Start in Moskau mit Showprogramm WM-Eröffnung: Pop, Putin und die russische Seele

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Moskau. Braucht es musikalische Showprogramme zur Eröffnung eines Fußballfestes? Wer diese Frage mit Nein beantwortet, kann der FIFA zugutehalten, dass sie das Programm diesmal zumindest nicht ausufern ließ – und außerdem vorbildlich auf die geächtete Pyrotechnik verzichtete.

Die Hauptzutat zum Festakt: ein paar längst bekannte Pophymnen, die der britische Musiker Robbie Williams – unterstützt von einer russischen Sängerin – vortrug. Begleitet von Formationsvorführungen durch etwa 800 Darsteller, die Fußballmotive, die teilnehmenden Länder und einen russischen Drachen repräsentierten.

Putin heißt die Fußball-Familie willkommen

Was lange fehlte, war echte russische Folklore, echte Authentizität abseits der Show – sie kam erst, nachdem Wladimir Putin die „Fußball-Familie“ willkommen geheißen und das Weltsportfest mit salbungsvollen Worten eröffnet hatte. „Wir haben lange hart daran gearbeitet, die WM zu bekommen“, sagte Russlands Präsident – es war die Stelle, an der vielen Beobachtern einfiel: Gerade Skandale, die in einer Familie passieren, werden ja gerne vor der Öffentlichkeit unter dem Deckel gehalten.

Wie in Wimbledon

Los war es wie in der Regenpause beim Tennisturnier in Wimbledon gegangen: Helfer zogen eine grüne Plane über das Gras. Dann trugen sie Teile einer achteckigen Bühne an die Mittellinie. Als Williams daraufsprang, breitete sich erstmals verhaltener Jubel im weiten Rund aus. Bei der vorhergehenden Präsentation des WM-Pokals durch den spanischen Torhüter Iker Casillas und das russische Model Natalia Vodianova war das Stadion noch fast leer gewesen – umso skurriler wirkte zu diesem Zeitpunkt die ohrenbetäubend laute Begleitmusik aus den Lautsprechern.

Williams mit russischer Begleitsängerin

„Lasst mich euch unterhalten“ oder „Ich will richtige Liebe fühlen“ – auch Williams war zunächst laut und fordernd. Gerade viele Russen unter den Zuschauern reagierten eher zurückhaltend auf die Performance, dachten vielleicht darüber nach, ob es im eigenen Land jemanden gegeben hätte, der gesanglich etwas mehr russische Seele zu bieten gehabt hätte. Immerhin einen Akzent konnte Begleitsängerin Aida Garifullina beim Lied „Angel“ (Engel) setzen: Ein bisschen Drama, ein bisschen Arie im Evanescence-Sound zum Flaggeneinmarsch – aber auch eher Pop als Tradition.

78000 Kehlen schmettern Hymne

Doch dann kam er doch noch, der Moment, der tief in die russische Seele blicken ließ – auch wenn der Festakt schon vorbei war. Und zwar, als alle inbrünstig die russische Nationalhymne sangen. Dieses heftige Lied, geschmettert aus über 78000 Kehlen, vermittelte eine Ahnung von der Kraft des Riesenreiches und war der perfekte Auftakt für die WM auf russischem Boden – und das furiose Spiel, das folgte.


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