffällt: wie viele Frauen aus der Islamischen Republik darunter waren.

„Wir brauchen diese Bilder, damit sich was ändert“

„Wir wollen, dass sie mit uns ins Stadion gehen“, sagt Keyvan Sayahy. Sein Argument klingt einleuchtend: Wenn es in einer kubanischen Bar jedem freisteht, ob er Bier oder Tee trinkt, Tacos oder Lammfleisch isst, muss zur weltmeisterlichen Freiheit gehören, dass beide Geschlechter bei einem solchen Ereignis live dabei sind. Zum Beleg zeigt der 43-Jährige Bilder und Videos auf seinem Smartphone, die gerade erst in St. Petersburg entstanden sind: wie Männer und Frauen die Sause nach dem 1:0 gegen Marokko zelebrierten.

Sayahy, der in London mit einer Brasilianerin zusammenlebt, bekommt bei dem Thema leuchtende Augen. Jedem will er sagen, wie wichtig die Symbolik ist, wenn sich in den sozialen Netzwerken nun die nächsten Verbrüderungsszenen verbreiten, bei denen iranische Frauen sich umarmen lassen, in die Kameras lächeln, ja sogar gegnerische Fans küssen. „Wir brauchen diese Bilder, damit die Regierung etwas ändert.“ Sein Bruder Peyman nickt.

Gemeinsam für die Gleichberechtigung

Sechs Jahre hatten sich die beiden nicht gesehen, denn der jüngere lebt noch in Schiras, einer Großstadt im südlichen Zagros-Gebirge. Nun reisen sie nicht nur für die Unterstützung von Team Melli gemeinsam durch Russland, sondern auch für die Gleichberechtigung, die auch der ehemalige Bundesligaspieler Ali Daei befürwortet: „Ich hoffe, dass die Frauen eines Tages ins Stadion dürfen. Wir werden mehr Zuschauer haben. Die Frauen werden sich freuen, und die Männer werden versuchen, sich besser zu benehmen.“

Protest gegen die Unterdrückung

Seit der Islamischen Revolution 1979 ist es Frauen im Iran verboten, ein Fußballstadion zu betreten. Staatspräsident Hassan Rohani hat sich bislang nicht erweichen lassen. Im Frühjahr wurden fast drei Dutzend Frauen festgenommen, die ihren Fuß hineinsetzen wollten. Die Sittenwächter glauben, dass die vulgären Äußerungen und die infernalischen Gesänge der Männer ihnen nicht gut bekämen. Die Gebrüder Sayahy sind ganz anderer Meinung: „Wir sollten sie nicht verstecken.“ Die Schönheiten seien allerbeste Repräsentanten, wenn sie sich bunt geschminkt und mit offenen Haaren im Trikot präsentierten. Auf Instagram-Profilen wie #iraniangirl“ zeigt er Hunderte Bilder und Kommentare. Als Protest gegen die Unterdrückung.

Plakate für ein Ende des Banns

Im Krestowski-Stadion tauchten vergangenen Freitag mehrere Plakate auf, die ein „Ende des Banns“ einforderten. Der Weltverband FIFA schritt nicht ein, weil er die Bekundung als sozialen Appell und nicht als politische Botschaft verstand. Viele Iraner und Exil-Iraner waren erstaunt, wie offen danach Nationaltrainer Carlos Queiroz zudem die Sanktionen gegen den Iran rügte. Der Portugiese beklagte sich, dass seine Mannschaft keine Testspielgegner, kein Trainingscamp gefunden habe. Der 65-Jährige will daraus noch mehr Inspiration ableiten, um den scheinbar übermächtigen europäischen Fußball-Großmächten Spanien und Portugal nacheinander die Stirn zu bieten.

Mit Vollbart und Mütze im Stadion

Zur Motivation könnten sich seine Spieler ja Zahra Khoshnavaz als Vorbild nehmen. Die Aktivistin hatte sich in Teheran mit Vollbart und Wollmütze als Mann verkleidet, um einmal bei ihrem Lieblingsverein Persepolis zuzuschauen. Der ARD berichtete sie gerade von ihrem aufsehenerregenden Coup: „Als ich den grünen Rasen sah, musste ich weinen. Erst wenn man drin ist, weiß man, was man jahrelang verpasst hat.“ Ihre Bilder verbreiteten sich über die Social-Media-Kanäle in Windeseile. Genau wie die Schnappschüsse aus Russland soll steter Tropfen den Stein höhlen. Ihre Gesinnungsgenossen aus Kasan sind überzeugt, dass der verbohrte Klerus bald nicht anders kann, als die Blockadehaltung aufzugeben. Für sie wäre es fast der wichtigste Sieg, den Iran bei dieser WM feiern könnte.


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