60 Jahre vor Santiago Arroyave Robert Schlienz – der einarmige deutsche Fußballnationalspieler

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Osnabrück. Die Fußballwelt staunt in diesen Tagen über einen einarmigen Kolumbianer, der gerade sein Profidebüt gegeben hat. Der 18-Jährige Santiago Arroyave, dem seit der Geburt der linke Arm fehlt, wurde in einem Pokalspiel seines Clubs Leones eingewechselt. Seine Geschichte wurde weltweit erzählt, Hunderttausende freute sich mit ihm. Anlass genug, um an einen einarmigen deutschen Fußballer zu erinnern, der deutscher Meister wurde und drei Länderspiele bestritt.

Als beim VfB Stuttgart nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wieder der Ball rollte, gehörte ein junges Talent aus dem nahen Zuffenhausen dazu: Dieser Robert Schlienz war ein Mittelstürmer von außergewöhnlicher Klasse und früher Reife; ein Strafraumstürmer, der die Chancen roch und eiskalt nutzte. Er war gerade mal 21, als er in der ersten Saison der Oberliga Süd in 30 Spielen 46 Tore für den VfB erzielte – ein Oberliga-Rekord für die Ewigkeit.

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„Nicht Jürgen Klinsmann war der größte Fußballer, den Stuttgart je hervorgebracht hat, sondern Robert Schlienz. Er ist die allerhöchste Stufe dessen gewesen, was man einen Goalgetter nennt“, schrieb der Stuttgarter Reporter und Bestseller-Autor Hans Blickensdörfer über den Mann, den er in zig Spielen sah und so beschrieb: „Wenn er aus fünf Chancen drei Tore machte, hatte er einen schlechten Tag. Er war im Strafraum eine größere Gefahr als Gerd Müller oder Uwe Seeler.“

Linker Arm bei Autounfall zerquetscht

Wer weiß, wie die Karriere des Stürmers weitergegangen wäre, wenn er am 14. August 1948 pünktlich am Treffpunkt der Mannschaft gewesen wäre. So verpasste Robert Schlienz die Abfahrt zum Pokalspiel beim VfR Aalen. Er lieh sich von einem Freund ein Auto, ein alterschwaches, klappriges Vorkriegsmodell. In einem Schlagloch kam der Wagen aus der Balance und stürzte auf die Fahrerseite, wo Schlienz an dem heißen Tag den linken Arm aus dem offenen Fenster hängen ließ.

Sein Ellbogen wurde zerquetscht, der Arm wenige Stunden nach dem Unfall amputiert. An Fußball, an ein Comeback auf der großen Bühne, glaubte niemand. Abgesehen von zwei Menschen: Robert Schlienz selbst und VfB-Trainer Georg Wurzer. Verbissen arbeiteten sie in Zusatzschichten auf dem Trainingsplatz an Bewegungsabläufen und Körpergefühl, wie besessen übte der Stürmer das Abrollen nach Stürzen, um nicht auf den Stumpf zu fallen.

Comeback vier Monate nach dem Unfall

Und der Trainer fand eine neue Position für den Torjäger, um ihn aus dem Strafraum herauszuhalten: Als Außenläufer, später als eine Art früher Libero, war Schlienz bis 1960 ein Ass des VfB. Sein Comeback gab er keine vier Monate nach dem Unfall, am 5. Dezember 1948 beim 2:1 gegen Bayern München. Schlienz war der Kapitän der Mannschaft, die die erfolgreichste Ära des Vereins gestaltete. 1950 und 1952 war er der Dirigent und Antreiber auf dem Weg zu zwei Deutschen Meisterschaften,. 1958 gewann er mit dem VfB den Pokal.

Zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg, drei Länderspiele

Krönung seiner außergewöhnlichen Karriere waren die drei Länderspiele, zu denen Bundestrainer Sepp Herberger den Einarmigen 1955 und 1956 berief. Gegen Irland (2:1 in Hamburg), die Niederlande (1:2 in Düsseldorf) und gegen England (1:3 in Berlin) trug er an der Seite von Fritz Walter, Max Morlock, Hans Schäfer, Jupp Posipal und Horst Eckel das Trikot der deutschen Nationalmannschaft.

Vor Spiel und Training wurde das Trikot über dem linken Armstumpf zusammengebunden; im Alltag trug Schlienz eine Kunsthandmanschette. Viele, die ihn nur aus alten Wochenschau-Aufnahmen oder Zeitungsberichten kannten, vermuteten eine Kriegsverletzung. Tatsächlich war Schlienz im Krieg; an der Ostfront traf ihn eine Kugel im Kiefer.

Real-Weltstar di Stefano: Der Beste auf dem Platz war der Einarmige

Das größte Lob sprach der spanische Weltklassefußballer Alfredo di Stefano aus, nachdem er mit der spanischen Nationalmannschaft ein Testspiel gegen den VfB bestritten hatte. „Der beste Mann auf dem Platz war der Einarmige“, sagte der Star von Europapokal-Seriensieger Real Madrid, „was ich von ihm gesehen habe, war für mich bis jetzt unvorstellbar.“

So ging es vielen, und deshalb ist es durchaus mal wieder an der Zeit, an dieses Fußballer-Schicksal zu erinnern. Schlienz beendete seine Karriere 1960, er blieb Mitglied im VfB Stuttgart, der sein Amateurstadion nach ihm benannte. Am 19. Juni 1995, kurz vor einer Ehrung für 50 Jahre VfB-Mitgliedschaft, starb Robert Schlienz an einem Herzinfarkt.


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